Politik

Das sozialistische Kuba erlebt einen Umbruch in Zeitlupe

Der alte Mann und das Meer: Ein Angler sitzt am Malecon, der Uferstraße, in Havanna. 

Der alte Mann und das Meer: Ein Angler sitzt am Malecon, der Uferstraße, in Havanna. 

Foto: Robin Kunte

Havanna.   Seit einigen Jahren ist ein Reformprozess im Gang – er geht aber nur langsam voran. Der boomende Tourismus ist Grund für soziale Ungleichheit.

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Das alte Kaufhaus steht mitten in Havanna. Es sieht heruntergekommen aus, so wie die meisten Häuser in Centro Habana, dem dichtbesiedelten Teil der kubanischen Metropole. Drei Bauarbeiter hängen an Seilen vom Dach herunter. Mit Hammer und Meißel machen sie sich an der riesigen Fassade zu schaffen.

Sie schlagen den Putz kleinteilig ab, die Stücke landen oft auf der Straße, und manchmal sogar in bereitgestellten Containern. Welches Ziel die drei Arbeiter verfolgen, wird dem Beobachter nicht richtig klar – und wirklich viel schaffen sie auch nicht weg. Knapp drei Wochen später sieht die Wand des Kaufhauses beinahe unverändert aus.

Kuba. Diese eigentlich kaum bedeutende Insel in der Karibik mit ihren zwölf Millionen Einwohnern hat der Geschichte des 20. Jahrhunderts ihren Stempel aufgedrückt. 59 Jahre nach der Revolution befindet sich das Land in Bewegung – sehr gemächlich.

Geschäfte auf eigene Rechnung

„Kuba erlebt einen Umbruch in Zeitlupe“, sagt Professor Bert Hoffmann vom Giga Institut für Lateinamerika-Studien. Seit Raúl Castro im Jahr 2006 die Regierungsgeschäfte von seinem mittlerweile verstorbenen Bruder Fidel übernommen hat, ist ein sanfter Reformprozess im Gang. Seit einigen Jahren dürfen Kubaner auf eigene Rechnung Geschäfte machen, es entsteht eine wachsende Privatwirtschaft. Es gibt private Restaurants; Friseure oder Taxifahrer machen sich selbstständig.

Den größten Boom im Privatsektor erlebt der Tourismus. Das Land steht ganz weit oben auf der In-Liste der internationalen Tourismusbranche. Es sind nicht bloß große Hotels, die davon profitieren – sondern auch Kleinunternehmer wie Iliana. Die Mittfünfzigerin steht im Wohnzimmer ihres Kolonialhauses in Cienfuegos. An der Wand hängen Bilder ihrer Kinder, im Raum warten eine Menge Schaukelstühle auf müde Gäste. Die Fassade ist neu gestrichen.

Immer mehr Touristen kommen auf die Insel

„Wir haben das Haus vor fünf Jahren gekauft und alles neu gemacht. Den Boden raus und die Decke auch“, erzählt Iliana, der man eine Aufbruchstimmung anmerkt. Zusammen mit ihrem Mann Fredy betreibt sie eine „Casa particular“. Von diesen Privatunterkünften gibt es Tausende im Land. Direkt neben dem Wohnzimmer haben sie ein Gästezimmer eingerichtet. Das Geschäft lohnt sich offenbar. „Es kommen viele Deutsche und Franzosen“, sagt sie – und es werden mehr. Sobald die steile Treppe nach oben ein Geländer bekommen hat, wollen sie ein zweites Zimmer neben der Dachterasse anbieten.

Auch in Trinidad, einer gut erhaltenen und bei Touristen äußerst beliebten Stadt an der Südküste der Insel, läuft das Geschäft gut, manchmal sogar zu gut. „Im November haben manche Leute im Park übernachtet, weil nichts mehr frei war“, berichtet Mario, ein Rentner, der zusammen mit seiner Frau eine Unterkunft betreibt.

Das Bildungssystem steckt in der Krise

„Ohne den Tourismus könnte Kuba kaum überleben“, sagt Bert Hoffmann. „Er ist der einzige Wirtschaftssektor, der weltmarktfähig ist.“ Doch das Geschäft mit den Urlaubern hat seine Schattenseiten. Er verstärkt die soziale Ungleichheit im sozialistischen Kuba.

Wer erfolgreich im Tourismus arbeitet, kommt leichter an Devisen. In Kuba gibt es noch immer zwei Währungen: Den 1:1 an den Dollar gekoppelten „Peso Convertible“ (CUC) und den kubanischen Pesos (CUP), der nur einen Bruchteil davon wert ist. Wer nicht regelmäßig nennenswerten Zugang zu harter Währung hat (und das betrifft rund die Hälfte der Bevölkerung) ist viel stärker mit den Folgen der Mangelwirtschaft konfrontiert.

Da wundert es kaum, dass die vielen gut ausgebildeten Kräfte lieber im Tourismus arbeiten, anstatt für den staatlichen Durchschnittslohn von 28 CUC als Lehrer aufs Land zu gehen. Zum Vergleich: Ein Taxifahrer mit einem gut laufenden Geschäft kann durchaus auf bis zu 800 CUC im Monat kommen. Dem Staat fehlen hingegen die Lehrer. Das hochgelobte Bildungssystem bekommt zunehmend Probleme.

Internet gibt es fast nur an staatlichen Hotspots

Nicht nur die Reformen in der Privatwirtschaft verändern das Land. Auch die gesellschaftlichen Verhältnisse bewegen sich, die Beziehung zwischen Staat und Bürgern entspannt sich. Die Menschen werden seltener zu politischen Aktionen aufgerufen. Von Demokratie ist die Insel jedoch weit entfernt. Trotz der wachsenden Unzufriedenheit wird die Opposition erfolgreich kleingehalten, laut Amnesty International gab es 2016 durchschnittlich 862 willkürliche Festnahmen pro Monat. Die Menschenrechte sind eingeschränkt, Internet gibt es beinahe ausschließlich an staatlichen Wlan-Hotspots. Dort tummeln sich jeden Abend junge und alte Kubaner mit ihren Smartphones.

Was die Zukunft des Landes angeht, bleiben viele Fragen offen: Wie geht es weiter mit der von Barack Obama vorangetriebenen Annäherung zwischen den USA und Kuba? Niemand weiß, was Donald Trump zu Kuba einfällt. Nächstes Jahr bekommt auch der Inselstaat einen neuen Chef. Raúl Castro will abtreten. Hoffmann glaubt nicht, dass unter dem Nachfolger das Tempo anzieht. Damit die Infrastruktur aufgepäppelt werden kann und die Wirtschaft in Gang kommt, sei das Land auf Geld von außen angewiesen. Außerdem müsste es Anreize geben, damit sich Bildung lohnt und müssten mehr Freiräume für die Menschen geschaffen werden. Das kann dauern. Wahrscheinlich wird die Fassade in Havanna schneller fertig.

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