Europawahl

Duisburger Verein feiert EU-Wahlparty mitten in Hochfeld

Serap Güler, Staatssekretärin für Integration (CDU), im Gespräch mit Mitgliedern des Vereins Zukunftsstadtteil und Nachbarn aus dem durch Migration geprägten Stadtteil Hochfeld in Duisburg.

Serap Güler, Staatssekretärin für Integration (CDU), im Gespräch mit Mitgliedern des Vereins Zukunftsstadtteil und Nachbarn aus dem durch Migration geprägten Stadtteil Hochfeld in Duisburg.

Foto: André Hirtz

Duisburg.   Duisburg-Hochfeld ist international. Daher darf nur jeder Fünfte hier wählen. Der Verein Zukunftsstadtteil feiert trotzdem eine Wahlparty.

Europa – das ist vieles, im Großen, wie im Kleinen, in der großen Weltpolitik, wie auch in der gelebten Nachbarschaft über Grenzen hinweg. An diesem Wahlsonntag bedeutet Europa aber eben auch Kaffee und Kuchen in gemütlicher Runde auf einem Kirchplatz in Duisburg-Hochfeld. Der europäische Gedanke, hier wird er nicht nur gelebt, hier wird er gefeiert.

„Hochfeld ist pralles Europa“, sagt Michael Willhardt, Mitglied des Vereins Zukunftsstadtteil und einer der Organisatoren der Wahlparty auf dem Platz vor der Pauluskirche. „Mehr als 50 Prozent unserer Nachbarn kommen aus den Ländern Europas, mal mehr, mal weniger.“ Im Stadtteil seien fast alle der 28 europäischen Nationen vertreten – lediglich einen Finnen haben sie vom Verein Zukunftsstadtteil in Hochfeld noch nicht kennengelernt.

Pralles Europa – an den Wahlkabinen ist davon aber nicht viel zu spüren. Denn, so Willhardt, von den rund 18.000 Einwohnern Hochfelds bekommen nur 20 Prozent eine Wahlbenachrichtigung aus Duisburg. Alle anderen bekommen sie als EU-Ausländer aus ihren jeweiligen Herkunftsländern und müssten dann, erklärt der Soziologe, per Briefwahl oder im Konsulat wählen. Wie gut das klappt und ob es überhaupt wahr genommen wird, das wissen sie vom Verein nicht, aber besonders optimistisch sind sie nicht.

Hochfeld als politisches Niemandsland

Für Politiker bedeute das bei einer normalen Wahlbeteiligung in Hochfeld eine potenzielle Chance auf rund 800 Wählerstimmen. „Dafür lässt sich kein Politiker hier im Stadtteil blicken“, sagt Justus Klasen, Vorsitzender des Vereins, und zeigt auf die Wanheimer Straße: „Nicht mal Plakate hängen hier. Bis auf ein paar Splitterparteien ist Hochfeld praktisch plakatfrei.“

Damit sich der Stadtteil nicht in ein politisches Niemandsland verwandelt, wolle man jetzt Präsenz zeigen. „Wir haben uns bewusst für eine Wahlparty im öffentlichen Raum entschieden“, sagt Willhardt. Die Einladung dazu ging an alle große Parteien, an die Kandidaten zur Europawahl und die Landesregierung. „Wir haben viele Rückmeldungen aus dem ganzen Land bekommen, viel Schulterklopfen, auch ein Schreiben von Ministerpräsident Armin Laschet.“

Gekommen zum Europa-Kaffeeklatsch ist Serap Güler, Staatssekretärin für Integration im Düsseldorfer Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration. „Ich finde das eine klasse Aktion. Das Konstrukt Europa ist trotz aller Problem insgesamt ein Gewinn für uns.“ Und Probleme, die kennen sie in Hochfeld nur zu gut. Der Ruf des Stadtteils in Duisburg und darüber hinaus: denkbar schlecht. Zu laut sei es, viel zu dreckig, in vielen Ecken sei Deutsch zur Fremdsprache geworden. „Die Abstände der Lebenssituationen sind sicher groß, aber von einem Untergangsszenario, das oft beschworen wird, sind wir Lichtjahre entfernt“, sagt Willhardt. Doch schlechte Entwicklungen dürften auch nicht laufen gelassen werden, ist er sicher.

Feldforschungsprojekt soll Nachbarn miteinander in Kontakt bringen

Deshalb haben sie das Projekt „Hallo Nachbarn“ angestoßen. Die Idee: ein Zeichen setzen und in Kontakt kommen, erklärt Klasen: „Wir reden viel übereinander, aber zu wenig miteinander. Das wollen wir ändern.“ In Flugblättern rufen sie zum Dialog auf – auf türkisch, auf rumänisch, arabisch und auch auf deutsch.

„Wir möchten als Nachbarn gut zusammenleben“, heißt es darin. Die Internationalität von Hochfeld als Chance begreifen, statt als Hindernis. „Der Stadtteil hat seinen gewissen Reiz“, sagt Klasen und sein Mitstreiter Willhardt ergänzt: „Es gibt auch hier viele schöne Ecken. Hochfeld ist es wert, wir müssen nur dafür kämpfen.“

Verein kämpft weiter für den Stadtteil

Und während sich Staatssekretärin Güler am Nachmittag schon auf dem Weg nach Berlin befindet, diskutieren die Vereinsmitglieder und Nachbarn auf dem Kirchplatz noch weiter. Über Wünsche und Ziele für Europa, für die Wahl und für ihren Stadtteil. „Wir sind überzeugte Europäer. Deshalb erhoffen wir uns eine hohe Wahlbeteiligung und wenig Stimmen für die Gegner der EU“, erklärt Klasen.

In Deutschland würde man von der EU profitieren, trotz aller Schwierigkeiten, die es gibt: „Es gibt an einigen Ecken Probleme, aber umsonst kriegt man nichts.“ Und so kämpfen sie in Hochfeld weiter. Für Europa, für den europäischen Gedanken und für ihren Stadtteil.

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