Bergbau im Revier

Die NRZ startet eine Serie zum Ende des Bergbaus

Ein Selfie vor dem „Geleucht“.

Foto: Ralf Rottmann

Ein Selfie vor dem „Geleucht“. Foto: Ralf Rottmann

An Rhein und Ruhr.   Ende 2018 ist Schluss mit der Kohleförderung im Ruhrgebiet. Eine Industrie ist dann nur noch Geschichte. Wir begleiten das Aus mit einer Serie.

Ende Dezember 2018 schließt die letzte Zeche in NRW. Damit endet dann die große, rund 200 Jahre währende Bergbaugeschichte an Rhein und Ruhr. Ministerpräsident Armin Laschet hat in seiner Neujahrsansprache auf die Bedeutung des Bergbaus für das Land NRW und seine Menschen hingewiesen.

Die NRZ wird das letzte Jahr des Bergbaus zum Anlass nehmen zurückzuschauen. Aber wir werden auch zeigen: Was hat sich dort entwickelt, wo der Bergbau vor Jahren zu Ende gegangen ist. Zum Auftakt haben wir an drei Bergbaudenkmälern mit Passanten gesprochen und gefragt: „Was bedeutet für Sie das Ende des Bergbaus?“

Steile Lagerung in Essen

Aus der Ferne betrachtet verschwindet das Bergbaudenkmal der Steilen Lagerung in einem Wirrwarr aus Autos, Bussen und Hochhäusern. Direkt südlich des Essener Hauptbahnhofs, auf dem Platz namens Freiheit, erinnern, in Bronze gegossen, vier Kumpel im Streb an die harte Arbeit auf den Zechen. Seit 1989 steht die Bronzeskulptur des Düsseldorfer Bildhauers Max Kratz dort. Drei Jahre zuvor war mit der Schließung der Zeche Zollverein Essens Tradition als Bergbaustadt zu Ende gegangen.

„Die Steile Lagerung müsste noch etwas höher gesetzt werden, dann würden es alle Leute besser wahrnehmen. Für mich ist es eines der schönsten Denkmäler zum Thema Bergbau“, sagt Monika Szczepaniak aus Essen anerkennend. Ihr gefällt besonders, wie detailreich das Werk gestaltet wurde: „Wenn man etwas näher herangeht, erkennt man zwei Ratten, die zwischen den Arbeitern hin und her laufen. Außerdem sieht man das Arschleder an den Hosen der Kumpel, mit dem sie den Streb herunterrutschen konnten.“ Während sie das erzählt bleiben ab und zu Touristen vor der Steilen Lagerung stehen, schießen ein Foto von dem Denkmal. Die Essener hingegen würdigen die Steile Lagerung kaum eines Blickes. Die Kumpel aus Bronze gehören für sie längst zum Stadtbild.

Es beginnt wieder zu nieseln, eine Windbö pfeift über den Platz. Das passt, denn das Klima unter Tage, mit dem es die Bergarbeiter zu tun hatten, war ja auch nicht gerade gemütlich. Im Gegensatz zu den Zechen allerdings liegen die Temperaturen vor dem Denkmal momentan nicht bei deutlich über 20 Grad. Für August Otten ist es immer wieder eine spannende Erinnerung, an der Steilen Lagerung vorbeizugehen: „Das Denkmal stellt die Arbeiten in den engen Streben sehr gut dar. Schon vom Hinsehen kann man Klaustrophobie bekommen.“ Sein Bruder war Bergarbeiter, mehrere Freunde auch. Er hat mit ihnen gesprochen, es hat ihn beeindruckt, „wie stark der Zusammenhalt zwischen den Kumpeln gewesen sein muss. Jeder musste sich auf den anderen verlassen.“

Auch wenn die letzten Zechen am Ende dieses Jahren schließen, so ist für Susanne Kamperer eines sicher: „Die Geschichte des Bergbaus wird uns auch hier in Essen noch weiter begleiten. Allein schon deshalb, weil es immer wieder Bergschäden geben wird.“

„Das Geleucht“ in Moers

Auf der baumbestandenen Halde Rheinpreußen in Moers weht ein eisiger Wind und peitscht Spaziergängern den Regen ins Gesicht. „Das Geleucht“ heißt die überdimensionierte Grubenlampe, in Anlehnung an die Sprache der Kumpels. 123 Meter sind Halde und Lampe zusammen hoch – der Abraum der Zeche Rheinpreußen ist gemeinsam mit der Lampennachbildung das höchste Montankunstwerk der Welt.

Dem Wetter trotzen an diesem Tag nur ein paar Hundebesitzer, deren Tiere sich auch an ungemütlichen Januartagen ihre vier Beine vertreten wollen. Laura Kempkes’ Berner Sennenhund fühlt sich auf der großen Ebene sichtbar wohl, tollt durch die Gegend und schmeißt sich zum Leidwesen der 25-Jährigen in die größte Pfütze weit und breit.

„So ein Ding haben wir auch zu Hause stehen“, sagt Laura mit Blick auf das riesige Denkmal. Tatsächlich sind Grubenlampen beliebte Sammlerstücke und Teil des Kohlekults an Rhein und Ruhr. Auch daran dachte wohl der Künstler Otto Piene, als er sich 1998 im Rahmen des Landmarkenprojekts für dieses Motiv entschied. Vor gut zehn Jahren fertiggestellt, tauchen seitdem 35 Leuchtmasten die 8000 Quadratmeter Halde abends in ein tiefes Rot.

Obwohl sie in Duisburg aufgewachsen ist und heute in Moers wohnt, gibt es in Lauras Familie keine persönliche Verbindung zum Bergbau: „Ich kenne das Thema eher aus Besuchen im Museum.“ Ein paar Meter weiter machen zwei junge Paare Selfies vor der eindrucksvollen Kulisse. Adriana Ferencevic und ihr Mann Srdjan sind vor anderthalb Jahren aus Serbien nach Moers gekommen. Die Lampe auf der Halde ist ihnen schnell aufgefallen: „In unserer Heimatregion gibt es keinen Bergbau. Deshalb sind wir neugierig geworden und haben direkt gefragt, was es mit der Leuchte auf sich hat.“ Zusammen mit ihrem Besuch aus Serbien genießen sie die Aussicht auf den Rhein und die Industrieanlagen – so wie viele Tausend Besucher im Jahr.

Ehrenmal in Dinslaken

Die schlimmste Katastrophe unter Tage in Deutschland ereignete sich 1946 auf der Zeche Grimberg in Bergkamen: 405 Kumpel starben damals bei einer Schlagwetterexplosion. In Dinslaken erinnert das Bergmanns-Ehrenmal an alle verunglückten Kumpel des Bergbaus im Revier. Für Rainer Mohnke ist diese Erinnerungskultur selbstverständlich, schließlich sei der Kohleabbau noch sichtbar. „Ich komme jeden Tag an Prosper-Haniel vorbei, wenn ich meine Frau von der Arbeit hole.“ Die Stele im Stadtpark hatte er bis zu diesem Tag für ein Kriegerdenkmal gehalten. Keine Plakette, kein Schild weist darauf hin.

„Das Ehrenmal wurde 1967 durch den Knappenverein Glückauf in Dinslaken aufgestellt“, erklärt der ehemalige Bergmann Hermann Dolar. Jedes Jahr legt der Knappenverein dort zum Volkstrauertag einen Kranz nieder. Dolar weiß, Tragödien wie die von Grimberg tauchten in der jüngsten Geschichte des deutschen Kohleabbaus nicht mehr auf. Die Situation sei nicht vergleichbar mit der vor 50 Jahren, so Dolar. Die Vorstellungen von den dreckigen Gesichtern der Bergarbeiter, den krummen Rücken und die ständige Gefahr, an einer Staublunge zu erkranken, entsprechen schon lange nicht mehr der Wirklichkeit.

Klaus Groß, ehemaliger Stadtrat von Dinslaken meint, das Verschwinden des Bergbaus aus dem kollektiven Gedächtnis sei ganz natürlich, immerhin blieben Traditionen wie Bergmannsvereine. Die Phase des Abschieds sei in Dinslaken schon überstanden. Die Tugenden der Kumpel jedoch sollten im Gedächtnis bleiben.

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