Braunkohlestreit

„Der Hambacher Forst müsste trotzdem gerodet werden“

Der Tagebau Hambach gehört zu den größten Braunkohleabbaugebieten in Europa.

Der Tagebau Hambach gehört zu den größten Braunkohleabbaugebieten in Europa.

Foto: Lars Heidrich

Kerpen.   Der Betriebsratchef des Tagebaus Hambach spricht über Angriffe auf RWE-Mitarbeiter – und sieht großen Rückhalt bei den Menschen vor Ort.

Mit bangem Blick schaut Matthias Dürbaum auf die Lage im Hambacher Forst: Der Betriebsratsvorsitzende des Braunkohletagebaus Hambach sorgt sich um die Sicherheit vieler Beschäftigter. Robin Kunte sprach mit dem 30-Jährigen über die Situation im rheinischen Revier, die geplanten Rodungen und den CO2-Ausstoß.

Herr Dürbaum, welche Bedeutung hat die Kohle für die Region?
Der Tagebau ist einer der größten Arbeitgeber, bei der RWE Power AG arbeiten etwa 10 000 Beschäftigte im Tagebau und den Kraftwerks- und Veredelungsbetrieben. Dazu kommen 1800 Zulieferfirmen plus die energieintensive Chemie, Alu und Papierindustrie hier in NRW, da reden wir dann von gut 30 000 Menschen, die am System Braunkohle hängen. Es geht pro Jahr ungefähr um eine Wertschöpfung von 1,5 Milliarden Euro durch die Braunkohle in der Region.

Die Diskussion um den Hambacher Forst spitzt sich immer weiter zu. Ein Teil der Waldbesetzer gilt als gewaltbereit, wie nehmen die Beschäftigten im Tagebau das wahr?

Die Stimmung im Betrieb ist eine Mischung aus Angst und Unverständnis. Wir müssen uns mit massiven Angriffen auseinandersetzen, sei es mit Pyrotechnik, mit Molotowcocktails oder mit Steinbeschüssen. Die Eskalation der Gewalt auf Seiten der Waldbesetzer geht immer weiter nach oben, es wird in Kauf genommen, Menschenleben zu gefährden. Zum Teil geht es dieser Szene im Wald nicht um den Klimawandel, sondern um einen Systemwechsel.

Protest gibt es auch von Umweltverbänden und Bürgerinitiativen.
Keine Frage, wir als Betriebsrat und als Gewerkschaft IG BCE sind da auch sehr gesprächsbereit und suchen den Dialog – auch wenn die Meinungen in den Diskussionen auseinander gehen. In der Region habe ich übrigens nicht das Gefühl, dass dem Tagebau der Rückhalt fehlt. Ich denke nicht, dass hier alle gegen uns sind – eher im Gegenteil. Wir sind mit vielen Menschen im Gespräch und bekommen überwiegend positive Botschaften.

Unter anderem Umweltministerin Svenja Schulze fordert einen Rodungsaufschub, bis die „Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ mit ihren Beratungen zum Kohleausstieg fertig ist. Was halten Sie davon?
Davon halte ich gar nichts. Wenn wir in dieser Rodungssaison auf die Arbeiten verzichten würden, dann würden die Bagger und die Kohleproduktion zwangsläufig stillstehen. Dadurch könnten die Kraftwerke nicht mehr beliefert werden, die Energiesicherheit wäre in Gefahr. Was gerne vergessen wird: Selbst wenn ab sofort keine Kohle mehr gefördert werden würde, müsste der Hambacher Forst trotzdem gerodet werden.

Denn für eine langfristige Standsicherheit müssen die Endböschungen des Tagebaus flacher gestellt werden. Sonst könnten sie einstürzen. Zudem erarbeitet die Kommission langfristige Leitlinien für die Energiepolitik. Wir müssen unseren Betrieb kurzfristig weiter vorantreiben. Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe.

Aber ist die Braunkohle nicht Klimakiller und ein Auslaufmodell?
Es redet ja auch keiner davon, neue Tagebaue zu erschließen. Der Fahrplan fürs Rheinische Revier stimmt mit den Klimazielen der Bundesregierung überein. Wir reduzieren unseren CO2-Ausstoß von 2015 bis 2020 um 15 Prozent. Wenn 2030 der Tagebau Inden ausgekohlt und das Kraftwerk Weisweiler stillgelegt ist, sind die Emissionen um 40 bis 50 Prozent reduziert, Mitte des Jahrhunderts werden die anderen Tagebaue und Kraftwerke außer Betrieb gehen, dann liegt der C02-Ausstoß hier bei null.

Leserkommentare (1) Kommentar schreiben