Unter Tage

Der Förderturm ist Heimat – Geschichten vom Bergbau

Bergleute beim Schichtwechsel auf der Zeche Osterfeld in Oberhausen.

Foto: Manfred Vollmer

Bergleute beim Schichtwechsel auf der Zeche Osterfeld in Oberhausen.

An Rhein und Ruhr.   Mehr als hundert Leser haben uns ihre Gedanken, bewegenden Geschichten und Erinnerungen an den Bergbau in der Region geschickt. Eine Auswahl.

Das Ende des Bergbaus im Ruhrgebiet bewegt die Menschen – für diese Erkenntnis reicht ein Blick in die Zuschriften unserer Leser. Das Ende dieser großen Ära stimmt viele traurig und nachdenklich. Natürlich sind da trotzdem die wunderschönen Geschichten, wie die vom Onkel Erich, der seine liebste Ursula nach einem Unfall unter Tage kennengelernt hat und sie heiratete. Wir haben an dieser Stelle leider nur Platz für eine kleine Auswahl der vielen wunderbaren Erinnerungen und Gedanken an den Bergbau.

Ruhrpottromantik pur

Was kommt nach 2018? Diese Frage habe ich mir schon oft gestellt und ich blicke ein wenig melancholisch und doch gleichzeitig motiviert in diese Zukunft. Melancholisch werde ich, wenn ich an einem kalten Morgen mit dem Auto über die A2 fahre und in Höhe Königshardt die Dampfwolke sehe, die dem Schacht 1 der Schachtanlage „Franz-Haniel“, des letzten Bergwerks im Ruhrgebiet, entsteigt. Für mich Ruhrpottromantik pur, die jedoch bald enden wird. Eine Vorstellung, die mich traurig stimmt, da nicht nur eine Jahrhunderte alte Ära zu Ende geht, sondern, weil diese geheimnisvolle Welt tief unter der Erde verschlossen wird und ich meinem achtjährigen Sohn diese nicht mehr zeigen kann. Und wenn man sich mit Bergleuten unterhält, dann haben die meisten, auch wenn viele es nicht zugeben möchten, einen dicken Kloß im Hals und – wie man im Ruhrgebiet sagt – „Pippi inne Augen“.
(Lars van den Berg, Recklinghausen)

Steiger aus Vernunft

Es ist 1959. Onkel Erich ist 23 Jahre alt und in der Ausbildung zum Steiger. Vor allem aus Vernunft: Ein gut bezahlter und immer noch angesehener Beruf. Unter Tage aber träumt er vom Musikstudium, vielleicht könnte er eines Tages Pianist werden. Manchmal packt er sich Partituren zum Pausenbrot, um sie zu studieren. Ein schwerer Unfall auf Zeche Nordstern in Gelsenkirchen-Horst wird für ihn beinahe zum Ende seiner Träume. Erich wird 1200 Meter unter Tage verschüttet, bricht sich dabei etliche Knochen. Von einem Rettungstrupp wird er geborgen und direkt in das „Bergmannsheil“ eingeliefert. Schwester Ursula bekommt einen Patienten zugeteilt, der ihr Leben verändern wird. Ihre Fürsorge ist heilsam und humorvoll, Erich geht es bald besser. Monate später holt er „Ursel“ gegen alle Regeln immer wieder nachts am Schwesternwohnheim ab und verspricht ihr schließlich die Treue bis ans Ende seiner Tage. Er ist 79 Jahre alt geworden und er hat Wort gehalten. (Thomas Oberste-Schemmann)

Eigentlich unvorstellbar

Mein Vater war Bergmann und arbeitete vor ca. 30 Jahren in Gelsenkirchen in der Zeche Consolidation. Heute wohnen wir in der Nähe vom Tetraeder in Bottrop und laufen fast jeden Tag bei Wind und Wetter und zu verschiedenen Tageszeiten einmal zum Tetraeder rauf und an den Treppen wieder runter. Wir sind immer wieder fasziniert über den Ausblick rüber zur Zeche Prosper-Haniel: Wie groß das Gelände ist! Wir sind sehr traurig darüber, dass Ende des Jahres alles vorbei sein soll. Dass da bald keine Lichter mehr leuchten und keine Geräusche von Motoren, Baggern, Zügen oder anderen Maschinen mehr sind – eigentlich ist das unvorstellbar. (Petra Schneider)

Ein bisschen Wehmut

Viele meiner Schulfreunde wuchsen in Familien auf, die durch die Zechen geprägt waren. Mein Opa kam 1950 als Zimmermann aus Bayern in den Pott, um in Duisburg auf Zeche Westende sein Geld zu verdienen. Ich habe als Kind immer gespannt zugehört, wenn Opa auf seinem Sessel sitzend, die eine oder andere Geschichte von unten „ausse Grube“ erzählt hat. Mit 16 fing ich meine Ausbildung als Dreher in Sterkrade an. Mein ursprünglicher Plan, eine Ausbildung auf der Zeche, stieß zu Hause nicht gerade auf Begeisterung. Die Zeichen der Zeit waren unmissverständlich. Ausbildung ja, Übernahme wenn überhaupt, nur befristet. Zukunft leider ungewiss. Im Nachhinein bin ich froh, dass mich meine Eltern ein wenig in die andere Richtung gelenkt haben. Heute arbeite ich als Ausbilder für Zerspanungsmechaniker und bereue dieses in keinster Weise. Trotzdem kommt immer Wehmut auf, wenn ich an alten Zechen vorbeifahre oder doch mal in der Kneipe mit einem Püttologen ins Gespräch komme. (Andreas Bödigheimer)

Ein Stück Heimat

Ich bin 1975 geboren und kann mich daran erinnern, dass ich mit meinem Vater Anfang der 80er-Jahre einmal mit dem Auto nach Altenessen gefahren bin. Auf dem Weg dorthin konnte ich im Vorbeifahren den oberen Teil des großen Förderturmes der Zeche Zollverein sehen. Beide Räder des Förderturmes drehten sich und mein Vater erklärte mir, dass dies die Zeche Zollverein sei und dort Kohle von ganz tief unter der Erde über Seile des Förderturmes nach ober gezogen wird. Ich war fasziniert und bin es bis heute. An diese Autofahrt erinnere ich mich, als sei sie erst gestern gewesen. Heute wohne ich ganz in der Nähe der Zeche Prosper-Haniel und sehe regelmäßig im Vorbeifahren den imposanten Förderturm an der Halde Haniel. Immer wieder bleibt mein Blick an ihm hängen und wenn sich die Räder des Förderturmes drehen, bin ich wie geblendet. Wenn ich weiter weg unterwegs war und über die A2 zurück ins Ruhrgebiet komme, weiß ich, ich bin wieder zu Hause, wenn ich den Förderturm sehe. (Stefanie Mürmann)

Bergmann auf Lohberg

Meine berufliche Laufbahn startete ich auf der Schachtanlage Lohberg im Jahr 1974 mit der Ausbildung zum Berg- und Maschinenmann. Nach der Abschlussprüfung ging es ins Kohlerevier mit all seinen guten und schlechten Seiten, von denen ich hier nur einige nennen möchte. Das Verhältnis der Kumpel untereinander ist das beste und ehrlichste, was ich bisher in meinem Berufsleben erleben durfte. Es spielte keine Rolle wer du bist, woher du kommst. Wer das nicht selber erlebt hat, kann es nur schwer nachvollziehen. Die Arbeit im Streb war hart. Es war warm, stickig, laut, und der Schein der Kopflampe ging im Staub unter, wenn die Schrämmaschine vorbei kam. Und die Teepulle war immer zu früh leer. Doch das alles war nach der Schicht, bei der ersten Zigarette in der Kaue, vergessen. Nach einem Unfall unter Tage hab ich die Bergmannskluft abgelegt, aber denke immer gerne an diese Zeit zurück. (Thomas Goyke)

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