Wohnprojekte

Das Generationenkulthaus in Essen: Wie ein Dorf in der Stadt

Spannende Aussichten: Bärbel Heuser, Johannes Heuser, Claudia Tekampe und Monika Rintelen (v.l.) zusammen mit dem Hausgründer (und Mitbewohner) Reinhard Wiesemann auf der Terrasse des Generationenkulthauses. Foto:Volker Hartmann

Spannende Aussichten: Bärbel Heuser, Johannes Heuser, Claudia Tekampe und Monika Rintelen (v.l.) zusammen mit dem Hausgründer (und Mitbewohner) Reinhard Wiesemann auf der Terrasse des Generationenkulthauses. Foto:Volker Hartmann

Essen.   Das Generationenkulthaus ist ein Ort vieler Möglichkeiten: Hier wohnen und arbeiten Menschen verschiedener Generationen und Nationen zusammen.

Ein Haus – und so viele Möglichkeiten: Unten ein Café mit angeschlossenem Trödelmarkt, darüber Arbeitsräume für Selbstständige, die von hier aus ihre Unternehmen leiten können, eine Etage höher Wohnungen, kleine Apartments, Wohngemeinschaften, Gästezimmer für Besucher und ganz oben, im sechsten Stock, eine große, gemütliche Lounge, die man eigentlich nie wieder verlassen möchte. Wenn es einen an diesem sonnigen Tag nicht auf die Dachterrasse zöge. Traumhaft hier: nette Sitzgruppen, Liegestühle, dazwischen einiges Grün und rundherum bepflanzte Balkonkästen. Dazu ein weiter, freier Blick mit Großstadtpanorama. Braucht man mehr?

„Nee, mehr braucht man nicht“, sagt Monika Rintelen, öffnet die Tür zu ihrer Wohnung zwei Etagen tiefer und deutet Richtung Fenster: „Mein Wohnzimmer, mein Schlafzimmer, mein Wintergarten.“ Alles da – ein Raum, elfeinhalb Quadratmeter. „Das reicht völlig aus“, sagt die 64-Jährige. Die restlichen 50 Quadratmeter hat sie einem jungen Paar überlassen, mit dem sie sich die Wohnung teilt. „Kochen tu ich hier sowieso nicht, dafür geh ich immer nach oben.“ Oben, das ist die Lounge, zu der zwei bestens ausgestattete Küchen gehören. Dort kocht sie aber meistens nicht für sich allein, sondern für viele. Sie ist Teil einer Kochgruppe. 14 Leute. Jeden Tag kocht einer aus der Gruppe für alle. Genuss mit Gemeinschaftsgefühl.

Muss man aber nicht mitmachen, es gibt auch viele, die für sich bleiben. „Keine Dienstpflichten, kein Gruppenzwang. Freiheit ist ganz wichtig“, sagt Reinhard Wiesemann, Bewohner und Gründer dieses Modells, das nach urbaner Avantgarde klingt, nach einem Wohnkonzept aus London, Stockholm oder Berlin. Aber so weit muss man gar nicht fahren. Bis zum Essener Hauptbahnhof reicht. Und dann die Fußgängerzone herunter, bis dahin, wo die City deutlich ruppiger wird. Nördliche Innenstadt, nicht gerade das klassische „Schöner Wohnen“-Viertel, aber erkennbar im Wandel und inzwischen mit dem Beinamen Kreativquartier geadelt.

Barrierefrei und seniorengerecht

Genau dort hat der Essener Unternehmer, Voraus-Denker und Macher Reinhard Wiesemann vor einigen Jahren das leerstehende Gebäude einer Versicherung gekauft. Für 800 000 Euro ging es auf einer Auktion an ihn, vier Millionen Euro hat Wiesemann dann noch mal reingesteckt, um aus einem ehemaligen Bürohaus die architektonische Grundlage seines Wohnprojektes zu gewinnen. 2012 eröffnete das Generationenkulthaus, kurz GeKu-Haus, das Menschen jeden Alters, vieler Nationen und Kulturen sowie Wohnen und Arbeiten verbindet.

Das Haus ist barrierefrei und seniorengerecht, weil Wiesemann sich bei seinem Konzept die Frage stellte, wie er selbst gerne im Alter leben möchte. Dabei ist er selbst erst 57. Doch wer hier lebt, ist jung - nicht unbedingt an Lebensjahren, aber was Geist, Esprit und Ideen angeht. Rund 50 Jahre liegen zwischen den jüngsten und den ältesten der aktuell 44 Bewohner. Das macht das Miteinander spannend und anregend, wenn man zusammenkommt, weil es etwas zu feiern gibt, bei Vorträgen oder Abenden im hauseigenen Kino, am Billardtisch, bei der Geku-Musikgruppe, oder einfach nur beim Zwiegespräch in der Bibliothek.

Und wer möchte, übernimmt Aufgaben, so wie die Heusers. Bärbel und Johannes, beide jenseits der 60, die den anderen Bewohnern Frisches vom Wochenmarkt mitbringen und dafür sorgen, dass es immer einen Lebensmittel-Vorrat gibt, für diejenigen, die nicht dazu gekommen sind, einzukaufen. „Wir sind ein Dorf in der Stadt“, beschreibt Bewohnerin Claudia Tekampe (39) das Lebensgefühl im GeKu-Haus.

Die erste Etage ist für Freiberufler reserviert, Co-Worker genannt, die ebenfalls Teil der Hausgemeinschaft sind. Patrick Harnisch ist einer von ihnen. Er ist Chef einer Personalvermittlung, die er von seinem „Space“ im GeKu-Haus aus organisiert. Den Platz hat er übers Internet gefunden, als er von der Bundeshauptstadt ins Ruhrgebiet zog. Und eines steht für ihn inzwischen fest: „Berlin vermisse ich überhaupt nicht.“

Lebendig, aber auch laut

Und wie ist es, hier zu wohnen? „Lebendig, aber auch schon mal laut“, sagt Wolfgang Nötzold, einer der GeKu-Haus-Bewohner der ersten Stunde. Rundherum sind Kneipen, Bars, Diskotheken, gerade am Wochenende sind die Nachtschwärmer lange unterwegs. Nötzold, der vor fünf Jahren extra aus Dortmund nach Essen gezogen ist, engagiert sich zudem fürs Quartier, denn auch darum geht es: das Stadtviertel mitzugestalten.

Das will der 70-Jährige weiterhin tun, auch wenn er inzwischen aus dem Geku-Haus ausgezogen ist, nicht weil es ihm missfällt, sondern weil sich die Lebensumstände geändert haben. „Es gibt auch ein Leben nach dem Wohnprojekt“, sagt Nötzold, „aber es waren fünf sehr spannende Jahre.“

Woanders hinziehen? Kommt für Monika Rintelen überhaupt nicht mehr in Frage. „Ich bin verliebt in dieses Haus“, schwärmt die 64-Jährige. „Tolle und interessante Leute, inspirierende Atmosphäre - hier geh’ ich nie wieder weg.“

>>INFO: DAS GEKU-HAUS: WOHNUNGEN, BÜROS

UND WG-ZIMMER

18 barrierefreie Wohnungen zwischen 35 und 65 Quadratmetern und 21 WG-Zimmer gibt es in dem Mehrgenerationenhaus an der Viehofer Straße in Essen. Dazu kommt eine Etage mit Büro- und Arbeitsplätzen. Wobei sich herausgestellt habe, dass die kleineren Einheiten eine deutlich höhere Nachfrage als die größeren Wohnungen hätten, so GeKu-Haus-Gründer Reinhard Wiesemann. Das liegt womöglich auch an den Kosten: 14 Euro Kaltmiete kostet der Quadratmeter, was vor allem darin begründet ist, dass auf 2000 Quadratmeter Gesamtwohnfläche 1000 Quadratmeter Gemeinschaftsfläche, u.a. mit Lounge, zwei Dachterrassen, Küchen, Heimkino, Bibliothek und Wellnessbereich, kommen.

An jedem ersten Samstag im Monat um 11 Uhr gibt es offene Führungen durch das Haus. Nähere Informationen unter:
www.geku-haus.de

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