Gerichtsprozess

Fall Greta: Angeklagte wollte schon immer Erzieherin werden

Vor dem Landgericht in Mönchengladbach ging am Donnerstag der Prozess gegen eine 25-Jährige weiter. Sie soll ein dreijähriges Kind in einer Kita in Viersen getötet haben.

Vor dem Landgericht in Mönchengladbach ging am Donnerstag der Prozess gegen eine 25-Jährige weiter. Sie soll ein dreijähriges Kind in einer Kita in Viersen getötet haben.

Foto: Olaf Fuhrmann / FUNKE Foto Services

Mönchengladbach.  Die Angeklagte im Fall Greta bestreitet alle Tatvorwürfe. Sie schildert unter Tränen, dass sie selbst von einem Onkel missbraucht worden sei.

Erzieherin zu werden, das sei von Anfang an ihr Wunschberuf gewesen. Doch in der Realität wollte es nicht so recht klappen. Ihr Anerkennungsjahr schaffte sie erst im zweiten Anlauf. Die „mangelhafte“ Leistung konnte sie ihrer Aussage nach durch ihre „guten“ schulischen Leistungen verbessern. Am Ende stand die Gesamtnote „Ausreichend“ auf dem Papier. Auch in den Kitas, in denen sie anschließend arbeitete, fiel sie negativ auf. An diesem zweiten Prozesstag im Fall der toten Greta (3) aus Viersen erfährt die Öffentlichkeit im Landgericht Mönchengladbach nur wenig, wer die Frau ist, die die Dreijährige während des Mittagsschlafes erstickt und andere Kinder auf ähnliche Weise misshandelt haben soll.

Justizbeamte führen die 25-jährige Angeklagte wenige Minuten nach 12 Uhr in den Gerichtssaal A 100, über dem in geschwungenen Lettern „Schwurgerichtsaal“ steht. Wie schon am ersten Verhandlungstag hält sie sich eine Kladde vors Gesicht. Ihre Anwälte, Felix Menke und Ingo Herbort, schirmen ihre Mandantin gekonnt mit ihren Körpern ab. Sie wirkt selbst noch fast wie ein Kind. Sie ist nicht besonders auffällig, nicht besonders groß, von schlanker Statur. Eine Seelsorgerin aus der Justizvollzugsanstalt hat neben den Verteidigern Platz genommen. Sie betreut Sandra M. .

Fall Greta: Angeklagte spricht am zweiten Prozesstag über ihr Leben

Schräg gegenüber der Angeklagten sitzt Gretas Mutter . Erneut wird sie erst kurz vor Verhandlungsbeginn in den Saal geführt, gemeinsam mit einem weiteren Nebenkläger. Sie erhoffen sich Antworten darauf, warum ein Kind sterben musste, warum weitere Kinder gequält und misshandelt wurden. Doch diese Antworten wird es an diesem Tag nicht geben.

Am ersten Verhandlungstag beantwortet Sandra M. die Fragen des Vorsitzenden Richters Lothar Beckers mit kurzen, leisen „Ja“. Heute spricht sie mehr. Über sich und ihr Leben. „Damit wir Sie kennenlernen“, sagt der Richter.

Sie sei nervös, sagen ihre Anwälte. Sandra M. beginnt mit einer gebrochenen Stimme als sie erzählt, dass sie im April 1995 in Kempen als Tochter eines Schlossers und einer Hotelfachfrau geboren worden ist. Dann reiht sie schnell ihre Stationen aneinander: Mit ihrer Familie zog sie 1998 nach Straelen. Das städtische Gymnasium verließ sie nach zwei Jahren, machte auf einer Gesamtschule in Krefeld ihren Realschulabschluss. Auf dem Berufskolleg begann ihre Ausbildung zur Erzieherin.

Ehrenamtliche Arbeit in einem Kindergarten in Kevelaer

Ihr Anerkennungsjahr wollte sie in dem Kindergarten ableisten, den sie einst selbst als Kind besuchte. Doch dort sei man zu dem Entschluss gekommen, dass sie ihr Anerkennungsjahr aussetzen solle. Woran es gefehlt habe?, will der Richter wissen. „Mir fehlte Selbstsicherheit“, antwortet sie mit einem Hauch Ungeduld. Es wird deutlich: Arbeiten wie Dokumentationen und Organisation mag sie nicht.

Um die noch fehlende Erfahrungen zu sammeln, arbeitete sie ehrenamtlich in einem Kindergarten in Kevelaer, bevor sie den zweiten Anlauf fürs Anerkennungsjahr in einer Krefelder Kindertagesstätte nahm – und mit Ach und Krach ihre staatliche Anerkennung erhielt. Die erste Stelle als Erzieherin – befristet für ein Jahr – führte sie in eine Kita nach Kempen. Sie sollte in einer Notgruppe arbeiten, die nach einem Jahr wieder aufgelöst werden sollte. Danach nahm sie eine Ein-Jahresstelle als Mutterschutz-Vertretung in einer Kita in Tönisvorst an. Bereits vor Ablauf des Jahres, am 30. November wurde ihr gekündigt, gibt sie erst auf Nachfrage des Richters zu. Aber auch ihr habe es dort nicht gefallen, einige Kollegen hätten andere Vorstellungen von der Arbeitsorganisation gehabt.

Und auch in Viersen, wo sie von Januar bis April 2020 arbeitete, sei ihr die Einrichtung zu groß gewesen, sie wollte in einer kleineren Kita arbeiten. Deshalb habe sie hier selbst gekündigt. In all diesen Kindergärten soll sie laut Anklage Kinder bis zur Atemnot misshandelt haben, in Gretas Fall bis zum Tod. Sie ist wegen Mordes und Misshandlung Schutzbefohlener in acht weiteren Fällen angeklagt.

25-Jährige nahm psychologische Hilfe in Anspruch

Während sie redet, bricht sie immer wieder in Tränen aus. Als der Richter fragt, ob sie jemals einen Unfall oder neurologische Schäden gehabt habe, erreicht das Schluchzen seinen Höhepunkt. „Atmen Sie erst mal durch“, sagt der Richter. Dann setzt sie an: Ein Onkel habe sie missbraucht, als sie 15 Jahre gewesen sei. Einer Zuschauerin entgleitet ein leises, langgezogenes, ironisch klingendes „Ooh“.

Sie habe erst spät mit ihren Eltern darüber gesprochen, eine Strafanzeige hätten sie nicht in Erwägung gezogen, „weil der Vorfall dann schon drei Jahre her war“, sagt sie auf Nachfrage des Richters. Unter dem Vorfall habe sie sehr gelitten, deswegen habe sie psychologische Hilfe in Anspruch genommen. Ihre Nase läuft, sie zieht sie hoch, wischt mit den Ärmeln übers Gesicht. Mehr will sie dazu nicht sagen.

Das übernimmt wenig später eine Gutachterin. Der Onkel habe sie damals, 2010, nur in Unterwäsche bekleidet, aufs Bett gedrückt, sie am Hals geküsst. Sie habe sich befreien können.

Anwälte der Angeklagten wollen Gutachten besprechen

Marie Lingnau hat Fragen. Die Anwältin vertritt Gretas Mutter als Nebenklägerin. Doch ihre Fragen werden von der Verteidigung nicht zugelassen. „Aus Sicht von Gretas Mutter war das ein unbefriedigender Tag“, sagt sie.

M’s Anwalt lässt sich nur kurz zur Sache ein: Seine Mandatin bestreite die Tatvorwürfe insgesamt. Punkt.

Der Prozess wird am 30. November fortgesetzt. Ob sich die Anwälte von Sandra M. näher zur Sache äußern, bleibt abzuwarten. Sie wollen nun ein Gutachten besprechen, das ihnen erst spät zugegangen sei.

„Auch im Ermittlungsverfahren gab es kein Geständnis“, sagte Staatsanwalt Stefan Lingens im Anschluss. Nach wie vor bestehe dringender Tatverdacht gegen Sandra M..

Er bestätigte auch Gerüchte über ein makabres Hobby der Angeklagten. Gegenüber einer Zeugin habe sie erzählt, Grabreden für kleine Kinder geschrieben zu haben.

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