Schwächeanfall

Merkels Zitteranfall: Bei ihrem Pensum mal Pausen nötig?

Ein Schwerpunkt werde in den Beratungen darauf liegen, die USA dazu zu bewegen, die Arbeit der Welthandelsorganisation nicht zu torpedieren.

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Berlin  Zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Zitterattacke. Beim G20-Gipfel gibt sie sich gelassen.

Der Zitteranfall von Angela Merkel – zum zweiten Mal in wenigen Tagen hat vergangene Woche die Bundeskanzlerin ein Schütteln heimgesucht. Beim ersten Mal wurde noch angeführt, sie habe zu wenig getrunken, habe dann in der Hitze gestanden. Beim zweiten Mal geschah es jedoch im klimatisierten Schloss Bellevue.

Viele machten sich schnell Sorgen – geht es der Kanzlerin gut? Die politische Rechte nutzte, wenig überraschend die Vorfälle sofort für Aufforderungen, Merkel müsse zurücktreten. Unvermittelter gab da ein Kommentar von der Grünen-Chefin, der vielen missfiel.

Dienstag ging es Merkel nach Brüssel, um dort gemeinsam mit den anderen Regierungschefs über die Spitzenjobs in der EU zu entscheiden. Eigentlich war diese schon Montag erwartet worden – nach 20 Stunden Ringen hatte es aber immer noch keine Einigung gegeben. Dienstag geht es weiter. Stress für Merkel? Viele befürchten, dass der jahrelange Druck Spuren hinterlassen hat.

Nach Zitteranfall: Ministerpräsident Weil hat für Absagen „bei ihrem Pensum“ Verständnis

Am Montagabend war Merkel beim Fest der Niedersächsischen Landesvertretung erwartet worden, auch am frühen Abend hieß es noch, sie würde kommen – letztlich sagte sie dann aber doch ab.

Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) erklärte, dafür habe man bei ihrem Pensum Verständnis. Schnell spekulierten manche, sie bräuchte eben doch mal eine Pause. Das Treffen mit Erdbeerkönigin und Lokalpolitikern aus Niedersachsen musste da dann wohl hinten anstehen.

Merkels Zittern: Ist die Kanzlerin krank? Was wir wissen:

  • Merkel zitterte vergangene Woche erstmalig
  • Erklärung damals: Sie habe nicht genug getrunken
  • Am Donnerstag der zweite öffentliche Vorfall
  • Dieses Mal war sie im Schloss Bellevue – ein Glas Wasser lehnte sie ab
  • International gibt es Spekulationen über eine Krankheit
  • Mehrere Zeitungen, etwa die Stuttgarter Nachrichten, zitieren Quellen in der Regierung: Schuld sei die Psyche – bestätigt ist dies nicht
  • Ein Facharzt erklärt gegenüber Bild, er sehe keine Anzeichen für Parkinson
  • Merkel selbst beteuert, es gehe ihr gut
  • Grünen-Chefin Baerbock überraschte mit einem Kommentar – für den sie sich später sogar entschuldigte

Merkel in Brüssel:

Merkels Zitteranfall: Geht es der Kanzlerin gut?

Es waren zwei Minuten, die ernste Sorgen um die mächtigste Frau der Welt auslösten. Donnerstagmorgen, Schloss Bellevue: Angela Merkel stand bei der Amtsübergabe von der alten zur neuen Justizministerin neben dem Bundespräsidenten. Wenig später sollte es nach Japan gehen. Alles schien normal.

Nachdem Frank-Walter Steinmeier etwa eine halbe Minute gesprochen hatte, räusperte sich Merkel. Dann fing ihr ganzer Körper zu zittern an. Ein dpa-Fotografen hielt die Szene im Video fest. Wie vor neun Tagen, als sie im Hof des Kanzleramtes neben dem neuen ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj bei Gluthitze in der Sonne stand.

Zitteranfall: Annalena Baerbock entschuldigt sich für Tweet

Inzwischen hat Merkel noch einmal beteuert, es ginge ihr grundsätzlich gut – in Japan, wo sie trotz des Zwischenfalls hingeflogen war. Trotzdem hat der Vorfall – neben weiteren Spekulationen über Merkels Gesundzustand – weitere Folgen. So musste sich am Wochenende Grünen-Chefin Annalena Baerbock entschuldigen.

Nachdem sie zuvor getwittert hatte, Merkels Gezitter in der Hitze zeige der Kanzlerin, „dass dieser Klimasommer gesundheitliche Auswirkungen hat“, erklärte sie kurz darauf: „„Das ist gründlich schief gegangen.“ Dafür bekam sie viel Kritik. Auf Kosten der Gesundheit anderer mache man keine Scherze, fanden viele. Nicht mal in Sachen Klimaschutz.

Viele sorgen sich: Hat die Kanzlerin ein gesundheitliches Problem? Leidet sie gar an Parkinson? Leidet ihre Psyche unter dem fortwährenden Druck? Sind die vielen Jahre Kanzlerschaft und Krisenmanagement zu viel gewesen? In Japan zeigt sie sich beim G20-Gipfel topfit, diskutiert mit den Mächtigen der Welt. Krankheit? Leiden? Sie selbst wiegelt ab.

„Ich bin überzeugt, so wie diese Reaktion aufgetreten ist, so wird sie auch wieder vergehen“, sagte Merkel am Samstag in Osaka auf die Frage, ob sie aufklären könne, was hinter den Zittervorfällen stecke und ob sie deswegen einen Arzt konsultiert habe. Sie könne die Frage verstehen, sagte Merkel daraufhin. „Ich habe aber nichts Besonderes zu berichten. Sondern mir geht es gut.“

Angela Merkels Zitter-Attacke dauert rund zwei Minuten

Fest steht: In Bellevue war der Saal gut klimatisiert. Die

legte immer wieder die Arme vor dem Körper übereinander, offenbar um nicht die Kontrolle zu verlieren. Steinmeier bekam offensichtlich nichts davon mit oder er ließ sich nichts anmerken.

Ein Mitarbeiter des Bundespräsidenten eilte heran, reichte der 64 Jahre alten Kanzlerin ein Wasserglas. Kurz nahm sie es, gab es aber sofort wieder zurück, ohne etwas zu trinken. Fürchtete sie, das Glas zu verschütten? Den Schwächeanfall vor neun Tagen hatte Merkel damit erklärt, dass sie zu wenig getrunken habe. „Ich hab inzwischen mindestens drei Gläser Wasser getrunken, das hat offensichtlich gefehlt. Und insofern geht es mir sehr gut“, sagte sie.

Warum die Kanzlerin beim Empfang von Selenskyj zitterte

Merkel erholt sich nach Zittern schlagartig

Wie bei Selenskyj erholte sie sich am Donnerstag schlagartig, als sie sich anschließend bewegen konnte. So war sie kurz darauf im Bundestag bester Dinge, wo sie bei der Vereidigung der neuen Justizministerin Lambrecht von der SPD dabei war. Am Vortag war sie dort von den Abgeordneten befragt worden – Merkel stand 60 Minuten an ihrem Platz. Seit 14 Jahren macht sie den härtesten Job, den es in Deutschland gibt. Merkel ist immer im Dienst. Das Tempo in der Politik hat sich dabei im Vergleich zur Zeit von Helmut Kohl oder Gerhard Schröder noch einmal beschleunigt.

Die Nacht vor der neuerlichen Zitterattacke dürfte für Merkel wieder eine kurze gewesen sein. Als am Mittwochabend die SPD-Bundestagsfraktion auf ihrem Hoffest in einem Zirkuszelt neben dem Kanzleramt die nahende Sommerpause feierte, war zu sehen, dass in der Machtzentrale noch länger Licht brannte. Merkel beriet mit CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer, CSU-Chef Markus Söder und dem konservativen EU-Kommissionspräsidentenanwärter Manfred Weber die vertrackte Lage im Postenpoker in Brüssel.

Hintergrund:

Ein Arzt ist auf Reisen immer in der Nähe der Kanzlerin

Am Donnerstag um kurz nach 13 Uhr, also nur rund viereinhalb Stunden nach dem Zwischenfall im Schloss, bestieg Merkel dann im militärischen Teil des Flughafens Tegel eine Regierungsmaschine nach Japan. Elf Stunden dauerte der Flug nach Osaka zum G20-Gipfel. Eine Absage stand nicht im Raum: „Alles findet statt wie geplant. Der Bundeskanzlerin geht es gut“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert.

Außerdem schickte die Flugbereitschaft extra einen zweiten Airbus nach Japan hinterher – damit nach der Pannenserie bei den Regierungsjets ausgeschlossen werden kann, dass Merkel unterwegs liegen bleibt oder am Sonntag es nicht rechtzeitig zum EU-Postengipfel nach Brüssel schafft. Wegen des Ausfalls von Teilen der Bordelektronik hatte Merkel im Dezember den Auftakt des G20-Gipfels im argentinischen Buenos Aires verpasst.

Beim G-20-Gipfel erwartet Merkel hartes Programm

Ein Arzt ist auf Reisen immer in ihrer Nähe. Merkel hat zwar eine luxuriös ausgestattete Kabine mit einem Bett. Aber in der Maschine sitzen viele Hauptstadtreporter, die wissen wollen, was mit der Regierungschefin los ist. Konnte die Kanzlerin die lange Flugzeit nach Japan zur Erholung nutzen?

Zunächst sah es nach ihrer Ankunft in Osaka am frühen Freitagmorgen deutscher Zeit danach aus. Die Kanzlerin wirkte bei der Begrüßung durch den japanischen Ministerpräsident Shinzo Abe fit. Kurz danach stand ein Gespräch mit Donald Trump auf dem Programm. Der US-Präsident hatte Deutschland noch kurz vor dem Gipfel zum wiederholten Mal wegen seiner Verteidigungsausgaben und der angeblichen Nähe zu Russland kritisiert. In Osaka nannte Trump die Kanzlerin jedoch eine „fantastische Person“ und „großartige Freundin“, mit der das Verhältnis „grandios“ sei. Trump eben: unberechenbar.

Beim Gipfel erwartet Merkel ein hartes Programm, von Wladimir Putin bis Donald Trump. Dazu kommt die Zeitverschiebung von sieben Stunden. In Osaka darf Merkel bei 27 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit auf der Weltbühne keine Schwäche zeigen. Der USA-Iran-Konflikt, der Zollstreit zwischen China und den USA, Nordkorea, die Welt hat schon ruhigere Tage gesehen. Seit 14 Jahren können die Deutschen dennoch stets gelassen das Licht ausknipsen mit der Gewissheit, ihre Kanzlerin wird es schon schaukeln. Nie gab es Zweifel an Merkels Robustheit.

Hin und wieder hatte sie ähnliche Schwächeanfalle gezeigt, aber nie so stark und ausdauernd gezittert. Ernsthaft verletzt war Merkel als Kanzlerin nur einmal. In den Weihnachtsferien Ende 2013 im Schweizer Engadin stürzte sie beim Langlauf. Sie zog sich eine schwere Prellung zu, verbunden mit einem unvollständigen Bruch im linken hinteren Beckenring. Merkel musste viel liegen und sich mehrere Wochen schonen.

Medien spekulieren über Merkels Gesundheitszustand

Seit jeher rühmt sich Merkel, sie besitze kamelartige Fähigkeiten. „Ich habe eine gewisse Speicherfähigkeit. Aber dann muss ich mal wieder auftanken.“ Die kurze Frist zwischen den beiden Zitteranfällen bestärkt die Sorgen, ob mehr dahintersteckt.

Weltweit spekulierten Medien umgehend über den Gesundheitszustand der Kanzlerin, die angekündigt hat, bis 2021 im Amt zu bleiben – wenn die Koalition mit der SPD bis dahin hält. Als beim Evangelischen Kirchentag in Dortmund die ehemalige Staatspräsidentin Liberias und Friedensnobelpreisträgerin Ellen Johnson Sirleaf Merkel als eine der größten Führungspersönlichkeiten des 21. Jahrhunderts pries und sie aufforderte, länger im Amt zu bleiben, da antwortete Merkel: „Alles hat einen Anfang und alles hat nun einmal ein Ende.“

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