Müll

Tabakindustrie könnte für Entsorgung von Zigaretten zahlen

Zigarettenkippen stellen vor allem an der Ostseeküste ein Problem dar. Die Bundesregierung erwägt daher, Tabakhersteller an den Reinigungskosten zu beteiligen.

Zigarettenkippen stellen vor allem an der Ostseeküste ein Problem dar. Die Bundesregierung erwägt daher, Tabakhersteller an den Reinigungskosten zu beteiligen.

Foto: imago stock&people

Berlin  Zigarettenkippen schaden Menschen, Tieren und der Umwelt. Das Bundesumweltministerium möchte daher die Tabakindustrie zur Kasse bitten.

Weggeworfene Zigaretten vermüllen die Meere, schaden der Umwelt, den Tieren und könnten auch für Menschen gefährlich sein: Das geht aus einer Antwort des Bundesumweltministeriums auf eine Kleine Anfrage der Grünen hervor, die unserer Redaktion vorliegt. Jedes dritte weggeworfene Müllprodukt ist demnach eine Zigarette.

Das Wichtigste in Kürze:

  • In Zigarettenfiltern sind giftige Stoffe vorhanden.
  • Wenn Zigaretten nicht sachgemäß entsorgt werden, stellen sie eine Gefahr für die Umwelt dar.
  • In Deutschland ist vor allem die Ostseeküste vom Zigarettenmüll betroffen.
  • Die EU möchte Hersteller an Reinigungskosten für Einwegmüll beteiligen.
  • Das Bundesumweltministerium möchte prüfen, ob die Tabakindustrie die Entsorgungskosten zahlen kann.
  • Ein generelles Zigarettenverbot schließt das Bundesumweltministerium aus.

Vor allem an der Ostsee stellen Zigaretten ein Müllproblem dar

Vor allem in den Meeren und an den Stränden fallen die Stummel auf. Einer Studie der Europäischen Kommission von Anfang 2018 zufolge stellen Zigaretten die größte Gruppe der weggeworfenen Kunststoffe dar – mit einem Anteil von 19 Prozent.

Während weggeworfene Zigaretten an den Nordseestränden demnach nicht ins Gewicht fallen, sind sie an der Ostsee ein Problem: Jedes zehnte aufgelesene Müllprodukt an den Ostseestränden ist eine Kippe.

Im Filter bildet sich ein giftiges Gemisch

Problematisch sind an den Zigaretten nicht der Tabak, sondern die Rückstände im Filter. Dort bilden Nikotin mit Stoffen wie Arsen, Blei oder Benzol ein giftiges Gemisch. Selbst unter optimalen Bedingungen dauere der natürliche Abbau „zwei bis drei Jahre“, heißt es in dem Schreiben des Bundesumweltministeriums.

Zigaretten sind dabei einerseits für Meeresbewohner ein Problem. In Nikotin-Versuchen zeigten Würmer und Fische ein verändertes Verhalten, Gewichtsverluste und Genschäden und starben häufiger.

Andererseits können die Rückstände auch für Menschen gefährlich werden, wenn sie in Böden, in Ober- und Grundwasser gelangen. Dem Umweltministerium zufolge ist nicht auszuschließen, dass „sie über diesen Pfad auch in die Nahrungskette gelangen“. Ein Problem für das Trinkwasser sei dagegen nicht zu erkennen.

Keine eindeutige Aussage, inwiefern Kinder betroffen sind

Auch lasse sich nicht eindeutig sagen, inwiefern Kinder von weggeworfenen Zigaretten betroffen sind. Im Zeitraum zwischen 1990 und 2017 seien insgesamt 218 Kinder unter 14 Jahren in einer Statistik angeführt, die mit einer Nikotinvergiftung ärztlich behandelt werden mussten.

Die Dunkelziffer liege wohl höher. Wie viele davon tatsächlich mit weggeworfenen Zigaretten in Kontakt gekommen sind, sei unklar.

Was passiert im Körper, wenn man aufhört zu rauchen?

Nach 20-30 Minuten Blutdruck und Puls sinken, Hände und Füße werden wärmer. Nach 12 Stunden Der Kohlenmonoxid-Gehalt im Blut sinkt, der Sauerstoffwert steigt. Alle Organe werden so wieder besser mit Sauerstoff versorgt.
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Kosten für Entsorgung zahlt die Allgemeinheit

Ebenfalls unklar sei, wie viel die Entsorgung der Kippen kostet, da die Kommunen keine Statistik zu Zigarettenabfällen führen. Fest stehe aber, wer derzeit die Entsorgung der Kippen zahlt.

Die öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträger sind für den Zigarettenmüll zuständig. Ergo: „Die Kosten werden über die Abfallgebühren auf die Allgemeinheit umgelegt.“

Grünen-Politikerin möchte Tabakindustrie zur Kasse bitten

Kristen Kappert-Gonther von den Grünen, die die Kleine Frage im Bundestag stellte, hält das für ein Unding: „Die Hersteller von Zigaretten müssen an den Kosten der Umweltfolgen beteiligt werden, damit die Kosten nicht auf die Allgemeinheit umgelegt werden“, sagte die Bundestagsabgeordnete unserer Redaktion.

Das erwägt auch das Bundesumweltministerium. Zuletzt hatte bereits Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) dafür geworben, die Tabakindustrie an den Reinigungskosten zu beteiligen. In Frankreich ist eine Umweltabgabe für Zigarettenhersteller bereits in Planung.

EU bereitet Richtlinie zu Herstellerbeteiligung vor

Zunächst wird die Bundesregierung aber eine entsprechende EU-Richtlinie abwarten. Die EU möchte Hersteller von Einwegprodukten an Reinigungskosten und Kosten für Sensibilisierungsmaßnahmen, beispielsweise durch Hinweise auf Verpackungen, beteiligen.

Die Europäische Kommission und der Europäische Rat haben sich auf einen Gesetzestext geeinigt. Jetzt muss noch das Europäische Parlament über den Entwurf beraten.

Kappert-Gonther geht das Prozedere nicht schnell genug: „Obwohl die Bundesregierung das ökologische Problem, das von weggeworfenen Zigarettenkippen ausgeht, erkannt hat, tut sie so gut wie nichts dagegen. Die Bundesregierung verlässt sich allein auf die EU“, kritisiert die Grünen-Politikerin.

Drogenbeauftragte und Grüne greifen Tabakwerbung an

Auch die Tabakwerbung in Deutschland griff Kappert-Gonther in diesem Zuge an: „Es ist ein Unding, dass in Deutschland immer noch für Zigaretten geworben werden darf. Ein Werbeverbot für Tabakprodukte schützt nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch die Umwelt“, sagte sie und forderte, dass auf den Zigarettenpackungen in Zukunft auch vor ökologischen Folgen gewarnt wird.

Diese Haltung vertritt auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU): „Das Tabakaußenwerbeverbot muss und wird auch in Deutschland kommen – gar keine Frage“, sagte Mortler unserer Redaktion.

„121.000 Tote jedes Jahr und volkswirtschaftliche Kosten von knapp 100 Milliarden Euro aufgrund des Tabakkonsums – das sollte jeden zum Handeln zwingen“, rechnete die CSU-Politikerin vor. Deutschland ist das letzte EU-Land, in dem Außenwerbung für Zigaretten noch erlaubt ist. Zugleich suchen sich immer mehr Menschen telefonische Hilfe, um mit dem Rauchen aufzuhören.

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Eine Packung Zigaretten verbraucht bis zu 47 Litern Wasser

Zu den ökologischen Folgen, vor denen künftig auf Zigarettenpackungen gewarnt werden könnte, zählt beispielsweise der hohe Wasserverbrauch bei der Zigarettenherstellung. Das Bundesumweltministerium rechnet bei einer Schachtel mit 20 Zigaretten von einem Wasserverbrauch zwischen 30 und 47 Litern pro Packung – allein für den Tabakanbau. Bei der Herstellung würden bis zu 0,1 Liter Wasser pro Packung benötigt.

Der Anteil der Waldrodungen, die auf die Zigarettenherstellung zurückzuführen ist, läge dagegen bei unter einem Prozent.

In Deutschland geht der Zigaretten-Absatz zurück

Eine jüngste Auswertung des statistischen Bundesamtes ergab, dass in Deutschland der Absatz an Zigaretten rückläufig ist. 74,38 Milliarden Zigaretten gingen 2018 über den Tresen, das macht einen Schnitt von 900 Zigaretten pro Einwohner in Deutschland. Ein Jahr zuvor lag der Schnitt noch um 17 Zigaretten pro Person höher.

Allerdings bedeutet das nicht, dass insgesamt weniger geraucht wird. So stieg der Anteil an Zigarren und Zigarillos an – von 34 im Jahr 2017 auf 37 im Jahr 2018. Der Verbrauch von Feinschnitt und Pfeifentabak blieb unverändert.

Ein Zigarettenverbot hält das Umweltministerium für „unverhältnismäßig“

Zum drastischsten Mittel – einem Zigarettenverbot – wird das Ministerium jedoch nicht greifen. „Ein gänzliches Verbot des Zigarettenkonsums allein mit dem Ziel der Reduzierung der schädlichen Umweltauswirkungen durch unsachgemäß weggeworfene Zigarettenkippen erscheint unverhältnismäßig“, heißt es.

Die Umweltprobleme würden nur bestehen, wenn die Zigarettenkippen nicht ordnungsgemäß entsorgt werden. Wer dagegen seine Zigarette nach Vorschrift entsorge, schade auch der Umwelt nicht.

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