Bildung

„Wir müssen politische Vielfalt als Demokratiegewinn sehen“

Politische Bildung und Aufklärung – der Schlüssel zur Verhinderung des Einflusses von Social Bots oder Fake News.

Foto: Holger Hollemann / dpa

Politische Bildung und Aufklärung – der Schlüssel zur Verhinderung des Einflusses von Social Bots oder Fake News. Foto: Holger Hollemann / dpa

Berlin  Mit Aufklärung gegen Fake News: Der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung über Filterblasen und andere Herausforderungen.

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Der Wahlkampf in den USA hat gezeigt, welche Folgen absichtlich verbreitete Falschnachrichten haben, wer sie sich zu Nutzen macht und warum. Nun stehen auch in Deutschland Wahlen an. Aber was ist die richtige Reaktionen auf Fake News? Und was kann man gegen die eigene Filterblase tun? Thomas Krüger ist Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung und weiß, dass politische Aufklärung gerade in Zeiten wie diesen wichtig ist.

Herr Krüger, wir haben die postfaktischen Kampagnen in den USA und Großbritannien mitverfolgt. Erwartet uns auch ein postfaktischer Bundestagswahlkampf, bei dem es mehr um Emotionen als um Tatsachen geht? Wird beispielsweise die AfD Mittel wie Fake News und Social Bots für sich nutzen?

Thomas Krüger: Ich glaube, dass die AfD ziemlich alles nutzen wird, was ihr einen Erfolg ermöglichen könnte. Ich glaube aber nicht, dass dieser Weg zwingend von Erfolg gekrönt sein wird. Fake News sind allerdings nichts substanziell Neues. Es wurde schon immer gelogen, dass sich die Balken biegen. Auch und gerade in Bundestagswahlkämpfen. Und auch den Einfluss von Social Bots halten viele Experten für überschätzt.

Ist der Hype um den Begriff des „postfaktischen Zeitalters“ also unbegründet?

Krüger: Es gibt schon bestimmte Themen, die man ernstnehmen muss. Ich glaube, dass durch die digitalen Filterblasen eine neue Grammatik für Lügen und ihre Aufwertung entstanden ist. Das heißt, ich kann in den Echoräumen des Netzes, insbesondere der Sozialen Medien, dafür sorgen, dass meine Lügen wie Wahrheiten aussehen. Und dass sie von meiner Klientel geglaubt und weiterverteilt werden.

In klassischen Massenmedien wie Tageszeitungen oder Fernsehen ist die Situation anders. Hier gibt es nicht viele kleine, sondern eine einzige große Öffentlichkeit, in der jeder eingreifen und streiten kann.

Die entscheidende Frage ist, wie wir auf diese Herausforderung der Fake News reagieren, um im Sinne eines gesellschaftlichen Zusammenhalts nicht Schwarzweißdenken zu fördern. Wir müssen alles dafür tun, dass Kontroversität und Pluralität einer breiten Öffentlichkeit erhalten bleiben. Alle, die eine bestimmte Sicht auf die gesellschaftlichen Herausforderungen haben, sollten immer die anderen Perspektiven mitdenken und es nicht als eine Gefahr betrachten, eine Gegenstimme zu hören.

Welche Aufgaben hat dabei die politische Bildung?

Krüger: Es geht um Bildung und Aufklärung, das ist der Schlüssel zur Verhinderung des Einflusses von Social Bots oder Fake News. Politische Bildung muss Dekodierungstechniken wieder stärker zum Thema machen. Also Methoden, mit denen man Lüge und Fakten voneinander unterscheiden kann. Und man muss zeigen, dass man die Dinge immer aus verschiedenen Perspektiven und Interessenlagen heraus interpretieren kann. Das ist das Wesen einer pluralen Demokratie: Dass es immer mehrere Optionen und Lösungsmodelle gibt.

Was wäre dann Ihr Wunsch für den Bundestagswahlkampf?

Krüger: Im Bundestagswahlkampf wünsche ich mir eine Atmosphäre, in der die Debatte nicht Schwarz-Weiß geführt wird, sondern Vielfalt tatsächlich als Gewinn gesehen wird. Das heißt, ich habe genau dasselbe Recht, eine konservative, von mir aus sogar rechtspopulistische Perspektive, einzunehmen, wie aber auch eine sozialdemokratische. Wir müssen mehr Parteien im Parlament nicht unbedingt als schädlich betrachten, sondern können das auch als Demokratiegewinn verzeichnen.

Ist der Aufstieg von AfD und Pegida auch Ausdruck eines zumindest teilweisen Scheiterns der politischen Bildung?

Krüger: So einfach ist es dann nun auch wieder nicht. Politische Bildung alleine kann gesellschaftliche Entwicklungen nicht reparieren. Zudem haben wir ein grundsätzliches Problem: Klassische Angebote der politischen Bildung wie Tagungen, Seminare oder Printangebote funktionieren im Grunde nur dort, wo die Leute schon politisch gebildet oder wenigstens politisch interessiert sind. Es gibt nicht unerhebliche Teile der Gesellschaft, die an Prozessen der politischen Bildung nicht teilnehmen.

Dieser „nicht unerhebliche Teil“ – sind das die Jungen?

Krüger: Nein, es gibt überraschende Befunde vor dem Hintergrund des erstarkenden Rechtspopulismus: Es ist nicht die Gruppe der jungen Erwachsenen, die besonders empfänglich für diese Botschaften ist. Tatsächlich belegen etwa die Shell-Jugendstudien, dass die Demokratieakzeptanz, also die Zustimmung zur Demokratie als Staatsform, unter jungen Erwachsenen noch nie so hoch war wie heute. Sie wächst Jahr für Jahr. Und bei den Befragungen zum jüngst vorgelegten Kinderreport 2017 wünschen sich fast alle noch mehr Mitbestimmung in der Familie – und in der Schule. Die Demokratieakzeptanz bei jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund ist übrigens noch höher.

Wie erklären Sie sich das?

Krüger: Mit der Schule besteht eine öffentliche Infrastruktur, in deren Fächerkanon trotz PISA und hoher Konzentration auf Naturwissenschaften immer noch Politik, Geschichte und Sozialkunde vorkommen.

Also sind es die Alten, die nicht mehr an Prozessen politischer Bildung teilnehmen?

Krüger: Auch die Rentner sind nicht besonders anfällig für den Rechtspopulismus. Der Befund ist, dass es die sogenannten berufsaktiven Gruppen sind, die am häufigsten Misstrauen gegenüber „der Politik“ haben und sich am ehesten mit der AfD und den rechtspopulistischen Ideen identifizieren.

Wie erkenne ich Fake News?

Richtig oder falsch? Fake News sind im Internet oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen – wie man es trotzdem schafft und warum Social Bots nicht immer gleich böse sein müssen, erklärt Redakteur und Internet-Experte Leon Scherfig.
Wie erkenne ich Fake News?

Sie sagen, die wichtigen Fächer werden in der Schule unterrichtet. Aber kommen sie nicht oftmals im Gesamtkanon doch zu kurz?

Krüger: Das ist richtig, die Fächer sind randständig und man kann sie ja sogar abwählen. Aber sie werden immer noch unterrichtet. Die hohe Demokratieakzeptanz bei jungen Erwachsenen kann daher unter anderen damit zusammenhängen, dass man an der Schule wirklich Wissen und die Perspektiven anderer vermittelt bekommt. Dieser Faden reißt bei den berufsaktiven Gruppen ab, weil diese keine Angebote politischer Bildung mehr wahrnehmen können oder wollen. Angebote, die eben auch Akzeptanz für Pluralität und Kontroversität herstellen.

Müssen wir uns Sorgen um ein Scheitern der Demokratie machen?

Krüger: Wenn die Gesellschaft nicht maßgebliche Akteure hat, die für eine Verteidigung demokratischer Grundwerte einstehen, dann kann das böse enden, dann kann die Demokratie scheitern. Aber trotz mancher berechtigten Ängste: Es steht viel mehr auf der Habenseite.

Das wäre?

Krüger: Zum Beispiel vermelden die Parteien entgegen aller Unkenrufe überproportional viele Neueintritte. Das Bewusstsein verändert sich. Leute, die früher gedacht haben, sie könnten sich raushalten und politische Fragen Institutionen überlassen, sehen nun, dass es nicht automatisch geht. Dass sie sich selber einsetzen müssen. Das sehen wir gerade in den USA unter Trump. Der neue US-Präsident verfügt Dekrete und die Menschen gehen gegen diese auf die Straße. Insofern kann so eine Situation auch immer Auftakt für eine allgemeine Mobilisierung für die Demokratie sein. Dazu wollen wir unseren Beitrag leisten.

Wie schätzen Sie die Lage für die politische Bildung in Deutschland insgesamt ein?

Krüger: Wir haben in den letzten vier Jahren so viel politische Wertschätzung erfahren wie nie zuvor. Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) verfügt heute über das höchste Budget ihrer Geschichte. Das heißt, dass die Politik die bpb sehr wertschätzt und in unserem Land auf die wichtige Funktion der politischen Bildung bei der Stärkung der Demokratie gebaut wird.

Also wird es die politische Bildung schon richten?

Krüger: Politische Bildung wird sicher nicht alle Probleme lösen. Sie kann aber einen ganz wesentlichen Beitrag leisten. Und zwar nicht nur, um diejenigen zurückzuholen, die jetzt in Richtung Rechtspopulismus abdriften, sondern auch um die 85 Prozent zu stabilisieren, die sich positiv zur parlamentarischen Demokratie bekennen.

Und was ist mit den anderen 15 Prozent?

Krüger: Wer politische Bildung für ein Mittel des „Systems“ oder Teil der „Lügenpresse“ hält, an dem können wir uns die Zähne ausbeißen. Aber viele von denjenigen, die ihr Kreuz bei der AfD machen oder bei Pegida mitmarschieren, sind für Angebote der politischen Bildung nicht verloren. Es gilt nur den richtigen Schlüssel finden, um sie zu erreichen. Die Brisanz der Situation ist uns bewusst. Wir sind an den Themen dran, wir entwickeln Formate, wir arbeiten Tag für Tag an neuen Konzepten. Jetzt gilt: Kopf hoch und nicht die Hände!

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