Extremismus

Wie groß ist die neue Bedrohung durch Bioterrorismus?

Verfassungsschutz warnt vor Anschlägen mit giftigen Substanzen

Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen sprach am Donnerstag in Potsdam von einer qualitativ neuen Bedrohungslage.

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Berlin/Köln  Terrorgruppen wie der IS wollen Anhänger zu Giftanschlägen anstacheln. In Köln stellte ein Islamist Rizin her. Wie groß ist die Gefahr?

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Das graue Haus in der Osloer Straße in Köln ist 17 Stockwerke hoch. An einigen Balkonen wehen Deutschlandfahnen. Der 29 Jahre alte Sief Allah H. lebte hier in zwei Wohnungen. In der einen verbrachte er Zeit mit seiner Familie, der schwangeren Frau, eine Deutsche, die zum Islam konvertiert ist, und deren vier Kindern. In der anderen Wohnung, im ersten Stock,

Davon gehen Sicherheitsleute derzeit aus, die Ermittlungen dauern an. Doch Hinweise verdichten sich, dass Polizei und Geheimdienste

haben. Rizinus ist die „Giftpflanze des Jahres 2018“, auserwählt vom Botanischen Garten in Hamburg und in Fachkreisen liebevoll Wunderbaum genannt. Aus ihren Samen stellen Kosmetiker Öl für die Hautpflege her. Die alten Ägypter sollen das Öl als Brennstoff für ihre Lampen genutzt haben.

Ermittler entdeckten 84,3 Milligramm Rizin in Köln

Als Polizisten in Schutzanzügen und mit Gasmasken am 12. Juni um 19.06 Uhr die Wohnung in der Osloer Straße stürmten, nahmen sie Sief Allah H. in Gewahrsam, durchsuchten Küche, Zimmer und Balkon. Dann entdeckten sie die zweite Wohnung. Dort stellten Kampfstoffexperten 3150 Rizinussamen sicher. Sie fanden eine elektrische Kaffeemühle, 250 Metallkugeln, zwei Flaschen Nagellackentferner mit Aceton, Drähte mit aufgelöteten Glühbirnen, 950 Gramm eines grauen Aluminiumpulvers, das aus Pyrotechnik stammt.

Und die Ermittler entdeckten 84,3 Milligramm Rizin in der Wohnung in der Osloer Straße – die Dosis aus einem Samen kann laut Medizinern ein Kind töten. Wer das Gift einatmet, bekommt Husten und Atemnot. Nach vier bis acht Stunden tritt Fieber auf. Je nach Grad der Vergiftung versagen nach einem bis drei Tagen Lunge und Kreislauf.

Weitere Durchsuchungen in Köln nach Rizin-Fund
Weitere Durchsuchungen in Köln nach Rizin-Fund

Keine Hinweise auf konkrete Ziele für einen Anschlag

Der 29 Jahre alte H. hat nach Informationen der Sicherheitsbehörden schon lange Sympathien für die Terrorgruppe „Islamischer Staat“. Ende 2016 heiratete er die deutsche Konvertitin in Köln. Sie hatten sich über Facebook kennengelernt. 2017 versuchte H. zweimal nach Syrien ins Dschihad-Gebiet zu reisen. Er scheiterte.

Wuchsen danach die Pläne, einen

Bislang hat die Generalstaatsanwaltschaft nach eigenen Angaben keine Hinweise auf konkrete Ziele für einen Anschlag. Auch ist demnach unklar, wie eng H. eingebunden war in das Netzwerk von islamistischen Gruppen im Inland oder Ausland. Fest steht laut Ermittlern aber, dass er Kontakte zu Radikalen hatte. Nach Informationen dieser Redaktion sollen IS-Anhänger ihm auch bei den Ausreiseversuchen nach Syrien geholfen haben. Halfen sie ihm auch beim Giftmischen?

Sicherheitsbehörden entdeckt Rizin beim IS im Irak und Syrien

Als der IS die irakische Metropole Mossul besetzt hatte, arbeitete die Gruppe laut Experten vom Combating Terrorism Center in den USA an biologischen und chemischen Waffen. 2016 entdeckten Sicherheitsbehörden Rizin in mehreren Laboren des IS im Irak und an der irakisch-syrischen Grenze. Die militärischen Verluste des IS waren ein Erfolg der Allianz gegen die Terroristen. Doch Sicherheitsleute in Europa warnen seitdem: Die Gruppe ruft ihre Anhänger im Westen auf, dort Anschläge zu begehen.

Die EU-Polizeibehörde Europol zählte 2017 insgesamt 33 dschihadistische Terrorangriffe in neun Ländern. 2016 waren es noch 13. Die Strategien von Islamisten beschreiben Experten mit zwei Merkmalen: Täter, Tatwaffen und Anschlagspläne sind „hybrid“. Und die Komplexität ist oftmals gering. Terroristen greifen nicht mehr nur berechenbar an, sondern nutzen mal Küchenmesser, mal Autos, mal Kleinfeuerwaffen für ihre Taten. Der IS ruft Anhänger weltweit dazu auf, ohne viel Geld und Technik loszuschlagen. Die lange vorbereiteten Angriffe wie in Paris 2015 sind selten.

100 Rizinussamen kosten nicht mehr als zehn Euro im Baumarkt

Und doch beschäftigen Terrorgruppen wie IS und Al-Kaida eigene Abteilungen damit, ihre Anhänger über verschlüsselte Chats zu Anschlägen zu überzeugen und anzuleiten. Auch mit Gift. Erst Mitte Mai nahm die Polizei in Paris zwei Brüder aus Ägypten fest. Sie sollen ebenfalls mit Rizin experimentiert und einen Anschlag geplant haben.

Auf ihren Handys entdeckten Ermittler einen Link des IS-Mediendienstes „Ibn Taymiyyah Center“, eine Anleitung, die erklärt, wie die Bohnen gemahlen und das Gift extrahiert wird. Rizinussamen kann jeder im Internet bestellen oder im Baumarkt kaufen. 100 Samen kosten kaum mehr als zehn Euro.

Das Forschungsteam des Terrorismusexperten Peter Neumann vom Londoner King’s College nimmt wahr, dass dschihadistische Gruppen zuletzt vermehrt über Chats und Messengerdienste zu Angriffen mit biologischen und chemischen Bomben aufrufen. Doch Neumann sagt im Gespräch mit dieser Redaktion auch: „Die biochemische Kriegsführung durch Terroristen ist eigentlich eine Geschichte des Scheiterns.“ Nur in wenigen Ausnahmen waren Extremisten erfolgreich. In Europa noch nie.

Japanische Sekte tötete zwölf Menschen mit Sarin in der Metro

1995 starben zwölf Menschen, als fünf Anhänger der radikalen „Aum-Sekte“ in der Metro in Tokio Behälter des Nervengifts Sarin aufschlitzten. Mehr als 5000 Menschen wurden durch die gefährlichen Dämpfe verletzt. In dieser Zeit verurteilte ein US-Gericht vier Mitglieder der rechtsextremistischen Gruppe „Patriot’s Council“ im Bundesstaat Minnesota. Sie hatten mit Rizin experimentiert und wollten damit Polizisten töten.

Vor allem Al-Kaida bastelte in eigenen Laboren an der Herstellung von Giften wie Rizin. 2002 nahmen französische Polizisten den Algerier Menad B. fest. In der Szene nannten sie ihn den „Chemiker“, zuvor hatte Al-Kaida den Mann in Camps in Afghanistan ausgebildet. Vor seiner Festnahme hatte er Rizin hergestellt und in alten Nivea-Dosen gelagert.

Anleitungen aus dem Internet sind häufig fehlerhaft und falsch

2009 berichteten US-Sicherheitsbehörden von einem Unfall in einem Al-Kaida-Waffenlabor, mehrere Terroristen sollen dabei gestorben sein. 2013 versuchte der Biowaffen-Experte von Al-Kaida, Yazid Sufaat, ins Dschihad-Gebiet nach Syrien zu reisen. Sufaat hatte in den USA Biologie studiert und diente dann in der malaysischen Armee, bevor er sich der Terrorgruppe anschloss.

Erfolg hatte Al-Kaida nicht. Auch nicht der „Islamische Staat“. Bisher. Nach Einschätzung von Experten sind die Anleitungen im Internet, die von Dschihadisten verbreitet werden, häufig fehlerhaft oder unvollständig, manchmal aus Lehrbüchern an der Universität kopiert. Gerade alleine, ohne Fachwissen und wie Sief Allah H. in einer kleinen Wohnung ist das Basteln an Biowaffen ein riskantes Vorhaben.

Selten wird die Qualität einer „Massenvernichtungswaffe“ erreicht

Ein spanisches Institut hatte eines der einschlägigen Online-Handbücher für die Herstellung von Rizin getestet. Das Ergebnis war weit entfernt von der Qualität einer „Massenvernichtungswaffe“. In einem anderen Rezept prüft ein Islamist die Wirkung angeblich an einem Hasen. Ob dieser jedoch an dem Gift oder an Bakterien in den Chemikalien gestorben sei, könne kaum belegt werden, schreibt die Terrorismus-Forscherin Anne Stenersen, die mehrere dschihadistische Anleitungen für biochemische Waffen analysiert hat.

Doch allein die Drohkulisse biologischer und chemischer Waffen nutzt nach Ansicht des norwegischen Terrorismus-Experten Petter Nesser den radikalen Gruppen. Experimente mit diesen Stoffen schaffe stärkere Angst in der Öffentlichkeit, sagt er dieser Redaktion.

Terrorgruppen weichen auf „Taktik der psychologischen Eskalation“ aus

Auch Peter Neumann bekräftigt dies. Mittlerweile habe eine „traurige Gewöhnung“ an Terrorattacken etwa mit Messern durch Einzeltäter in Europa eingesetzt. „Mit größeren Anschlägen sollen die Anhänger wieder mehr mediale Aufmerksamkeit generieren und ein Bild der Stärke demonstrieren.“ Neumann spricht bei Terrorgruppen wie IS und Al-Kaida von der „Taktik der psychologischen Eskalation“. Strategien, die auch Verfassungsschützer erkennen.

Den Kölner Islamisten Sief Allah H. hatte der deutsche Geheimdienst schon im Visier, nachdem er versucht hatte, in Richtung Syrien auszureisen. Als „Gefährder“, der jederzeit einen Anschlag begehen könnte, war er bei der Polizei jedoch nicht eingestuft. Die Sicherheitsbehörden wussten nichts von seiner Giftküche. Erst ein Tipp eines US-Geheimdienstes legte die Spur.

Verfassungsschutz-Chef spricht von „unverändert hoher Gefährdungslage“

Mit großem technischen Aufwand und vielen Mitarbeitern durchforsten die amerikanischen Sicherheitsbehörden das Internet. Sie registrierten, dass H. über den Online-Versand Amazon große Mengen Rizinussamen bestellte. Dann übernahm der deutsche Dienst. Der Tunesier wurde beschattet, sein Telefon abgehört.

Nach seiner Verhaftung stellten Polizisten den verdächtigen Stoff sicher. Aus der Plattenbauwohnung in der Osloer Straße lieferten sie das Gift an die Forscher des Robert-Koch-Instituts, die das Rizin in ihrem Labor analysierten. In den Tagen danach warnte BKA-Chef Holger Münch, Vorbereitungen eines Angriffs mit einer „Biobombe“ seien eine neue Dimension. Verfassungsschutz-Chef Hans-Georg Maaßen sah eine „unverändert hohe Gefährdungslage“. Seine Biobombe hatte der Tunesier nicht fertigstellen können. Das Rizin hatte seine Wirkung dennoch entfaltet.

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