Hatespeech

Wie digitale Streetworker gegen Hass im Netz kämpfen

Theresa Lehmann von der Amadeu Antonio Stiftung in Berlin ist als digitale Streetworkerin in Foren unterwegs.

Theresa Lehmann von der Amadeu Antonio Stiftung in Berlin ist als digitale Streetworkerin in Foren unterwegs.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin.  Sozialarbeiter setzen sich in Jugendklubs und Schule gegen Hetze ein. Wie funktioniert das, wenn man fast nur im Netz unterwegs ist?

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Als der Rechtsextremist Stephan B. Anfang Oktober in Halle losschlägt, erst eine Synagoge angreift und dann zwei Menschen erschießt, sitzt Theresa Lehmann vor ihrem Laptop und ist wieder auf Foren im Internet unterwegs.

Auf der Webseite „gutefrage.net“ stellt der Nutzer „loafsdiond2015“ einen Beitrag ein: „Wieso greifen die Rechten Leute die Juden?“, schreibt er. Und ergänzt: „Was hätte ihm das gebracht? Also Juden sind in DE politisch und wirtschaftlich nicht in Macht.“

Einige andere, die auf der Plattform aktiv sind, reagieren sofort. „archibalesel“ schreibt: „Du meinst also, man sollte stattdessen nur Menschen erschießen, die an der politischen Macht sind?“. Und auch Theresa Lehmann loggt sich ein. Ihr Profil hat den Namen „debate robot“, das Bild daneben zeigt einen gezeichneten Roboter, der Augen hat und lächelt. Und Lehmann stellt erstmal die Fakten klar.

Antisemitismus – eine „gefährliche Weltanschauung“

Die Opfer des Anschlags in Halle seien nicht jüdisch gewesen, antwortet Lehmann dem Nutzer. Der Täter erschoss eine Frau vor der Synagoge und einen jungen Mann in einem Döner-Imbiss. Das Tor zum Gebetshaus hatte den Schüssen aus Stephan B.s selbstgebauter Pumpgun standgehalten.

Lehmann erklärt in ihrem Kommentar, dass Antisemitismus keinen Sinn ergebe und keinen Zweck erfülle. „Es ist eine gefährliche Weltanschauung“, schreibt sie. „Die Annahme, das man Juden aufgrund von Status oder Kapital umbringen könnte, greift auf antisemitische Stereotype zurück.“ Zwei Nutzer klicken unter Lehmanns Antwort auf „hilfreich“.

Theresa Lehmann arbeitet bei der Amadeu Antonio Stiftung, sie ist Teil eines kleinen Teams von Sozialarbeitern – nur sind sie nicht auf den Straßen oder in den Schulen Berlins, Sachsens oder Nordrhein-Westfalens unterwegs. Sondern im Netz. Sie sind digitale Streetworker.

Die NSU-Terroristen radikalisierten sich noch im Jugendklub

Schon vor dem Siegeszug des Internets als Medium der Kommunikation gab es Hass, Beschimpfungen und Rassismus. Auch früher zogen Neonazis los, zündeten Wohnungen von Asylsuchenden oder Ausländern an.

Anfang der Neunziger lernen sich Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt im Jugendklub in Jena kennen, Stadtteil Winzerla. Später tauchen die drei ab und bilden den Kern des „Nationalsozialistischen Untergrunds“.

Der Täter von Halle, Stephan B., soll nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler dagegen in keiner rechtsextremen Kameradschaft aktiv gewesen sein, gehörte keiner Partei an, fiel den Sicherheitsbehörden nicht auf Neonazi-Demos oder Rechtsrock-Konzerten auf. Stephan B. radikalisierte sich vor allem im Internet. Zuhause am Computer.

Fast alle Menschen unter 30 nutzen das Internet. Kinder und Jugendliche zwischen neun und 17 Jahren sind laut Studien täglich 2,4 Stunden online. Nur wenige gehen noch in Jugendklubs. Das aber wirft für den Staat eine Frage auf: Wie sieht die Sozialarbeit der Zukunft aus?

„Wir suchen gezielt nach rechtspopulistischen Inhalten“

Die Regierungen in Bund und Land finanzieren derzeit Dutzende Modellprojekte von Vereinen und Stiftungen, um Radikalisierung im Netz entgegenzuwirken. Die Amadeu Antonio Stiftung hatte Geld, um die digitale Streetwork auszutesten. Bis Ende des Jahres läuft das Projekt noch.

„Wir suchen gezielt nach rechtspopulistischen oder rechtsaffinen Inhalten im Internet. Dort intervenieren wir“, sagt Lehmann. „Werden falsche Informationen verbreitet, korrigieren wir das. Wenn Verschwörungstheorien gestreut werden, entlarven wir das. Wir versuchen aber auch, Fragen von verunsicherten Jugendlichen zu beantworten.“

Und sie wolle junge Menschen mit Kommentaren zur Seite stehen, die auf eigene Faust gegen Hetze in den sozialen Netzwerken angehen. Derzeit wertet die Organisation das Projekt aus. Lehmann berichtet von guten und schlechten Erfahrungen.

Bei vielen Fragen schaltet Lehmann sich ein

Ein Nutzer fragt, er habe einen Freund, der überzeugter Nationalsozialist sei. „Was soll ich tun?“. Ein anderer schreibt: „Ist das Lied ‚Lustig ist das Zigeunerleben‘ rassistisch?“

Eine junge Frau erzählt, sie habe einen deutschen und einen slowenische Elternteil. Sie fühle sich als Deutsche, sei „fleißig, pünktlich und direkt“. Aber jemand habe ihr gesagt, sie sei keine „richtige Deutsche“. Es sind diese Fälle, in denen digitale Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter eingreifen.

Lehmann ist Ende zwanzig, sie hat Politikwissenschaften studiert. Seit drei Jahren arbeitet sie für die Stiftung. In ihrem Büro sind Computer aufgebaut, Lehmann blickt in einen Berliner Hinterhof, im Regal liegen Bücher wie „Rechtsextremismus im Internet“ oder „Gegen Judenhass“, auf der Fensterbank steht ein großes pinkes „#“, ein Hashtag, das Debattensymbol der Online-Welt.

Am Anfang des Projekts haben Lehmann und ihre Mitstreiter auf Facebook direkt Menschen angesprochen, die Hass posten oder rassistische Sprüche bringen. Doch das habe nicht funktioniert. Die Nutzer ignorierten die Einwände der Streetworker. „Sie öffnen ein neues Fenster am Computer oder auf ihrem Handy – und sind weg.“

Mit einem Post kann Lehmann Hunderte erreichen

Jetzt konzentrieren sich die Streetworker darauf, mit einem Kommentar möglichst viele Menschen im Netz zu erreichen. Die Stiftung kooperiert dafür mit der Webseite „gutefrage.net“, bei der nach eigenen Angaben fast zwei Millionen Nutzer aktiv sind. Mit einem Post, einem Link, einem Video erreicht Lehmann so mehrere Menschen im Internet zeitgleich, vielleicht Hunderte. „Diese Sozialarbeit im Internet ist weniger invasiv, deutlich niedrigschwelliger als die direkte Ansprache.“

Lehmanns Projekt ist kein Aussteigerprogramm für Neonazis. Sie sagt, ideologisch gefestigte Extremisten würde sie nicht ansprechen. Dafür reiche es nicht, online mit Menschen zu chatten. „Wer aus der Szene aussteigen will, der braucht eine sehr enge soziale und psychologische Betreuung“, sagt sie.

Nicht nur die Amadeu Antonio Stiftung testet digitale Streetwork aus. Das Projekt „streetwork@online“ setzt sich gegen Hass durch Islamisten im Netz ein, postet auch kurze Kommentare mit Bildern auf Instagram. Der Bildungsträger „Minor“ berät Asylsuchende im Netz, macht digitale Migrationsberatung.

Experten sprechen von „Smart Prevention“

In München sind Sozialarbeiter des Vereins „Condrobs“ in Chaträumen unterwegs, sie helfen vor allem jungen Opfern von Mobbing und Drogenmissbrauch. Dort ist die Bilanz nach einem Jahr positiv. „Die jungen Menschen sind im Chat offen für Beratung und Hilfestellung zu ihren Problemen und Fragen“, schreibt Projektleiter Kay Mayer.

Von „Smart Prevention“ spricht der Oberstaatsanwalt Georg Ungefuk im Gespräch mit unserer Redaktion. Ungefuk arbeitet bei der renommierten Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität in Hessen. So wie „smarte Technologien“ soll auch die Präventionsarbeit digital vernetzt werden, im Idealfall zwischen Medienpädagogen und Gefangenenhelfern, zwischen Sozialarbeiterinnen wie Lehmann und Schulleitern.

Und die Wege der Sozialarbeit gehen nicht mehr nur über Freizeittreffs und Beratungsstunden – sondern über digitale Kanäle.

Bei vielem läuft der Staat den Extremisten hinterher

Und doch ist die Landschaft der digitalen Streetwork in Deutschland übersichtlich, vieles steht erst am Anfang, das Geld ist auf wenige Jahre begrenzt. Dabei ist der digitale Raum riesig, es gibt keine Öffnungszeiten, keine Landesgrenzen.

Und die Extremisten sind dem Staat in vielem voraus. Die Forscherin Julia Ebner beschreibt in ihrem Buch „Radikalisierungsmaschinen“ sehr genau, wie Neonazis, Islamisten, Antifeministen und Verschwörungstheoretiker immer neue Technologien nutzen, um ihre Ideologie zu verbreiten. „Ihre Vorstellungen von Gesellschaft, Kultur und Regierungsform sind radikal gestrig. Doch ihre Ansätze, diese Vorstellungen umzusetzen, sind radikal zukunftsorientiert“, schreibt Ebner.

Nur ein Beispiel, das Ebner nennt: „Deep Fakes“, weitgehende Desinformationskampagnen, gesteuert durch extreme Rechte. Mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz könnten sie massenhaft gefälschte Zeitungsartikel herstellen und über Twitter, Facebook und Instagram vielfach ausspielen. Martin Sellner, Kopf der rechtsradikalen „Identitären Bewegung“, hat allein im Messengerdienst Telegram mehr als 35.000 Nutzer, die ihn abonnieren.

Bund finanziert 34 Modellprojekte

Die staatlich geförderte digitale Straßenarbeit in Deutschland steckt dagegen vielfach noch in der Testphase. Auf Nachfrage schreibt das Bundesfamilienministerium, es finanziere derzeit 34 Projekte im Kampf gegen Hetze und Propaganda im Internet.

Das Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Frankfurt hat eine Zwischenbilanz für das Ministerium veröffentlicht. Die Wissenschaftler beschreiben, dass Schulen und Bildungsvereine bisher kaum Erfahrung mit Radikalisierung im Netz haben. Auch Eltern würden bei der Prävention „wenig adressiert“. Und der Schutz von Menschen wie Theresa Lehmann, die täglich im Netz auf Extremisten treffen können, müsse besser werden.

Ein Konflikt, so schreiben die Forscher, sei die „vergleichsweise kurze Förderdauer“ der Bundesprogramme. Erst vor wenigen Wochen kündigte die Bundesregierung zwar an, das Fördergeld nicht – wie zunächst geplant – zu kürzen. Bis 2023 will der Bund jedes Jahr mindestens 115 Millionen Euro für Extremismus-Prävention ausgeben.

Organisationen fordern 200 Millionen Euro für Kampf gegen Extremismus

Und doch strukturiert der Bund die Förderung um, viele Projekte werden nicht verlängert. Ein Ziel jetzt ist: Im Internet Hass und Extremisten anzusprechen und diesen Zugang „möglichst mit Offline-Beziehungen zu verknüpfen“, schreibt das Familienministerium auf Nachfrage.

Die Organisationen und Vereine fordern vom Bund deutlich mehr, 200 Millionen Euro pro Jahr und ein Demokratiefördergesetz, das dauerhaft Geld garantiert. Vor allem die Unionsfraktion sperrt sich bisher dagegen.

Auch Theresa Lehmann erzählt, dass die Finanzierung des Bundes für die digitale Streetwork bei der Amadeu Antonio Stiftung ausläuft. Die Organisation sucht jetzt nach neuem Geld – unabhängig vom Bund. „Damit unsere Erfahrungen und unsere Expertise der letzten Jahre nicht im Sand verlaufen“, sagt Lehmann. Es sei schwierig genug, mit wenig Geld und wenig Sozialarbeitern in den Netzwerken Vertrauen aufzubauen.

Mehr als 35.000 Menschen folgen dem Kopf der „Identitären“

Als Lehmann nach dem rechtsterroristischen Attentat in Halle gegen antisemitische Kommentare angeht und den Nutzer über den Hintergrund der Opfer informiert, lesen knapp 140 Menschen auf „gutefrage.net“ den Beitrag, ein gutes Dutzend Nutzer beteiligen sich an der Diskussion.

Ein paar Wochen später besucht der Chef der „Identitären“, Martin Sellner, eine Pegida-Demonstration in Dresden. „Wir werden nicht verschwinden und weiterhin Widerstand leisten“, ruft Sellner ins Mikrofon. Später stellt der Rechte ein Video von der Pegida-Demonstration beim Messengerdienst Telegram auf seine Seite. Mehr als 11.000 Menschen werden den Beitrag lesen.

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