Kommentar

Was die Politik gegen steigende Wohnungslosigkeit tun muss

Die Zahl der Obdachlosen steigt.

Die Zahl der Obdachlosen steigt.

Foto: rolf kremming / imago

Berlin.  Die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland steigt. Das ist erbärmlich. Und die Politik begeht bei dem Thema einen großen Denkfehler.

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Niemand kennt die tatsächliche Zahl der Obdachlosen in Deutschland. Es gibt nur Schätzungen. Sie liegen alle in einem höheren sechsstelligen Bereich – die jüngste spricht von rund 650.000 Menschen. Knapp 50.000 davon leben ohne jede Unterkunft auf der Straße. Sie sind es, die das Bild von Obdachlosigkeit in den Fußgängerzonen, in den Parks und in den Bahnhöfen prägen.

Und sie sind es auch, die immer wieder und

Weil sie schutzlos sind, und weil viele Täter darauf hoffen, mit ihren Attacken eher klammheimlichen Beifall zu ernten als entschiedenen Protest.

Viele gewöhnen sich daran, dass die Zahl der Wohnungslosen steigt

Es ist nicht nur erbärmlich, dass in einem der reichsten Länder der Welt Zehntausende Menschen kein Dach über dem Kopf haben. Mindestens so erbärmlich ist es, dass Deutschland dabei ist, sich daran zu gewöhnen. Als wäre es ein Naturgesetz, dass in den Schmuddelecken der Großstädte Obdachlosigkeit zu Hause ist. Nach dem Motto: Da kann man eh nichts machen.

Und so gewöhnen sich viele nicht nur an den Anblick von Menschen in unwürdigen Lagen, sondern auch daran, dass die

Allein in Berlin gehen Experten von mehr als 6000 Menschen aus, die auf der Straße leben.

Warum eine Trendwende unwahrscheinlich ist

Das Problem: Die Vorzeichen für eine schnelle Trendumkehr sind schlecht. Und zwar aus mehreren Gründen. Erstens bleiben Großstädte ein Magnet für diejenigen, die hoffen, sich dort mit Gelegenheitsjobs, Beziehungen und ein bisschen Glück schon irgendwie durchschlagen zu können. Das gilt genauso für Zuwanderer aus Südosteuropa wie auch für Menschen, die anderswo im Land gescheitert sind und einen neuen Versuch in der Anonymität der Großstadt machen wollen.

Zweitens ist es für Menschen, die einmal wohnungslos geworden sind, ex­trem mühevoll, wenn nicht unmöglich, dieses Stigma zu überwinden und wieder einen Mietvertrag zu unterschreiben. Erschwerend kommt, drittens, hinzu, dass gerade in den Großstädten die Zahl der Singles zunimmt – und damit die Nachfrage nach kleinen, bezahlbaren Wohnungen. Und schließlich, auch das gehört zur Wahrheit, wurde in den letzten Jahren Wohnraum auch benötigt, um Flüchtlinge unterzubringen.

Wohnungslose haben keine machtvolle Lobby

Sicher: In den meisten Großstädten gibt es eine organisierte Obdachlosenhilfe und hoch engagierte Sozialarbeiter, die sich um Wohnungslose kümmern, gegen viele Widerstände kämpfen, und nicht selten auch gegen den Frust und das Phlegma ihrer Klienten.

Bundesweit spielt aber noch ein anderer Faktor eine Rolle: Wohnungslose haben keine machtvolle Lobby. Obdachlose organisieren sich zwar in Selbsthilfeprojekten, geben Straßenzeitungen heraus, erreichen damit aber bislang wenig. Das liegt auch daran, dass sie nicht als relevante Wählergruppe wahrgenommen werden.

Was der Denkfehler der Politik beim Thema Obdachlosigkeit ist

Der Denkfehler, der an dieser Stelle aufseiten der Politik besteht, liegt auf der Hand. Klar: Die Obdachlosen entscheiden keine Wahl. Aber diejenigen, die wachsende Obdachlosigkeit wahrnehmen, die zudem die berechtigte Sorge haben, demnächst ebenfalls zu denen zu gehören, die sich keine Wohnung mehr leisten können – diese Gruppe ist nicht gerade klein.

Man mag das für Wohlstandshysterie halten, doch in manchen Großstädten ist die Frage „Wie kann ich mir hier das Wohnen demnächst noch leisten?“ bis in die Mittelschicht gewandert. Und die geht definitiv wählen.

Wer die besorgten Bürger überzeugen will, muss sichtbare Erfolge auf drei Feldern liefern: Sozialwohnungen bauen, Immobilienspekulation begrenzen und Großinvestoren verpflichten, Wohnraum für jedes Portemonnaie zu schaffen. Es ist höchste Zeit.

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