Terrorismus

Warum ziehen junge Deutsche in den Krieg gegen den IS?

Im Einsatz: Konstantin G. im irakischen Shingal-Gebirge. Ein paar Tage später ging er nach Nordsyrien, wo er am 16. Oktober bei einem türkischen Luftangriff ums Leben kam.

Im Einsatz: Konstantin G. im irakischen Shingal-Gebirge. Ein paar Tage später ging er nach Nordsyrien, wo er am 16. Oktober bei einem türkischen Luftangriff ums Leben kam.

Foto: Privat

Berlin.  120 Bundesbürger haben sich für den Kampf gegen den IS nach Syrien begeben. Einige von ihnen sterben. Wie der Kieler Konstantin G.

Hinter ihm liegt eine Felslandschaft, durch die ein Bach sprudelt. Es ist das letzte Foto von Konstantin G., geboren am 10. Februar 1995 in Göttingen, gestorben bei einem türkischen Luftangriff bei Sere Kaniye in Nordsyrien am 16. Oktober 2019. Er war in die von den Kurden Rojava genannte Region gereist, um mit ihnen gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) zu kämpfen.

Konstantin G. ist kein Einzelfall. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums haben sich in den vergangenen Jahren rund 120 deutsche Staatsbürger auf den Weg nach Nordsyrien gemacht, um sich den Kurden und ihren Verbündeten anzuschließen. Sie wollten den IS bekämpfen oder den Kurden beim Aufbau ihrer Selbstverwaltungsstrukturen helfen.

Schon als Kind empörte sich Konstantin G. über Ungerechtigkeiten

Ein anderes Foto zeigt Konstantin G. in einem weinroten Poloshirt an einem Küchentisch, vor ihm ein Teller mit einem Braten, ein Glas Wasser, eine Blumenvase mit gelben Zinnien. Das Bild vom 15. August 2018 ist in Kiel entstanden, der Heimatstadt G.s. Auch auf dieser Aufnahme lächelt er. Damals war er seit einigen Monaten wieder zu Hause und kurierte eine Verletzung aus. Bei der Befreiung der früheren IS-Hauptstadt Rakka hatte ihn im Oktober 2017 eine Kugel in die Hüfte getroffen.

An diesem Esstisch diskutierte er immer wieder mit seinen Eltern. Ab 2014 waren das oft Gespräche, ob man wirklich Frieden schaffen könne ohne Waffen. „Für uns Eltern waren die immer wiederkehrenden Debatten ermüdend“, erinnern sich sein Vater und seine Mutter, die unserer Redaktion die Fragen über ihren Sohn schriftlich beantwortet haben.

Sie beschreiben ihren Sohn als einen bescheidenen Menschen, der sich schon als Kind über Ungerechtigkeiten empört habe. Ein politisch aktiver Mensch sei er nicht gewesen.

Die jungen Deutschen, die im Kampf gegen den IS fielen

Das unterscheidet Konstantin G. von anderen, die nach Rojava gegangen sind. Ivana Hoffmann aus Duisburg, die als erste Deutsche im Kampf gegen den IS fiel, war eine Kommunistin. Sie starb am 7. März 2015 mit 19 Jahren bei Tell Tamer, einer von christlichen Assyrern gegründeten Stadt.

Oder Kevin Jochim aus Karlsruhe, der mit 21 Jahren kurze Zeit später fiel. Jochim war einer der ersten Deutschen, die sich den kurdischen YPG-Milizen anschlossen. Bereits 2012 war er in Rojava, auch er wurde durch den Kommunismus inspiriert.

Die Deutschen, die in Nordsyrien aus politischen Motiven handeln, verstehen sich in der Tradition der Internationalen Brigaden. Diese hatten in den 1930er-Jahren im spanischen Bürgerkrieg gegen die Faschisten gekämpft. Sie glauben daran, dass sich in Rojava eine Revolution abspiele, die ein Modell für die Welt sein könnte.

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Eltern von Konstantin G. glaubten an einen Scherz

Sie bauen auf die Idee eines demokratischen Konföderalismus, die der inhaftierte Gründer der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, Abdullah Öcalan, entwickelt hat. Ihre Kernpunkte: Basisdemokratie, Befreiung der Frau, Ökologie.

Konstantin G. sei als Kind ein gutmütiger, ein bedächtiger Junge gewesen, schreiben seine Eltern. Er habe viel gelesen, am liebsten Abenteuergeschichten. Als er mit 16 Jahren eine Schulauszeit nahm, verbrachte er mehrere Wochen auf einem niedersächsischen Schäferhof, später machte er eine Ausbildung zum Landwirt. Wenig später ging er nach Rojava.

Am 1. September 2016 schickte er seinen Eltern ein Bild von einer verdorrten Landschaft, aus einem Flugzeugfenster heraus fotografiert. „Er sagte uns, er sei auf dem Weg nach Sulaimaniyya in den Irak. Von dort werde er nach Syrien geschleust. Er wolle gegen den IS kämpfen.“ Seine Eltern hofften auf einen Scherz. Es war keiner.

Der junge Kieler wollte „Besonderes“ leisten

In Nordsyrien, an der Seite der YPG-Soldaten, gibt sich Konstantin G. den Namen Andok Cotkar. Cotkar ist Kurdisch und bedeutet Bauer. Er lernt die Sprache schnell, ist bei seinen Gefährten beliebt. Er überlebt etliche Schlachten. Einmal durchschlägt eine Kugel seinen Helm.

Nach seiner eigenen Verwundung in Rakka und seinem mehrmonatigen Aufenthalt in Deutschland zieht es ihn zurück nach Rojava. „Mitgliedern der kurdischen Gemeinde gegenüber hat er immer wieder erzählt, wie frei er sich dort fühle, wie zugewandt, freundlich und aufrichtig die Menschen dort sind“, schreiben seine Eltern. „Ich will etwas Besonderes in meinem Leben leisten. Es soll nicht vergeudet sein“, sagt er ihnen. Auch um den Preis, dass er früh stirbt? „Ja, dann ist es nicht umsonst gewesen.“

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Eltern: Unwille der Regierung, demokratische Werte zu verteidigen

Die Eltern schreiben, sie hätten lange mit G.s Entscheidung gehadert, sich freiwillig den Gefahren auszusetzen. Aber „menschlich konnten wir seine Beweggründe, anderen zu helfen und sie zu schützen, natürlich nachvollziehen“. Schon vor seinem Tod seien sie sehr stolz auf ihn gewesen.

Nur „mit Deutschland zürnen wir“, schreiben sie. „Unser Sohn Konstantin Andok Cotkar hat demokratische Werte und Menschen verteidigt, wozu unsere Regierung nicht willens war .“

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