Referendum

Warum so viele Türken im Ruhrgebiet für Erdogan stimmten

Erdogan-Anhänger feier in Duisburg-Hamborn auf der Straße den Sieg von Erdogans Verfassungsreform in der Türkei.
Foto: Stephan Eickershoff / FUNKE Foto Services

Erdogan-Anhänger feier in Duisburg-Hamborn auf der Straße den Sieg von Erdogans Verfassungsreform in der Türkei. Foto: Stephan Eickershoff / FUNKE Foto Services

Essen.   "Erdogan gibt ihnen das Gefühl, dazuzugehören": Wissenschaftler erklären, warum so viele Türken im Revier für die Verfassungsänderung stimmten.

Dass die Zustimmung zu dem Verfassungsreferendum gerade unter Türkeistämmigen im Ruhrgebiet so hoch war, wundert den Dortmunder Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak nicht. Ein Großteil von ihnen sei aus den ländlichen Gebieten der Türkei eingewandert. „Das ist eine fromme, muslimisch geprägte Bevölkerungsschicht. Diese ist auch im Ruhrgebiet stark vertreten“, sagte Toprak, Professor an der Fachhochschule Dortmund, unserer Redaktion.

Gerade viele junge Wahlberechtigte hätten für Erdogan gestimmt, obwohl sie die Türkei nur aus der Ferne oder aus Urlaubsaufenthalten kennen. „Dennoch identifiziert sich ein beträchtlicher Anteil junger Menschen mit der Türkei und nicht mit Deutschland.“ Kritik an Erdogan empfinden sie als Kritik an der Türkei, so Toprak.

Das sei unter Jugendlichen stärker ausgeprägt als unter den älteren Migranten. Sie hätten den Impuls, ihr Land verteidigen zu müssen und verstünden nicht, dass man sein Land lieben und es trotzdem kritisieren könne, um es voran zu bringen. „Die Jugend findet Erdogan cool, er gibt ihnen das Gefühl dazu zu gehören, ist für viele eine Art Vaterfigur, weil er Stärke zeigt. Damit identifizieren sich viele.“

Gut integriert, aber ohne Gefühl der Zugehörigkeit

Toprak bezweifelt, dass das Abstimmungsergebnis ein Zeichen für eine misslungene Integration sei. „Damit machen wir es uns zu einfach. Viele sind hier geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen. Viele sprechen akzentfrei Deutsch und stehen im Beruf, Dennoch fühlen sie sich in Deutschland nicht aufgenommen. Auch viele gebildete Türkeistämmige und Akademiker sind Feuer und Flamme für Erdogan.“

Ähnlich sieht es die Islamwissenschaftlerin und Lehrerin Lamya Kaddor, die in Dinslaken Islamkunde unterrichtet. Sie glaubt, dass nur wenige Wähler die Details der Verfassungsreform kannten, sondern sich vor allem aus emotionalen Gründen für Erdogan entschieden haben. „Eine Ursache liegt darin, dass sich viele Menschen in Deutschland nicht zugehörig fühlen. Es ist uns allen nicht gelungen – Deutschen wie Türken – dass sich Menschen mit türkischen Wurzeln als Teil Deutschlands fühlen.“

Wahlentscheidung als Trotzreaktion

Zudem sei das Ergebnis als klassische Protestwahl zu werten. „Das Votum ist eine Reaktion auf die antitürkische Stimmung in Deutschland und sollte ein Denkzettel sein.“ Die deutsche Politik habe es versäumt, diese Menschen einzubinden, über die Türkei, den Islam und die Migranten werde nur problemorientiert diskutiert. „Den jungen Menschen wird das Deutschsein abgesprochen, und ihre Wahl für Erdogan war eine Trotzreaktion.“

Jetzt müsse man sich fragen, welche Konsequenzen aus diesem Votum gezogen werden können, in den Schulen, der Bildungspolitik und den Integrationsbemühungen. „Wir müssen weiter um diese Menschen kämpfen“, sagt die Pädagogin, „wir müssen ihnen ein Gefühl der Zugehörigkeit vermitteln aber auch von ihnen zugleich ein stärkeres Bekenntnis für das Land einfordern, in dem sie leben.“

Auch Caner Aver vom Zentrum für Türkeistudien in Essen sieht in dem Wahlergebnis einen politischen Auftrag: Nötig sei zum einen eine innertürkische Debatte über Identität, Demokratieverständnis und Integration. Zugleich aber müsse sich die deutsche Mehrheitsgesellschaft fragen, was es bedeute, ein Einwanderungsland zu sein. „Wir brauchen eine ernste und offene Diskussion darüber, wie Integration und Teilhabe erfolgen kann“, so Aver.

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