Stahl-Strafzölle

Trump erlässt Stahl-Zölle – deutsche Industrie ruft um Hilfe

Stahlprodukte aus Europa sollen künftig in den USA mit Strafzöllen belegt werden.

Stahlprodukte aus Europa sollen künftig in den USA mit Strafzöllen belegt werden.

Foto: HO

Essen.   Der Stahlverband wirft Trump Verletzung der WTO-Regeln vor. Billigimporte würden nach Europa ausweichen und die hiesige Industrie belasten

Die deutsche Stahlindustrie sieht sich selbst seit Jahren als Opfer von Dumping-Importen aus Fernost und fordert zu ihrem Schutz höhere Zölle der EU. Je mehr Billigstahl etwa aus China in Europas Industrie verarbeitet wird, desto dünner werden die Auftragsbücher der hiesigen Stahlproduzenten wie Thyssenkrupp. Entsprechend schwer tut sich die Branche nun damit, von Trump in die Täterrolle gedrängt zu werden.

Der Ruf nach einem Einschreiten der Welthandelsorganisation WTO ließ daher nicht lange auf sich warten: „Die USA bauen eine Zollschranke auf, mit der sie sich gegen Stahlimporte aus aller Welt abschotten. Diese Maßnahme verstößt eindeutig gegen Regeln der WTO“, sagte Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl in Düsseldorf in einer ersten Reaktion.

Kommen die pauschalen Strafzölle von 25 Prozent wie angekündigt, wären vor allem die niedersächsische Salzgitter AG und die Dillinger Hütte im Saarland als Europas größtes Grobblechwerk direkt betroffen. Die USA sind mit dem Import von zuletzt einer Million Tonnen Walzstahl immerhin der bisher größte Abnehmer außerhalb der EU.

In der Duisburger Stahlzentrale des deutschen Branchenführers Thyssenkrupp hält sich in dieser Hinsicht die Sorge in Grenzen, weil der Dax-Konzern vergleichsweise wenig Stahl in die USA exportiert. Trotzdem kommt für die vor einer Zäsur stehende Stahlsparte jeder noch so kleine Rückschritt derzeit höchst ungelegen. Schließlich naht die vom Konzern geplante Fusion des europäischen Stahlgeschäfts mit dem indischen Konkurrenten Tata.

Thyssenkrupp drohen Nebenwirkungen

Und mittelfristig drohen auch Thyssenkrupp oder dem neuen Konzern Thyssenkrupp Tata Steel erhebliche Nebenwirkungen durch die neue amerikanische Abschottungspolitik. Denn was Billiganbieter aus aller Welt künftig nicht mehr in die USA verkaufen können, werden sie woanders auf den Weltmarkt werfen. So droht ein weiterer Anstieg der auch in Europa als Dumpingimporte missbilligten Einfuhren aus dem fernen Osten. Für den ohnehin unter enormen Überkapazitäten leidenden europäischen Stahlmarkt wäre das eine zusätzliche Belastung. Nicht ausgelastete Werke gerieten in Gefahr.

Wenn die USA wie geplant 13 Millionen Tonnen weniger Stahl in die Staaten lassen, drängen diese automatisch in den ebenfalls lukrativen EU-Markt. „Wenn die EU nicht handelt, wird unsere Stahlindustrie die Rechnung für den Protektionismus in den USA bezahlen. Europa wird durch Handelsumlenkungen von einer neuen Stahlschwemme bedroht“, warnt Stahlpräsident Kerkhoff. Dabei seien die Walzstahlimporte in die EU erst 2017 auf einen neuen Höchststand von 32 Millionen Tonnen gestiegen.

An der Wirksamkeit von Trumps „America First“-Strategie hatten die Finanzmärkte am Donnerstag keinen Zweifel. Bereits eine Twitter-Nachricht des US-Präsidenten vom Nachmittag europäischer Zeit, die auf Zölle schließen ließ, schickte die Stahlwerte auf Talfahrt. Thyssenkrupp kam mit Abschlägen von gut zwei Prozent noch vergleichsweise glimpflich davon, Salzgitter kostete der Trump-Tweet sogar drei Prozent an Unternehmenswert. Nachbörslich ging es für beide Titel weiter bergab. An der New Yorker Wall Street legten dagegen die Aktien der US-Konzerne wie US Steel und AK Steel teils zweistellig zu.

Spekulationen über die bevorstehenden US-Strafzölle belasteten nichtamerikanische Stahlkonzerne seit zwei Wochen. Solange liegen Trump die Vorschläge seines Handelsministers Wilbur Ross vor. Der empfahl drei Varianten, um die heimische Schwerindustrie zu schützen: Zölle für alle, eine Senkung der Importmengen ohne Zölle und drittens die Option, nur zwölf Länder zu sanktionieren, darunter China, Russland und Indien. Deutschland wäre außen vor gewesen.

Trump hat mit dem pauschalen Strafzoll nun offensichtlich die für die deutsche Stahlindustrie härteste der drei Varianten gewählt. Das steht nach deutscher Lesart im Widerspruch zur rechtlichen Grundlage der Sanktionen, für die Trump die Gefährdung der nationalen Sicherheit bemüht. In der milderen Variante hätte er befreundete Staaten verschonen können. Stahlpräsident Kerkhoff zeigte sich sehr enttäuscht, dass „der amerikanische Präsident davon keinen Gebrauch gemacht hat“.

EU kündigt Vergeltung an

Der Handelsstreit droht aber noch weit über die Stahlindustrie hinaus zu eskalieren. Bereits im Vorfeld von Trumps Ankündigung hatte die EU Vergeltungsmaßnahmen angekündigt. Auch gestern Abend ließ die Reaktion aus Brüssel nicht lange auf sich warten. „Wir werden nicht tatenlos zusehen, wie unsere Industrie durch unfaire Maßnahmen getroffen wird, die Tausende europäische Arbeitsplätze gefährden“, kündigte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker an. Von Strafzöllen auf die Einfuhr von amerikanischem Whiskeys oder Motorrädern der Kultmarke Harley Davidson war die Rede. Man rüstet sich in Brüssel – für einen harten Handelskrieg.

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