Gesundheit

Studie der Grünen: Aufregung um Pestizide im Haar

Ein Bauer verspritzt auf seinem Feld Pestizide. Die Landwirtschaft gilt aber keineswegs als alleiniger Verursacher der in den Haaren gefundenen Rückstände

Ein Bauer verspritzt auf seinem Feld Pestizide. Die Landwirtschaft gilt aber keineswegs als alleiniger Verursacher der in den Haaren gefundenen Rückstände

Foto: dpa

An Rhein und Ruhr.   Die Grünen ließen europaweit 148 Personen untersuchen, 25 davon in NRW. Auch bei Leuten, die sich bewusst ernährten, schlug die Untersuchung an.

Bei europaweiten Untersuchungen sind auch bei Probanden aus Nordrhein-Westfalen Rückstände von Pestiziden im Haar gefunden worden. Die Grünen im Europaparlament, die die Aktion koordiniert hatten, sehen die gefundenen künstlichen Umwelthormone auch in kleinsten Mengen als „potenziell gefährlich“ an, weil sie z. B. Krebs auslösen könnten.

Haare von europaweit 148 Personen wurden in einem Straßburger Institut untersucht. Bei den 25 Proben aus NRW ergab die Analyse den Angaben zufolge, dass in 46 Prozent der Fälle Reste von mindestens einem Pestizid vorlagen – etwa von Fipronil, das unlängst beim Eierskandal für Aufsehen sorgte. Auffällig: Die Untersuchung schlug teilweise auch bei Personen an, die sich weitestgehend über Bio-Produkte ernähren. „Die Ergebnisse müssen ein Weckruf sein, die Zulassungsverfahren für Pestizide zu verschärfen“, sagte der Grünen-Abgeordnete Sven Giegold der NRZ. Die EU hat angekündigt, die Gesetzgebung auf Schlupflöcher zu überprüfen.

Ingrid Silvasi ist seit fast fünf Jahren Veganerin, verzichtet also auf tierische Produkte. Ihre Lebensmittel kauft sie in der Regel im Biomarkt: „Und im Garten ziehen wir unser eigenes Gemüse“, erzählte die 39-jährige Dortmunderin der NRZ. Dass die Untersuchung bei ihrer Probe anschlagen würde, das hatte sich Silvasi nicht vorstellen können.

Und doch: In ihren Haaren wurden Rückstände des Insektizids Chlorpyrifos gefunden, das in Deutschland nicht zugelassen, in Frankreich und anderen EU-Ländern aber verbreitet ist. Es gilt in einschlägigen Kreisen als das „neue Glyphosat“. Woher die Rückstände kommen könnten, da hat Silvasi auch eine Vermutung: „Natürlich essen wir auch mal auswärts.“

„Es ist erschreckend, dass wir nicht mehr selbst in der Hand haben, was in unseren Körper gelangt“, sagt der Grünen-Europa-Abgeordnete Sven Giegold gegenüber der NRZ. Haare von 25 Personen auch aus NRW hat das Straßburger Institut Kudzu Science auf Rückstände von insgesamt 30 Pestiziden untersucht (Gesamtkosten: 5000 Euro), Bei 46 Prozent der Fälle wurden die Experten fündig. Giegold hat die Untersuchung der NRW-Proben koordiniert.

Vermutet wird, dass die Pestizid-Rückstände über das Trinkwasser oder eben über Lebensmittel, häufig auch importierte, in den menschlichen Körper kamen. Aber die Landwirtschaft gilt keineswegs als alleiniger Verursacher. So wurde z. B. auch häufig Fipronil gefunden. Das Insektizid ist in der Landwirtschaft verboten – für tierärztliche Zwecke aber sehr wohl erlaubt und ist in Haustiersprays etwa für Hunde verbreitet.

NRW soll „andere Landwirtschaft“ fördern

Für die Grünen ist klar: „Hormonverändernde Substanzen müssen überall aus der Landwirtschaft und aus den Häusern verschwinden“, fordert Giegold. Zudem müssten alle Studien zu diesen Stoffen veröffentlicht werden – „auch wenn die Ergebnisse den Agrarchemieherstellern nicht passen“. Grünen-Landeschefin Mona Neubaur stellte fest: „Die Ergebnisse zeigen, dass der menschliche Körper Teil der Nahrungskette ist.“ Die Landesregierung sei „dringend aufgefordert“ eine andere Form von Landwirtschaft zu fördern.

Es gibt auch Kritik an der Untersuchung. So sind die gefundenen Mengen gering. Die Grünen selbst räumen ein, dass es bisher keine etablierte Methode gebe, um im Haar gemessene Konzentrationen direkt mit einem Gesundheitsrisiko in Verbindung zu bringen.

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Dr. Maximilian Fries aus dem Europabüro von Sven Giegold weist aber darauf hin, dass es wissenschaftlich unstrittig sei, dass diese Stoffe schon in kleinsten Mengen potenziell gefährlich seien und zu Entwicklungsstörungen, Unfruchtbarkeit, Krebs oder neurologischen Erkrankungen führen könnten. Führende Wissenschaftler aber auch die EU-Kommission diskutierten darüber, ob es sichere Grenzwerte überhaupt geben könne.

Fries, der selbst Krebsbiologe ist, weist zudem auf eine mögliche „Cocktailwirkung“: Sollten zwei oder mehr dieser hormonverändernden Stoffe zusammen auftreten, könne sich deren gesundheitsschädigende Wirkung verstärken.

„Gesundheitsschutz ist immer präventiv“

Die Grünen haben bei den Probanden auch in NRW nach eigener Aussage darauf geachtet, dass vom Kleinkind bis zum über 70-Jährigen, alte wie junge Menschen vertreten sind, Land- wie Stadtbevölkerung. Sie sehen ihre Untersuchung als Stichprobe und drängen auf weitere Forschungen. Solange freilich Gesundheitsgefahren nicht ausgeschlossen werden können, müssten die Stoffe vom Markt: „Gesundheitsschutz ist immer präventiv“, sagt Maximilian Fries.

Ingrid Silvasi ist nach der Untersuchung nicht in Aufruhr: „Ich glaube nicht, dass ich morgen an Krebs erkranke.“ Gedanken macht sich die Dortmunderin schon. Sie fordert, dass mögliche Gefahren gerade für Kinder deutlich gemacht werden. Mehr Verbraucherinformation sei auch nötig: „Muss ich mein Gemüse waschen?“

BELASTUNGEN AUS DEN LETZTEN 90 BIS 120 TAGEN

Die NRW-Proben waren den Angaben zufolge leicht höher belastet als andere aus Deutschland. Bei den Untersuchungen kam das Verfahren der Massenspektronomie zum Einsatz – die Haare wurden in kleinste Einzelteile zerlegt und analysiert. So könne man Belastungen der letzten 90 bis 120 Tage nachweisen, heißt es.

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