Jahreswechsel

Warum Obelix "Latürnich" sagt

Foto: Bodo GOEKE

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Sie waren auf einer Silvesterparty? Dann hatten Sie vermutlich ein Weinchen zum Essen, ein Absacker, um zwölf dann der Sekt.

Die meisten Auswirkungen des Alkohols kennen wir und können damit umgehen: Schwanken kann man vermeiden, indem man einfach sitzen bleibt. Aber was ist, wenn die Sprache nicht mehr deutlich rüberkommt? Die Kinder werden wach, wenn man nach Hause kommt: "Mama, Du sprichst so komisch" - Das möchte man dann wirklich nicht hören. Oder die Traumfrau schneit spät zur Tür herein, weil Sie's endlich geschafft hat, sich von der anderen Party loszueisen - macht Lallen jetzt einen guten Eindruck?

Beim Lallen handelt es sich zunächst um eine Störung der Sprachproduktion, also der Fähigkeit, die Laute richtig zu formen und zu sortieren, so dass sie gut verständlich sind. Besonders anfällig für alkoholbedingte Fehlfunktionen sind Zunge und Gaumensegel, die sich beim Sprechen präzise und schnell bewegen müssen. Die Laute "n" und "l" unterscheiden sich nur durch eine andere Stellung des Gaumensegels (probieren Sie mal aus, was sich im Mund bewegt, wenn Sie n-l-n-l sagen). Wenn wir also im angetrunkenen Zustand ein "n" anpeilen, landen wir auch mal knapp daneben - und es kommt ein "l" heraus. Das war das Problem des Galliers Obelix, als er bei Homöopatix einen über den Durst getrunken hatte und aus "natürlich" "latürnich" wurde.

Wenn der Pegel dann weiter steigt, werden Betrunkene heiser, sprechen langsamer und machen mehr und längere Pausen. In diesem Zustand hat das Gehirn nicht mehr nur Probleme mit der Steuerung der Sprachmotorik, sondern auch die inhaltliche und strukturelle Planung dessen, was wir sagen wollen, klappt nicht mehr fehlerfrei. Hinzu kommt der Egal-Effekt: Versprecher und Fehler werden nicht wie im nüchternen Zustand korrigiert (in der Linguistik "Reparaturen"), sondern einfach durchgewunken.

Ähnlich wie das Sprechen unter Alkoholeinfluss hört sich das Sprechen von Menschen mit bestimmten Krankheiten an. Das führt zu Missverständnissen, da wir alle Lallen mit Alkoholeinfluss verbinden. Die Droge wirkt auch noch auf andere Gehirnareale, so dass der Alkoholisierte eine eingeschränkte Gehirnkapazität hat. Mit anderen Worten: Er wirkt nicht nur dümmlich, er ist (vorübergehend) dümmlich.

Anders beim Lallen aufgrund einer Sprachstörung wie Dysarthrie, die durch Hirnschädigungen (etwa durch einen Schlaganfall oder Parkinson) zustande kommt: Die Betroffenen hören sich betrunken an - außer diesem Defekt, der ihrer Aussprache beeinflusst, funktioniert das Gehirn aber ganz normal. Dumm sind sie keineswegs.

Weil viele Dysarthrie-Patienten unter der schlechten Verständlichkeit und den damit verbundenen Vorurteilen leiden, erforscht die sprachwissenschaftliche Disziplin der Klinischen Linguistik das Lallen - und entwickelt Therapien, um den Betroffenen zu helfen. So haben Sprachforscher herausgefunden, dass man die eigentlich automatisch ablaufenden Prozesse der Sprachproduktion besser steuern kann, wenn man sie sich bewusst macht. Da dieser Prozess mühsam ist, helfen Logopäden in monatelangem Training dabei. Das Lallen wird dann tatsächlich viel besser.

Wenn Sie also richtig viel investieren möchten, um an Silvester ordentlich zu trinken und trotzdem unauffällig, flüssig und verständlich zu sprechen, könnten Sie das vielleicht vorher trainieren. Einen Logopäden zu finden, der sich auf ein so unlauteres Ansinnen einlässt, dürfte allerdings ziemlich schwierig werden ... Einige Leute behaupten, nach ein paar Bierchen vergrabene Fremdsprachen aus der Schulzeit plötzlich wieder fließend zu sprechen. Dafür gibt es aber keine sprachwissenschaftliche Erklärung. Neurolinguisten verweisen auf den Abbau von psychosozialem Druck durch Alkoholgenuss - zu Deutsch: wahrscheinlich sind Sie einfach weniger gehemmt, als wenn Sie nüchtern wären und sprechen fröhlich drauflos. Und das funktioniert dann viel besser, als Sie sich zugetraut hätten.

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