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Überflieger: Diplom in drei Semestern

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Bochum. Normale Sowistudenten brauchen elf bis dreizehn Semester für ihr Diplom. Mirsad Freiberg hat's schon in drei (!) Semestern geschafft. Seine Note ist trotzdem gut: 1,7!

Und das, obwohl Deutsch nicht seine Muttersprache ist und er vier kleine Kinder hat.

Der 40-Jährige stammt aus Montenegro und lebt seit fünfzehn Jahren in Castrop-Rauxel. Bisher arbeitete er als technischer Bauleiter mit abgeschlossenem Ingenieurstudium. Im Sommersemester 2006 schrieb er sich an der Ruhr-Uni Bochum für den Diplomstudiengang Sozialwissenschaft ein. In einem Semester schloss er sein Vordiplom ab. Normalerweise dauert das allein schon mindestens drei Semester, dieselbe Zeit, die Freiberg für sein komplettes Studium gebraucht hat. Seine Diplomprüfungen erledigte er innerhalb eines weiteren Semesters und schrieb in seinem letzten Semester eine Diplomarbeit über das US-Rentensystem.

Sowi mit chinesischer Kampfkunst

Ähnliches ist an der Ruhr-Uni noch nie vorgekommen. Freibergs führt den Rekord darauf zurück, dass er Meister des Shaolin Wing-Chun Chuan ist. Mit dieser chinesischen Kampfkunst und Lebensphilosophie beschäftigt er sich seit 25 Jahren. Als Experiment wollte er beweisen, dass die fernöstlichen Techniken auch auf ein Sowi-Studium anwendbar sind.

Bei allem Erfolg bleibt er bescheiden. Seine Leistung sei "nichts Besonderes". Jeder könne sie mit den gleichen Praktiken und Techniken nachmachen. Seine Note hätte sogar besser sein können, aber "die intellektuellen Fähigkeiten lassen mit zunehmendem Alter nach". Von morgens bis abends besuchte er Veranstaltungen, die er zuhause vertiefte. Seine Familie hielt ihm beim Schnellstudium den Rücken frei.

Eva Berlet (25) aus Dortmund konnte es wie viele ihrer Kommilitonen kaum glauben. Sie fing vor Freiberg mit ihrem Sowi-Studium in Bochum an, wird aber normal lang studieren. Berlet: "Mirsad Freiberg ist zielstrebig, aber auch immer hilfsbereit gegenüber seinen Mitstudenten." Sozialwissenschaft interessiert Freiberg, weil es die unterschiedlichsten Disziplinen wie Politik, Soziologie und Mathe vereine. Außerdem habe er Deutschland näher kennenlernen wollen.

Sein Eindruck von diesem Land und seiner Gesellschaft: "Wenn manches geändert würde, wäre Deutschland ein Paradies". Er studiere gern in Deutschland, und in Bochum seien die Dozenten umgänglich.

In Bezug auf Studiengebühren sieht er sowohl Vor- als auch Nachteile. Die Unis bekämen dadurch mehr Geld. Von den Gebühren seien in Bochum schon neue Forschungsstellen eingerichtet sowie studentische Hilfskräfte eingestellt worden.

Nächstes Projekt: Schnell-Dissertation

Andererseits hätten viele Studenten Probleme die Gebühren ohne Darlehen zu bezahlen. Zu viele müssten arbeiten, was sich negativ auf ihr Studium auswirke.

An Deutschland gefällt Freiberg besonders die Begeisterung für Fußball. Bei einem Spiel Montenegro gegen Deutschland würde er auf ein Unentschieden hoffen. Freiberg, der früher selbst gekickt hat, sagt: "Kampfkunst ist weniger gefährlich als Fußball."

Jetzt blickt Freiberg seiner Promotion entgegen. In seiner Dissertationsarbeit setzt er sich mit den außenpolitischen Beziehungen der USA und Montenegros auseinander. Wahrscheinlich wird er damit schon 2008 fertig sein und einen weiteren Rekord brechen: Normalerweise dauert die Promotion mindestens zwei Jahre. Als Zukunftsprojekt würde er gern nach eigenen Vorstellungen eine Uni bauen. An dieser würde Wissenschaft fächerübergreifender gelehrt.

Die Ruhr-Uni startet übrigens jetzt ein Projekt, in dem das "Phänomen Freiberg" untersucht werden soll. Das Turbostudium weckt wissenschaftliches Interesse, vielleicht ist es ja wiederholbar.

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