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Tücken beim Gehaltsvergleich im Netz

Um sich auf das Gehaltsgespräch mit dem Chef vorzubereiten, nutzen viele Beschäftigte die verschiedenen Gehaltsvergleiche im Internet. Foto: imago

Um sich auf das Gehaltsgespräch mit dem Chef vorzubereiten, nutzen viele Beschäftigte die verschiedenen Gehaltsvergleiche im Internet. Foto: imago

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Essen.Zu den kniffeligen Fragen im Vorstellungsgespräch gehört die Frage nach dem Gehalt. Viele Kandidaten nutzen Gehaltsvergleiche im Internet, um sich darauf vorzubereiten. Doch wer sich den Job nicht vermasseln will, sollte die Fallstricke kennen.

Vor allem Frauen wird nachgesagt, dass sie auf die Frage nach dem gewünschten Gehalt gerne den Ball zurückspielen. „Wie viel würden Sie mir denn in meiner Position bezahlen?“ Karriereberater schlagen ob solcher Bescheidenheit oft die Hände über dem Kopf zusammen. Viele Männer tun sich in der Gehaltsfrage weniger schwer und nennen eine konkrete Summe, die aber durchaus zum K.o.-Kriterium werden kann, sollte sie weit unter oder gar über dem üblichen Gehalt liegen. Was aber ist das „übliche“ Gehalt?

Berufseinsteiger wie langjährige Beschäftigte, die mit einem Jobwechsel liebäugeln, kämpfen sich vor Vorstellungsgesprächen oft stundenlang durch zahlreiche Gehaltsvergleiche im Internet. Doch wer sich den Job mit einer völlig unpassenden Gehaltsforderung nicht direkt vermasseln will, sollte die Fallstricke in solchen Gehaltsvergleichen wie gehaltsvergleich.com, nettolohn.de oder lohnspiegel.de kennen. „Diese Tabellen können maximal Orientierungspunkte sein“, sagt Jochen Felix, Sekretär in der Verdi-Tarifabteilung NRW. „Denn Datenbanken können die Komplexität des Arbeitsmarktes gar nicht wirklich erfassen.“

Was man bei Gehaltsvergleichen wissen muss

Felix nennt ein paar Beispiele: In vielen Gehaltsrechnern fehlten bestimmte Berufsbezeichnungen oder seien zu ungenau. „Die unterschiedlichen Schwierigkeitsgrade einer Tätigkeit werden in der Regel nicht erfasst – und gerade die können ein unterschiedliches Gehalt rechtfertigen“, sagt Felix. So kann in der gleichen Firma die eine Bürokauffrau mehrmals pro Woche anspruchsvolle Tabellen erstellen, während die andere deutlich mehr Sekretariatsaufgaben übernimmt.

Ebenso unterschieden Gehaltsrechner meist nicht zwischen frisch gebackenen Absolventen und Beschäftigten mit drei- bis fünfjähriger Berufstätigkeit, kritisiert auch Absolventa, eine Jobbörse für junge Akademiker und Studenten. Zudem konzentrierten sich einige Vergleiche nur auf den Studiengang und nicht auf den ausgeübten Beruf. Da heiße es verallgemeinernd, Absolventen der Ingenieurswissenschaften verdienten eine bestimmte Summe im Jahr. Aber gerade unter Ingenieuren ist die Spannweite bekanntlich besonders groß. Da hilft oft nur ein Gespräch mit Beschäftigten aus der Branche oder aus dem bevorzugten Unternehmen.

Wer diese Möglichkeit nicht hat und auf Gehaltsvergleiche angewiesen ist, sollte ebenfalls darauf achten, dass nicht Äpfel mit Birnen, also Monats- mit Jahresgehältern, verglichen werden. Eine weitere Schwierigkeit: „Die meisten Gehaltsvergleiche bekommen ihre Daten dadurch, dass Nutzer sie dort eingeben“, sagt Jochen Felix. „Oft ist nicht klar, ob das angegebene Gehalt bereits Zulagen enthält oder nicht.“ In Frage kämen dabei Pauschalen für Schichtarbeit, Überstundenzuschläge oder Essens-Pauschalen. Außerdem hapere es manchmal an der Aktualität der Daten. „Die Nutzer erkennen meist nicht, ob Änderungen in Gehaltsstrukturen nachgepflegt werden“, sagt Felix. Nach seiner Erfahrung bekommen oft auch befristet angestellte Beschäftigte weniger Gehalt, als in vielen Tabellen ausgewiesen ist.

Heiner Dribbusch vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung betreut einen der renommierteren Gehaltsvergleiche im Internet, den Lohnspiegel. Er ist Bestandteil des internationalen WageIndicator-Netzwerkes, das ähnliche Online-Projekte in vielen Ländern koordiniert und so die Möglichkeit zu international vergleichenden Untersuchungen ermöglicht. Anders als viele andere Gehaltsrechner muss der Nutzer dort zunächst einen umfangreichen Fragebogen ausfüllen, der allerdings auf wichtige Unterschiede für die Gehaltsberechnung eingeht: Provinz – Großstadt, West – Ost oder Große Firma – Mittelstand. „Allerdings muss allen klar sein: Den optimalen Gehaltsvergleich gibt es nicht“, sagt Dribbusch. „Aus den Angaben, die die Nutzer machen, werden Durchschnittswerte gebildet. Und die nähern sich nur der Wirklichkeit an, wenn viele Menschen mitmachen und dabei ehrlich sind.“ Beim Lohnspiegel erfahren die Nutzer am Ende, wie viele andere Teilnehmer mit dem gleichen Beruf den Fragebogen ausgefüllt haben.

Gehaltsvergleich unter Kollegen

Relativ neu auf dem Markt ist der Gehaltsvergleich companize. Er macht als einer der ersten einen Gehaltsvergleich unter Kollegen möglich und soll gerade die Arbeitnehmer ansprechen, die in Firmen ohne Tarifbindung arbeiten und das Gefühl haben, dass der Kollege mit den gleichen Aufgaben mehr verdient. „Companize soll Arbeitnehmer auf die gleiche Verhandlungshöhe mit ihren Arbeitgebern bringen“, sagt Geschäftsführer Jens Sander.

Eine Neiddiskussion durch offengelegte Gehälter befürchtet er nicht. „Die Beschäftigten haben Anspruch auf Transparenz und Information“, sagt Sander und verweist auf ein Urteil des Landesarbeitsgerichtes Mecklenburg-Vorpommern, das im vergangenen Jahr die Verschwiegenheitsklausel in Arbeitsverträgen gekippt hat (2 Sa 183/09 und 2 Sa 237/09). Danach darf der Arbeitnehmer sich mit Kollegen über sein Gehalt austauschen, auch wenn der Arbeitsvertrag das verbietet. Anders könne er, so begründete das Gericht sein Urteil, nicht feststellen, ob der Arbeitgeber bei der Lohngestaltung dem Gleichbehandlungsgrundsatz folge, dem er verpflichtet sei.

Jochen Felix, Sekretär in der Verdi-Tarifabteilung, hält allerdings wenig davon, wenn sich Beschäftigte untereinander über ihr Gehalt austauschen: „Viele haben keine realistische Wahrnehmung von sich selber, das stellen wir immer wieder bei den Diskussionen um Leistungsentgelte, zum Beispiel im Öffentlichen Dienst, fest. Und dann beginnt die große Neiddiskussion.“ Es sei zudem Aufgabe des Betriebsrates, für ein gerechtes betriebliches Entgeltsystem einzutreten.

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