Streng geheim: Verfassungsschutz

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Swisttal. Klein und geheim ist der Campus in Swisttal. Hier schult der Verfassungsschutz seinen Nachwuchs, hinter Schlagbaum und Zaun, auf einem Gelände der Bundespolizei. So leicht kommt hier keiner rein. Dennoch klopfen viele an die Tür: 1300 Bewerber w

Manche mögen naiv von der Schlapphut-Karriere träumen, andere vom Beamtenjob. Die meisten Bewerber erfahren eh nie, wie diese Arbeit tatsächlich aussieht. Am Ende bleiben nur 20 übrig, die den Inlandsnachrichtendienst von innen kennenlernen. Ohne Lizenz zum Töten, aber mit dem gewaltfreien Titel: "Diplomverwaltungswirt".

So wie Steffi Schuster (22), Jens Berthold (33) und Steven Müller (31), die in Wirklichkeit ganz anders heißen. Steffi, Jens und Steven beenden in Kürze ihr Studium an der Schule für Verfassungsschutz (SfV). Was sie machen, dürfen sie nicht sagen. Warum sie's tun, ist kein Geheimnis. Steffi hatte ihre Bewerbungsmappe 2003 abgeschickt. Damals war das NPD-Verbotsverfahren in aller Munde und die Probleme, juristisch verwertbare Infos über diese Partei zu bekommen. "Ich komme aus Brandenburg. Es hat mich angewidert, dort Rechtsextreme zu sehen. In diesem Beruf kann ich was dagegen unternehmen, das hat für mich etwas Patriotisches", stellt Steffi fest. Ihr Vater war leicht schockiert, als er von ihrem Berufswunsch erfuhr. "Er war überzeugter DDR-Bürger, und ausgerechnet sein Kind will beim Verfassungsschutz arbeiten." Inzwischen sei der Papa stolz. "Zwei Freunde wissen Bescheid, für die anderen mache ich eine langweilige Verwaltungsausbildung."

Jens hat einen ganz anderen Beruf gelernt. Er ist Versicherungskaufmann im Außendienst, als ihm 2003 ein Kunde erzählt, dass er beim Verfassungsschutz arbeitet. Jens lässt sich überzeugen. Der Beamtenstatus reizt, aber auch der etwas andere Außendienst. Steven aus Sachsen-Anhalt war zwölf Jahre Soldat, hat Erfahrung mit "elektronischer Aufklärung". Als Ostdeutscher weiß Steven um das Imageproblem "seiner" Behörde. "Es gibt einige, die Verfassungsschutz und Stasi in einen Topf werfen." Alles in allem sei der Verfassungsschutz aber akzeptiert, stellt das Bundesinnenministerium fest: 60 Prozent der Bürger hätten Vertrauen in die Arbeit des Inlandsnachrichtendienstes, nur 22 Prozent glauben er sei überflüssig.

Monika Rose-Stahl, stellv. Leiterin der Schule, erzählt, wer für das Studium in Frage kommt: Bewerber sollten ein gutes Abi haben, gut Englisch sprechen, viel von Politik und Geschichte verstehen und verständliche Texte schreiben können. "Das ist offenbar in den Gymnasien nicht mehr so wichtig wie früher. Heute spielen da wohl Naturwissenschaften und Technik eine größere Rolle als sprachlicher Ausdruck und Rechtschreibung."

Wenig Action, viel zu lesen

Im Studium halten sich Theorie und Praxis die Waage. Viel dreht sich um Rechtsfragen: Wen darf ich überwachen? Wo liegen die Grenzen? "Die Studierenden lernen zum Beispiel, dass Daten, die über Bürger gesammelt wurden, in der Regel nach einer Frist gelöscht werden müssen."

Der Alltag des Verfassungsschützers verläuft häufig unspektakulär: "80 Prozent der Infos bekommt er aus offen zugänglichen Quellen: Zeitungen, Broschüren, Internet usw.", erklärt Monika Rose-Stahl. Und die anderen 20 Prozent? Da geht es um "nachrichtendienstliche Mittel": Observation, Einsatz von Vertrauensleuten, heimliche Tonaufzeichnungen.

Verschwiegenheit zeichnet den Nachrichtendienstler aus. "Selbstverständlich gilt auch gegenüber Angehörigen Verschwiegenheitspflicht", erklärt eine Sprecherin der Behörde. Im Übrigen würden ja auch andere nicht alles einfach ausplaudern: "Welcher Arzt erzählt von den Krankheiten seiner Patienten?"

Ziemlich schräg sei das Bild, das Fernsehen und Kino vermitteln. "Nein, es schleicht keiner nachts heimlich aus dem Ehebett, um sich von Hochhäusern abzuseilen und böse Terroristen zu jagen", lacht Steffi. Amüsiert wurde auch eine Tatort-Folge der Kölner Kommissare Ballauf und Schenk aufgenommen: "Da fährt die V-Mann-Führerin in einer protzigen Limousine vor und kommandiert laut die Polizei herum." Wir vermuten: Dicke Limousinen sind für geheime Arbeit irgendwie nicht geeignet. Rechnen Sie lieber mit dem alten Polo an der Ecke.

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