Junge Burschen pflegen alte Rituale

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Iserlohn. Burschenschaften gelten als rechtskonservativ bis rechtsradikal. Sie feiern Gesichtsverletzungen beim Fechtkampf, den "Schmiss", als Erkennungsmerkmal. ...

... Die Freie Burschenschaft Germania zu Iserlohn ist nicht schlagend und gibt sich politisch neutral. Was bleibt, sind archaische Traditionen, der Ausschluss von Frauen und militärische Rituale. Freitag Abend, Soester Innenstadt, das Hotel Drei Kronen. "Fiducit", hallt es durch den Saal. Er möge trinken. Als Burschenschaftler zelebriert man sein Latinum noch. Wer etwas auf sich hält, stößt mit dem eigenen Krug an, möglichst geschmückt mit mittelalterlichen, gerne auch germanischen Runen. Die geschlossene Gesellschaft des heutigen Abends trägt Verbindungshüte. Sie ordnet mit dem Paradeschläger - einem langen Säbel - "Silencium" (Ruhe bitte!) an und betrinkt sich brüderlich. Hier singen 60 Männer verschiedener Verbindungen barocke "Canti" über das Student-Sein im Frühling, bestrafen "Sprechen ohne Erlaubnis" mit Trinkzwang und erzählen sich, welchen "Bruder" sie gerade wieder in welchem Job untergebracht haben.

Brust raus, Säbel in die Luft

Mittendrin: Die Freie Burschenschaft Germania zu Iserlohn, gegründet 1955. (Ehe-)Frauen sind nicht zugelassen, man(n) bleibt unter sich. "Wir sind die einzige Burschenschaft in Iserlohn, aber sowas wie uns gibt's an jeder Uni", betont Thomas Slatosch, Germania-Archivar und Abteilungsleiter bei einem Dortmunder Industrieunternehmen.

Der 43-Jährige beschwört die Normalität, kurz darauf hält um ihn herum ein Parademarsch Einzug in den Saal. Brust raus, Paradeschläger in die Luft. Dazu spielt Slatosch pathetische Akkordeon-Töne. Was sich hier abspielt, ist im wahrsten Wortsinn anachronistisch, aus der Zeit heraus gelöst.

Derweil bemüht sich der Tastenspieler sichtlich, seine Organisation in ein gutes Licht zu rücken. "Wir heben gesellschaftliche Stände auf", sagt Slatosch. "Bei uns ist jeder gleich, egal wo er herkommt. Ich muss hier niemanden Professor nennen, jeder hat nur seinen Bierspitz." Er spricht vom Spitznamen, mit dem sich hier alle ansprechen. Slatosch heißt "Allegro". Allerdings: An diesem Anspruch gemessen fällt die strenge Sitzordnung im Saal auf. Zur rechten Hand sitzen "Alte Herren", gesetzte und verdiente Verbindungsbrüder. Zur linken hocken "Füchse", junge, unerfahrene Studis. "Die sollen von den alten was lernen", doziert Slatosch, seit mehr als zwei Jahrzehnten Burschenschaftler.

Zusätzlich symbolisiert wird die Hierarchisierung durch Schärpen, die aussehen wie Hosenträger, und Zipfel, die vom Gürtel hängen. Jeder Eingeweihte erkennt den Rang. Slatosch begründet diese Verkleidung so: "Die Positionen in der Wirtschaft, die Menschen wie wir bekleiden, benötigen Ordnung." Er meint Führungspositionen, eine möglichst geschlossene Riege. "Viele Bundesbrüder haben auf ihrem Weg in die Wirtschaft von der Burschenschaft profitiert."

So verrät auch FH-Mecha-troniker Christoph Schütte, was Studenten motiviert, sich den Ritualen zu unterwerfen. "Das erhöht die Berufschancen enorm", sagt der 24-Jährige, der im 6. Semester studiert und seit einem Jahr der Burschenschaft angehört. Dafür zog er sich auch gern nackt aus und ließ sich von Kopf bis Fuß mit Bier übergießen. So verlangt's das Aufnahmeritual der Germania.

Slatosch schlägt - auch ohne Säbel - in die gleiche Kerbe. "Als kleiner Werksstudent hatte ich einen Boss, von dem ich wusste, er ist in der Germania. Da habe ich mich mit meinem Bierspitz vorgestellt. Schon waren wir auf einer Wellenlänge. Wenn Sie wissen, was ich meine..."

"Viele Bundesbrüder haben in der Wirtschaft von der Burschenschaft profitiert."

Thomas Slatosch, Archivar der Burschenschaft

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