Arbeitsalltag

Fakten-Check: Stimmt der Mythos vom lauen Lehrer-Job?

Lehrerin an einer Grundschule: Halbtagsjob bei vollem Gehalt?

Lehrerin an einer Grundschule: Halbtagsjob bei vollem Gehalt?

Foto: Archiv/dpa/Felix Kästle

NRW.  Lehrer haben vormittags Recht, nachmittags frei und 12 Wochen Urlaub im Jahr? Wir vergleichen die Vorurteile mit dem wahren Lehrer-Alltag.

12 Wochen Urlaub im Jahr, ein Traum! Ein normaler Arbeitnehmer kann sich das nicht leisten, da macht der Chef nicht mit. Das können nur Lehrer. Und die haben ja sowieso nur einen familienfreundlichen Halbtagsjob bei fürstlichem Gehalt... – Hören Lehrer solche Vorurteile oft? Oder entsprechen diese Vorurteile sogar der Wahrheit? Wir gleichen diese Stammtischparolen mit der Realität ab. Und staunen.

Petra Müller (ihr Name ist der Redaktion bekannt – ist Grundschullehrerin im Ruhrgebiet. Die 48-Jährige ist Pädagogin aus Leidenschaft. Sie hängt sich rein, ist motiviert, engagiert und voller Elan. Aber: Die hartnäckigen Vorurteile gegen Lehrer machen auch vor ihr nicht Halt. Sie hört sie häufig. Als wäre die berufliche Belastung nicht schon hoch genug. Aber was davon stimmt?

Nachmittags frei – ein Traum!

Weit gefehlt, erklärt Grundschullehrerin Müller. Obwohl der Unterricht meist mittags endet, verbringen Lehrer auch den Nachmittag oft in der Schule – auch Teilzeit-Kräfte, denn diese Verpflichtungen lassen sich nicht halbieren.

Neben wöchentlichen Konferenzen (Wochenkonferenz und Fachkonferenz) stehen mehrere Elterngespräche an, die nicht bis zum Sprechtag warten können. Dazu kommen Termine z.B. mit Jugendamt, Sonderpädagogen oder Integrationshelfern. Zudem bespricht sich Müller zur Unterrichtsplanung regelmäßig mit den Lehrern der Parallelklassen. Außerdem haben Lehrer eine Unterrichtsverpflichtung für die OGS, z.B. zur Hausaufgabenbetreuung. Dazu kommen AGs, Schulfeste, Klassenfeiern, Info-Abende, Elternsprechtage, Klassen- und Schulpflegschaftssitzungen, Fortbildungen...

Und selbst, wenn Müller nach dem Unterricht direkt nach Hause geht, stehen dort unter anderem an: Unterrichtsvor- und nachbereitung, Wochenplanung, Arbeitsheft-/Hausaufgabenkontrolle, Korrektur von Arbeiten und Tests, Berichte über Integrationsschüler. Und weil sie nachmittags auch mal Zeit mit ihren eigenen Kindern verbringen will, sitzt sie oft bis 23 Uhr am Schreibtisch.

Sie ist der Gestaltung ihrer Arbeitszeit also etwas flexibler, aber geleistet werden muss die Arbeit trotzdem. Nachmittags frei? Ja, das ist nur ein Traum.

12 Wochen Urlaub im Jahr – und dazu noch Klassenfahrten nach Rom!

Diese Rechnung geht leider nicht auf, weiß Müller. Lehrern stehen die gleichen Urlaubstage zu wie allen Beamten – nämlich 30 Tage. In die Ferien 2018 fielen (ohne Pfingstferien) 59 Arbeitstage. Eine Dienstverpflichtung besteht nur für die letzte Sommerferien-Woche, bleiben also 54 Arbeitstage. Hat Müller also 24 Urlaubstage geschenkt? Flötepiepe!

Die erste Sommerferienwoche nutzen sie und viele (ja, nicht alle...) ihrer Kollegen zum großen "Jahresend-Putz". Sie räumen ihren Klassenraum auf, sortieren Bücherregale, wischen Staub (die Putzhilfen erledigen nur für den Grobputz), bereiten den Raum vor (vor allem, wenn eine 4. Klasse geht und eine neue 1. Klasse kommt), sortieren Materialien in Fachräumen etc. Dann sind vier Sommerferien-Wochen frei, in denen sich sich oft Arbeit mit nach Hause nimmt. Aber für die Urlaubsreise bleibt die Arbeit zu Hause – darauf besteht Petra Müller. Ein paar Wochen nach Schuljahresstart werden die ersten Tests und Arbeiten geschrieben.

In den Herbstferien muss sie diese Arbeiten (neben anderem Papierkram) korrigieren – außerhalb der Ferien schafft sie das kaum. Und Korrekturen kosten mehr Zeit als man denkt: "Haben Sie schon mal versucht, den Aufsatz eines Grundschülers zu lesen?", fragt sie. Das scheitere oft schon an der Schrift, ganz zu schweigen von kruden Sätzen und unverständlichem Inhalt. "Und man muss es ja so korrigieren, dass es der Aufsatz des Kindes bleibt." Das dauert. In Mathe geht's zum Glück schneller. Dazu kommen Tests in Englisch und Sachkunde, die nicht benotet, aber korrigiert werden müssen.

In den Weihnachtsferien steht die Korrektur der nächsten Arbeiten und Tests an. Außerdem fängt Müller jetzt schon mit den Text-Zeugnissen an – also den ausformulierten Beurteilungen für ihre Grundschüler. Ende Januar müssen sie fertig sein. "Ich mache das ungern auf den letzten Drücker", gibt sie zu. Und weil sie ihren Schülern mit der Beurteilung gerecht werden will, kann sie keine Lückentexte dafür nehmen.

Die Osterferien nutzt sie wieder fürs Korrigieren. Am langen Pfingst-Wochenende fängt sie mit den nächsten Zeugnissen an.

Was bleibt da von den 24 "geschenkten" Urlaubstagen? Nichts. Außer dem Zwang, immer nur in der teuersten Zeit des Jahres in den Urlaub fahren zu können.

Vorbereitung? Nach ein paar Jahren reicht "Türschwellen-Pädagogik".

Der Stoff ist doch jedes Mal der gleiche, oder? Man bereitet einmal die Stunde zur Einführung des Bruchrechnens vor und nutzt sie dann jedes Jahr wieder. Und Erstklässlern Buchstaben beizubringen kann auch so schwer nicht sein. Da reicht Türschwellen-Pädagogik – also spontane Unterrichtsvorbereitung, die beim Betreten der Klasse beginnt...

Bei solchen Aussagen schüttelt Grundschullehrerin Müller nur den Kopf: "Wäre schön, wenn das so wäre", meint sie.

Aber bei jeder neuen Klasse ändert sich die Schülerstruktur: Es gibt leistungsstarke und schwache Klassen, wilde und ruhige Klassen, Klassen mit 15 oder 29 Kindern, Klassen mit vielen selbstständigen Schülern und Klassen, die viel Anleitung brauchen. "Darauf müssen wir uns jedes mal neu einstellen und den Unterricht entsprechend planen." Und weil sie sich auch mit dem Parallellehrer abspricht und nicht nur für den Tag plant, sondern in Wochenplanung oder ganzen Unterrichtseinheiten denkt, wird es noch komplizierter.

Zudem ist jede Klasse für sich sehr heterogen – und die Dienstordnung verpflichtet Lehrer auch zur individuellen Förderung einzelner Schüler. Das geht natürlich nur, wenn der Unterricht sowohl für starke als auch für schwache Schüler vorbereitet ist. Mit Büchern arbeiten Grundschulen daher kaum noch, sondern mit Arbeitsheften oder Blättern – was den Schülern das Lernen im eigenen Tempo ermöglicht. Natürlich erhöhe das auch den Vorbereitungsaufwand, erklärt Müller.

Dazu kommen oft Veränderungen in den Lehrwerken selbst: Vorgegebene Unterrichtsinhalte ändern sich, neue Hefte und Bücher werden eingeführt, in Neuauflagen älterer Bücher ändert sich die Reihenfolgen der Inhalte.

Das war's also mit Türschwellen-Pädagogik...

So viel Geld für so wenig Arbeit!

Verbeamtete Grundschullehrer in NRW werden nach Besoldungsgruppe A12 bezahlt – also je nach Dienstjahren zwischen etwa 3500 und 4600 Euro plus Familienzuschläge. Die Arbeitszeit beträgt 41 Wochenstunden. Beschweren will sich Müller nicht, aber ein königliches Gehalt sieht anders aus.

Und es gibt keine Chance zum Aufstieg: In der Grundschule gibt es nur normale Lehrer und die Schulleitung. Man steckt also fest. Die Kollegen an Gymnasien sind zwar auch an ihre Besoldungsgruppe (A13+) gebunden, können aber die Stufenleitung übernehmen, Vertrauenslehrer werden oder den Dienstplan führen. Dafür gibt's mehr Geld und weniger Unterrichtsstunden. In der Grundschule geht das nicht.

Dazu kommen viele Überstunden und vor allem Arbeit am Wochenende. Die Bereitschaft dazu wird vorausgesetzt – aber nicht bezahlt. Und nach Studium und Referendariat (also Minimum sechs Jahre Ausbildung) erwarten sich viele einfach mehr.

Lehrer haben total familienfreundliche Arbeitszeiten.

Hier antwortet Petra Müller ganz klar mit „jein“. Natürlich sei es praktisch, dass Beamte leichter Teilzeit arbeiten können. Aber als Lehrer bringe das nicht viel: Reduziert werden nur die Unterrichtsstunden – nicht die sonstigen Dienstverpflichtungen. Eine halbe Konferenz geht ebenso wenig wie eine halbe Fortbildung, ein halber Sprechtag oder eine halb korrigierte Arbeit. Bei der Stundenplangestaltung nimmt ihre Schulleitung möglichst Rücksicht auf die Wünsche der Teilzeitkräfte – aber einen kompletten Tag frei zu bekommen geht nicht immer.

Ja, räumt Müller ein: An einigen Tagen geht sie mittags nach Hause und kann sich dann um ihre Kinder kümmern. Aber dafür muss sie die Arbeit abends erledigen, wenn die Kinder im Bett sind. Und am Wochenende und in den Ferien am Schreibtisch zu sitzen ist auch nicht gerade familienfreundlich.

Ihr großer Vorteil: Sie muss sich in den Ferien nicht um eine Betreuung kümmern. Büroarbeit hin oder her – zumindest sind die Kinder versorgt. Ihr großer Nachteil: Lehrer können nicht zwischendurch einen Tag frei nehmen, wenn beim eigenen Kind ein wichtiger Termin ansteht. So unflexibel ist kaum ein anderer Beruf.

Eltern geben dem Kind Recht – und dem Lehrer die Schuld.

Ja, das stimmt leider, bemängelt Petra Müller. Natürlich nicht bei allen Eltern, aber bei vielen. "Das Verhältnis zwischen Eltern und Lehrer ist oft mit hohem Druck belastet", weiß sie. Das sei vor ein paar Jahren noch anders gewesen: Früher hatten Lehrer einen Vertrauensvorschuss – heute seien sie in vielen Elterngesprächen der Sündenbock, wenn etwas nicht läuft.

Und diese gesellschaftliche Entwicklung mache auch vor den Schülern nicht Halt, meint die Pädagogin: "Einige Eltern leben ihren Kindern vor, dass sie keinen Respekt vor ihren Lehrern haben müssen müssen."

Das wirkt sich am Ende auf alle aus: Die Klasse wird unruhiger, die Lernatmosphäre wird für alle gestört, und die Belastung für die Lehrer wächst weiter.

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