Gesichter der Zukunft

Politiker-Typ Schröder ist out - SPD-Hoffnung aus dem Revier

Sarah Philipp in dem Duisburger Kiosk ihrer Eltern. Mit 15 Jahren ist Philip in die SPD eingetreten, seit 2012 sitzt sie im Landtag.

Foto: Fabian Strauch

Sarah Philipp in dem Duisburger Kiosk ihrer Eltern. Mit 15 Jahren ist Philip in die SPD eingetreten, seit 2012 sitzt sie im Landtag.

Düsseldorf.   Die NRW-SPD braucht frisches Spitzenpersonal. Zu ihren Talenten zählt Sarah Philipp aus Duisburg. Ihre Botschaft: „Klare Abgrenzung von der CDU“.

Nach krachenden Niederlagen im Land und im Bund träumt die SPD davon, sich neu zu erfinden. Mit alten Köpfen und Traditionsrezepten dürfte das nicht klappen, darum hungert die Partei nach frischem Spitzenpersonal. Sarah Philipp (34) ist eine, die der Sozialdemokratie in NRW ein anderes Gesicht geben könnte. Die Landtagsabgeordnete gehört zu den Hoffnungsträgern der verunsicherten Landespartei.

Mit einem herzlichen „Wie isset?“ begrüßt Ellen Michel-Depui die Politikerin Sarah Philipp. Die Seniorin ist Stammkundin in einem kleinen Laden, den Sarah Philipps Mutter Gudrun seit 17 Jahren an den Hochfelder Arkaden in Duisburg leitet. Lottoscheine gibt’s hier, Zeitschriften, Zigaretten, eine Post und Gespräche gratis dazu: über Gott und die Welt, übers Wetter, über Duisburg früher, Duisburg heute. Frau Michel-Depui erzählt von „liebenswerten Menschen“ und „kleinen Lichtblicken“ im Stadtteil. „Ist nicht alles tot hier, stimmt’s, Vater?“, sagt sie zu ihrem Mann.

In diesem schmalen Laden, mitten in einem von Strukturwandel durchgerüttelten Stadtteil, hat ein Stück altes Ruhrgebiet überlebt: das offene, das leichte, das tolerante, das unkomplizierte. Eine Hörzu, ein Schwätzken – und tschüss.

Andere stehen am Infostand, sie nutzt WhatsApp

Sarah Philipp sitzt im Landtag in der ersten Reihe, als eine von acht stellvertretenden SPD-Fraktionschefs. Im Frühjahr, wenn Fraktionschef Norbert Römer (70) nach acht Jahren von diesem Amt lässt, wird ein neuer Vorsitzender gewählt. Der Essener Thomas Kutschaty könnte das sein, Martin Börschel aus Köln, Marc Herter aus Hamm oder Svenja Schulze aus Münster. Immer öfter aber fällt auch der Name Philipp, wenn es um Spitzenposten geht. Ob es schon für den Fraktionsvorsitz reicht, ist ungewiss. Aber Sarah Pilipp ist jung. Ihre Zeit kommt, heißt es.

SPD-Landeschef Michael Groschek hält große Stücke auf die Duisburgerin und auf eine „Junge Gruppe“ der SPD-Abgeordneten, in der neben Philipp auch Alexander Vogt, Sven Wolf und Stefan Kämmerling an der Runderneuerung der SPD arbeiten. Während viele Internetseiten von Abgeordneten zum Wegklicken einladen, lockt „Sarah Philipp – Duisburg“ zum Blättern. Während andere am Infostand warten, experimentiert die SPD-Frau mit WhatsApp, um mit möglichst vielen Bürgern ins Gespräch zu kommen.

Parteieintritt mit 15 Jahren

Aus Ruhrort stammen die Mutter und die Großeltern von Sarah Philipp. Dort, am Hafen, wo „Schimanski“ seinen ersten Fall löste, konnte sie sich einst nicht sattsehen an Kränen und Kohle. Am heutigen Image der Stadt reibt sie sich: „Wenn Leute von außerhalb Duisburg hören, denken sie gleich an Marxloh. Kaum einer denkt an die Uni und den modernen Hafen.“ Bessere und abgehängte Orte habe es im Revier immer schon gegeben. Allerdings öffne sich die Schere: „Wir laufen Gefahr, dass sich die Stadtteile weiter auseinander entwickeln.“

Mit 15 ist Philipp rein in die SPD, 1998, als Schröder Kanzler wurde. Entsetzlich „spießig“ habe sie damals die alte CDU/CSU-Herrenriege Kohl, Blüm,Waigel gefunden. „Ich kannte als Jugendliche keinen anderen Kanzler als Kohl.“ Sie ließ sich anstecken von der Wechselstimmung. „Ich bin ein rot-grünes Kind“, sagt Philipp. Ist sie auch ein rot-rot-grünes? „Nein, das nicht.“

Bauen, Wohnen und Verkehr sind ihre Themen

Die verlorenen Wahlen treiben sie um, ihre Fehleranalyse ist noch unvollständig. Aber es gibt Indizien: „Die Menschen haben unsere Plakate gesehen und sich gefragt: Was wollen die eigentlich? Es wäre besser gewesen, ihnen zu sagen, wie sich die SPD Nordrhein-Westfalen in zehn Jahren vorstellt.“ Knackige Kernthemen hätte die Partei finden müssen, zum Beispiel die hohen Mieten.

„Bauen, Wohnen und Verkehr“ sind Philipps Spezialgebiete. Als sie im Sommer eine Serie von Kleinen Anfragen zu Verkehrsthemen hinlegte, rieben sich Fraktionskollegen die Augen. Zu dem Zeitpunkt hatte die SPD kaum begriffen, dass sie nun Opposition ist. Philipp legte los, als Teile ihrer Partei noch ausgeknockt im politischen Koma lagen. An ihrer Teamfähigkeit will sie aber keinen Zweifel aufkommen lassen: „Alphatier-Attribute wie ,Ellenbogen’ und ,Basta’ sind heute eher untauglich. Du musst im Team arbeiten. Der Politiker-Typ Schröder oder Kohl ist out.“

In der Diskussion über GroKo, Minderheitsregierung oder Opposition im Bund hat Philipp noch keinen klaren Standpunkt. „Der Bauch sagt: keine GroKo. Seit 20 Jahren bin ich in der SPD, und das wäre dann schon die dritte. Die Vernunft sagt aber: Konsequente Verweigerung würden uns die Bürger nicht durchgehen lassen.“ Grundsätzlich, findet sie, führt mehr Eigenständigkeit die Partei aus der Krise: „Wir müssen uns klar von der CDU absetzen. Wenn da kein Unterschied ist, gibt es keinen Grund, uns zu wählen.“

>> ZUR PERSON

Sarah Pilipp (34) ist seit 2012 Landtagsabgeordnete, gewählt im Wahlkreis Duisburg 1 (Duissern, Neudorf, Wanheimerort), und seit 2017 Vize-Fraktionschefin. Sie studierte Wirtschaftsgeographie und Politik in Aachen, arbeitete als Projektmanagerin in einem Dortmunder Planungsbüro.

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