„March for Science“

NRW-Forscherin für Kampf für freie Wissenschaft geehrt

Tanja Gabriele Baudsons Erfolg:  In 22 deutschen Städten, darunter Berlin, haben Wissenschaftler 2017 für die Forschungsfreiheit demonstriert. Foto:Carstensen/DPA

Tanja Gabriele Baudsons Erfolg: In 22 deutschen Städten, darunter Berlin, haben Wissenschaftler 2017 für die Forschungsfreiheit demonstriert. Foto:Carstensen/DPA

Essen.   Tanja Gabriele Baudson wird als „Hochschullehrerin des Jahres“ geehrt. Von Bochum aus organisierte die 41-Jährige „Märsche für die Wissenschaft“.

Tanja Gabriele Baudson ist „Hochschullehrerin des Jahres“. Der Deutsche Hochschulverband, die Interessenvertretung aller Hochschullehrer, verlieh der 41-jährigen Psychologin diesen Ehrentitel – ausgerechnet für eine große Protestaktion. Von Bochum aus hat sie mit Claus Martin und weiteren zahlreichen Mitstreitern vor Ort am 22. April 2017 bundesweit rund 37 000 Menschen auf die Straße gebracht, um für die Freiheit der Forschung, für Demokratie und Meinungsfreiheit zu demonstrieren. Vorbild waren Aktionen in den USA, die sich nach der Wahl Donald Trumps unter dem Banner „March for Science“ (Marsch für die Wissenschaft) gegen populistische Verunglimpfungen richteten.

Fünf Nobelpreisträger an der Seite

Wenn sie geahnt hätte, wie viel Arbeit und Zeit die Koordination der Aktionen in 22 deutschen Städten kostete, wäre sie womöglich davor zurückgeschreckt. „Ich bin der US-Initiative auf Twitter gefolgt und ich habe mich gefragt: Was machen wir, was macht Deutschland? Wir wollten nicht länger zuschauen.“ Tanja Gabriele Baudson antwortete mit einem Tweet: „Here we are“ – wir sind dabei! Und so kam die deutsche Initiative ins Rollen, entwickelte schnell eine große Dynamik. „Wir hatten schnell Hunderte Follower, viele wollten sich engagieren. Es war überwältigend“, erinnert sie sich. Bald hatte sie die meisten Wissenschaftsorganisationen, zahlreiche Hochschulen und auch fünf Nobelpreisträger an ihrer Seite.

Hohes Tempo ist sie aber gewohnt: Bereits 22 Mal ist die sympathische und energiegeladene Forscherin in ihrem Leben umgezogen. „Da lernt man, schnell mit neuen Situationen umzugehen“, lacht sie. Während des March for Science hatte sie eine Vertretungsprofessur für empirische Bildungsforschung an der TU Dortmund inne, zuvor war Tanja Gabriele Baudson befristet an der Uni Duisburg-Essen beschäftigt. Seit wenigen Wochen vertritt sie eine Professur in Luxemburg.

Engagement hält auch 2018 an

Neue Stelle, neue Uni, neue Stadt, neue Studenten – eine Nomadin der Wissenschaft, deren Weg über Trier, Paris, Australien, Japan, die USA ins Ruhrgebiet und schließlich nach Luxemburg führte. Feste Stellen sind rar, bis zu einer Lebenszeitprofessur hangeln sich viele Wissenschaftler mit Kurzverträgen von Jahr zu Jahr. Doch die Ungebundenheit gefällt Baudson auch. Wenn ihre Zeit in Luxemburg abläuft, packe sie wieder ihre Koffer, sagt die 41-Jährige. „Es gibt viele schöne Orte in der Welt, ich schließe nichts aus.“

Die Auszeichnung des Hochschulverbands freut sie außerordentlich. „Das ist natürlich ein Riesending. Ich fühle mich wahnsinnig geehrt. Das ist eine tolle Bestätigung für das Engagement der dahinter stehenden Initiative und trägt dazu bei, dass die Sache nicht versandet.“ Viele Leute seien nach wie vor bereit, 2018 erneut Aktionen zu starten.

Zentrale Werte der Demokratie

Angetrieben wurde Baudson von der Sorge über die um sich greifende Wissenschafts- und Demokratiefeindlichkeit nicht nur in den USA. Sie wollte nicht mehr zusehen, wie die Wahrheit und Freiheit mit Füßen getreten wurden. „Die zentralen Werte der Demokratie sind auch die Werte der Wissenschaft“. Die Wahl in den USA sei nur der Auslöser gewesen, nicht die Ursache. Sie erkenne einen „Zeitgeist“ der Demokratieverachtung. „Wissenschaft, Presse und Kunst trifft es immer zuerst. Weil dies Institutionen sind, die als demokratische Kontrollinstanzen funktionieren.“ Man müsse sich darüber klar werden, wie schnell sich das ändern könne.

„Ich sehe mich in der Verantwortung, nicht nur meine eigene Karriere zu verfolgen, sondern mich als Teil der Gesellschaft zu sehen.“ Das passiere im zum Teil abgeschotteten Wissenschaftssystem viel zu selten. „Was zählt, sind Veröffentlichungen in Fachmagazinen und eingeworbene Forschungsgelder. Das soziale Engagement hat keinen großen Wert“, stellte sie fest. Die Forscher hätten wenig Zeit und Anreiz, über ihre Rolle in der Gesellschaft nachzudenken. „Wir müssen mehr an die Öffentlichkeit gehen“, ist Tanja Gabriele Baudson überzeugt. „Wir müssen deutlicher machen, wie Wissenschaft funktioniert und die Freude am Forschen vermitteln.“ Am besten schon in den Schulen. Das wäre auch ein guter Weg, die Jugend gegen Fake-News zu impfen.

Die Märsche im April hätten etwas bewegt, Krusten aufgebrochen, glaubt sie. Nicht nur in der akademischen Welt wurden Debatten ausgelöst über den Wert der Wissenschafts- und Meinungsfreiheit, über die Frage, ob Forscher sich politisch äußern, sich einmischen sollen – oder gar müssen? „Vielleicht waren wir eine Art Katalysator dafür“, überlegt sie. Der Preis, den sie am 3. April in Berlin entgegen nimmt, bestätigt das eindrucksvoll.

>> Wissenschaftler demonstrieren wieder im April

„Wir machen weiter“, sagt die Initiatorin der letzjährigen Wissenschafts-Märsche, Tanja Gabriele Baudson. Auch in diesem Jahr sollen am 14. April wieder weltweit und auch in deutschen Städten Aktionen stattfinden. Es gebe Zusage von verschiedenen Städten.

Nachgedacht werde auch über neue Formate. In verschiedenen Veranstaltungen soll es um die Bedeutung von Wissenschaftsfreiheit und Demokratie gehen

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