Nationalsozialismus

Monatlich 2000 Anfragen beim NRW-Archiv für NS-Opfer

„Ich habe das Gefühl, etwas Positives bewirken zu können“: Karl Zimmermann leitet das Düsseldorfer Dezernat zur Entschädigung des NS-Unrechts. Foto:Kai Kitschenberg

„Ich habe das Gefühl, etwas Positives bewirken zu können“: Karl Zimmermann leitet das Düsseldorfer Dezernat zur Entschädigung des NS-Unrechts. Foto:Kai Kitschenberg

Düsseldorf.   In Düsseldorf gibt es eine bundesweit einmalige Kartei mit Daten von zwei Millionen NS-Opfern. Mitarbeiter nennen sie „Schicksalskarten“.

Manchmal hat Gerechtigkeit ein paar Jahrzehnte Verspätung. Janina Horst hätte die späte – und spärliche – Wiedergutmachung für ihr Leid um ein Haar nicht mehr erlebt. Sie war 1942, damals neun Jahre alt, von der SS in Polen entführt worden, um „zwangsgermanisiert“ zu werden. Die Nazis gaben ihr einen falschen Namen – Johanna Kunzer – und einen Vormund, dem es nicht um Fürsorge, sondern um Rassenwahn ging: den Verein „Lebensborn“, gegründet von Heinrich Himmler.

Janina Horst, Mädchenname Kunstowicz, ist eine der vielen fast unbekannten Opfer der Nazis, deren Schicksal auf Karteikarten und in Akten im Dezernat 15 der Bezirksregierung Düsseldorf archiviert ist. Zu den prominentesten Opfern zählt das mit dem Aktenzeichen 20 702. Wohnort: Rhöndorf, Name: Dr. Adenauer, Konrad steht auf vergilbtem Karton. Adenauers Karte ist eine von rund zwei Millionen, die in 70 historisch anmutenden Stahlkästen ruhen, geordnet nach Geburtsdaten. Adenauer war 1944, in Folge des Aufstandes gegen Hitler, verhaftet und in ein „Arbeitserziehungslager“ in Köln-Deutz verschleppt worden.

Rund 20 Mitarbeiter hüten die „Schicksalskarten“

„Schicksalskarten“ und „Schicksalsmappen“ nennt Karl Zimmermann die Sammlungen, die er mit 20 Kollegen hütet. Er ist der Chef einer Verwaltung, die es so in Deutschland nur einmal gibt. Zimmermanns Dezernat 15 ist unter anderem verantwortlich für die Bundeszentralkartei (BZK) zur Dokumentation durchgeführter Entschädigungsverfahren.

Hinter der sperrigen Beschreibung verbirgt sich ein historisch herausragend wichtiges Archiv, das der Nachwelt erhalten werden soll. Die Digitalisierung ist im vollem Gange, Anfang 2018 soll sie abgeschlossen sein. Danach kommen die Schränke ins NRW-Landesarchiv. Die Karten, die in diesem Dezernat lagern, deuten auf das Ausmaß des Schreckes hin. Aber es ist doch nur ein kleiner Fingerzeig. Millionen Opfer hatten nämlich keinen Rechtsanspruch auf Entschädigung, weil ihr Wohnort außerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches lag. Andere hatten nur theoretisch einen Anspruch. „Das sind die schlimmsten Fälle. Jene, zu denen wir keine Akten haben“, sagt Zimmermann. „Dann ist nämlich die ganze Familie gestorben, und es gab keinen mehr, der einen Antrag stellen konnte.“

Rund 2000 Anfragen erreichen Archiv im Monat

Die Zahl der Anfragen zur Zentralkartei ist mehr als 70 Jahre nach dem Krieg „auf hohem Niveau rückläufig“. „Uns erreichen rund 2000 Anfragen im Monat zur Zentralkartei“, erzählt der Dezernatsleiter. Vor einem Jahr seien es 3000 gewesen. Privatleute klopfen an, Rentenversicherungen, Anwälte, die Aktion „Stolpersteine“ und zuletzt immer mehr Historiker. Es gibt auch Fragende, die wissen wollen, was ihren Eltern oder Großeltern widerfahren ist. Dass in Familien oft nicht über den Krieg geredet wurde, gelte aber auch für viele Opfer-Familien, heißt es im Dezernat. „Ich habe das Gefühl, etwas Positives bewirken zu können“, erzählt Zimmermann. „Der Umgang mit den Verfolgten ist manchmal so, als würde man mit den eigenen Großeltern reden. 95 Prozent sind Menschen jüdischen Glaubens, viele schicken uns dennoch Weihnachtskarten.“

Das aktuelle politische Geschehen ruft eine neue Nachfrage nach der Kartei hervor. „Wir erhalten zahlreiche Nachfragen von Nachfahren von Verfolgten, die Deutschland verlassen mussten und deren Familienangehörige nun wieder Deutsche werden wollen. Diese Anfragen nehmen nach dem Brexit-Votum und dem Dienstantritt von Trump zu“, sagt Zimmermann.

Entschädigungszahlungen für Überlebende

Das Dezernat versorgt auch rund 4700 Überlebende der NS-Verfolgung, die in NRW lebten oder leben, mit Entschädigungsrenten von 541 bis 2000 Euro im Monat. Die Empfänger sind im Schnitt 87 Jahre alt, jeden Monat sterben etwa 70 von ihnen. Fast die Hälfte der Rentner wohnen in Frankreich, rund 1000 in Belgien, Hunderte in Skandinavien.

Janina Horst wartete übrigens 74 Jahre auf eine Entschädigung. Am 8. Juli 2016 wurde ihr eine einmalige Unterstützung von 3600 Euro zuerkannt – der Höchstbetrag, der in diesem Fall ausgezahlt wird. Die schwer kranke Frau erfüllte sich damit ihren Traum von einer Urlaubsreise. Einen Monat später starb sie.

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