Bergbau

Landtag verabschiedet feierlich den Bergbau

Mit einer Festveranstaltung im Lantag NRW in Düsseldorf verabschieden sich die Bundesländer Nordrhein-Westfalen und das Saarland vom Steinkohlebergbau. Dazu singt der „Ruhrkohle-Chor“.

Mit einer Festveranstaltung im Lantag NRW in Düsseldorf verabschieden sich die Bundesländer Nordrhein-Westfalen und das Saarland vom Steinkohlebergbau. Dazu singt der „Ruhrkohle-Chor“.

Foto: Kai Kitschenberg

Düsseldorf.   Mit einem Festakt im Landtag wird die Tradition des Steinkohlebergbaus gewürdigt. Laschet betonte die Integrationsleistung der Arbeit unter Tage.

Zwei Kohle-Loren grüßen auf dem Landtagsvorplatz die im Minutentakt anrollenden Limousinen all der Minister, Konzernchefs, Amts- und Würdenträger. Im Parlamentsgebäude lässt sich der „Ruhrkohle-Chor“ in seiner Knappen-Tracht bestaunen. Den Boden im Plenarsaal zieren Grubenlampen und den Tisch der Protokollanten bepflanzte Miniatur-Förderwagen. 120 Bergleute der letzten Zechen nehmen in Arbeitskluft ihre Plätze auf der Besuchertribüne ein.

Man ist auf einen wohligen Schauer der Erinnerung eingestimmt, als Landtagspräsident André Kuper (CDU) am Mittwochmorgen in Düsseldorf die politische Festveranstaltung zur Verabschiedung des deutschen Steinkohlebergbaus eröffnet. Bevor am 21. Dezember tatsächlich auf Prosper-Haniel in Bottrop die offiziell letzte Schicht gefahren wird, mangelt es ja nicht an Gedenkstunden. Der Ruhrkohle-Chor stimmt gleich ein elegisches „You‘ll never walk alone“ an, selbst Oberbürgermeister schießen da gerührt Fotos.

Laschet: Kohle war Treibstoff für den Wiederaufbau und für die europäische Aussöhnung

Doch dann wird es im Landtag ein überraschend aktueller Moment, der weit über die folkloristische Rückschau hinausweist.

Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) schlägt als erster die Brücke in die Gegenwart. Die Kohle sei ja nicht nur „Brennstoff für Wiederaufbau und Wirtschaftswunder“ gewesen. Sie habe auch als Treibstoff gedient für die europäische Aussöhnung und Einigung nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein Erbe, das es in Zeiten neuer nationale Egoismen und populistischer Spaltungsversuche zu bewahren gelte: „Dieses Friedensprojekt dürfen wir uns in diesen Tagen nicht kaputt machen lassen“, ruft Laschet. Vor allem die angereiste Delegation aus dem historisch immer wieder durchgeschüttelten Saarland applaudiert da lebhaft.

„Man hat nicht gefragt: Gehört der Islam zu Deutschland, sondern: Kann ich mich auf Dich verlassen.“

Auch die Integrationsleistung des Bergbaus streicht Laschet bewusst heraus. Unter Tage seien Tausende „Gastarbeiter“ zu Kumpeln geworden: „Man hat nicht gefragt: Gehört der Islam zu Deutschland, sondern: Kann ich mich auf Dich verlassen.“ Laschet wird kommende Woche in Bottrop mit ehemaligen Gastarbeitern und seinem über 80-jährigen Vater zum letzten Mal unter Tage einfahren. Heinz Laschet war einst Steiger auf Zeche Anna in Alsdorf und ließ sich später im berühmten „Mikater-Programm“ zum Grundschulrektor umschulen.

Laschet macht deutlich, dass er „ein Signal“ setzen will in einer politischen Atmosphäre, in der Hitlergrüße, Hassparolen und Hetzjagden auf Ausländer inzwischen sogar von hohen Amtsträgern wieder relativiert werden. Gewerkschaftschef Michael Vassiliadis (IGBCE) zielt mit beißender Ironie in dieselbe Richtung: Er selbst sei Kind eines griechischen Gastarbeiters, „der sich eine deutsche Frau nahm und sie schwängerte“. Für die einen sei er damit „gelebte Integration“, für die anderen „genetische Verunreinigung“, ätzt Vassiliadis.

Auch die Grünen singen im Landtag am Ende das „Steiger-Lied“ mit

Der Gewerkschaftsboss appelliert, auch nach dem Ende der Kohle für „die Tugenden der Bergleute“ einzustehen. Gesellschaftlich, aber auch energiewirtschaftlich. Der Ausstieg aus der Steinkohle, die noch in den 1960er-Jahren allein im Ruhrgebiet mehr als 500 000 Kumpel beschäftigte, konnte ohne soziale Verwerfungen nur mit vielen Subventionsmilliarden und einem besonderen Kooperationsgeist gelingen. Der frühere Energiemanager Werner Müller, der das friedliche Ausstiegsmodell der RAG-Stiftung entwarf und mit der Politik durchsetzte, ist bei der Feierstunde nur in einem Einspielfilm zu sehen – schwer gezeichnet durch eine Krebserkrankung.

Vassiliadis will im gegenwärtigen Streit um die Zukunft Braunkohle an diese Konsenskultur anknüpfen. „Im Kern geht es darum, ob wir gesellschaftliche Einigung im Strukturwandel finden“, sagt er. Ein Braunkohle-Ausstieg vor 2045 unter Berücksichtigung der Klimaziele, jedoch mit Energiesicherheit und ohne soziale Verwerfungen – das ist die Aufgabe. Am Ende singt der „Ruhrkohle-Chor“ mit Schnapsglas in der Hand das „Steiger-Lied“. Und auch die Grünen singen mit.

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