Medikamente

Wie Chemie-Studenten den Medikamenten-Engpass lösen wollen

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Apotheken beklagen anhaltende Lieferengpässe bei einer Reihe von Medikamenten, darunter sind Fiebersäfte für Kinder.

Apotheken beklagen anhaltende Lieferengpässe bei einer Reihe von Medikamenten, darunter sind Fiebersäfte für Kinder.

Foto: Waltraud Grubitzsch / dpa

Essen/Krefeld.  Mangel an Ibuprofen und Paracetamol: Hochschule Niederrhein entwickelte Produktionsanlage, die halb Europa mit Schmerzmitteln versorgen könnte.

Ärzte und Apotheker klagen seit Wochen über einen akuten Medikamentenmangel. Derzeit sind in Deutschland mehr als 300 Arzneimittel nicht lieferbar, darunter auch Kindermedikamente wie Fieber- und Hustensäfte. Einen Ausweg aus der Mangelsituation könnte eine Fertigungsanlage bieten, die 20 Studierende der Technischen Chemie an der Hochschule Niederrhein unter Leitung von Prof. Heyko Jürgen Schultz entwickelt haben.

Das Team stellte konkrete Pläne für eine Anlage vor, mit der in Deutschland künftig deutlich mehr Medikamente hergestellt werden könnten. Die innovative Chemieanlage könne bis zu 360.000 Tabletten sowie 2700 Fiebersaftflaschen herstellen – pro Stunde. Das sei etwa die doppelte Menge Schmerzmittel, die in Deutschland jährlich verbraucht werde. So könnten zugleich weitere Länder in Europa mit knappen Arzneimitteln versorgt werden. Mit Hilfe dieser Technologie könne sich Deutschland unabhängiger von ausländischen Produzenten machen, ist Schultz überzeugt.

Keine Besserung in Sicht

Viele Schmerzmittel werden derzeit in China, Indien und in den USA produziert, weil dort die Lohnkosten und Rohstoffpreise deutlich niedriger sind als in Deutschland. Da es auch dort Lieferengpässe gibt, bleiben in der Folge auch hier Schubladen und Regale in vielen Apotheken leer. Nach Ansicht von Hausärzten und Apothekern sei kaum mit einer raschen Verbesserung der Situation zu rechnen.

Bundesgesundheitsminister Lauterbach hat daher die Festbeträge für bestimmte Kinderarzneimittel für drei Monate ausgesetzt. So sollen Pharmafirmen ermuntert werden, wegen der Erstattung höherer Preise mehr zu liefern. Zudem kündigte er ein Gesetz an, mit dem er Produktions- und Lieferprobleme angehen will. Experten verweisen aber darauf, dass schlicht die Ware fehle, die kurzfristig auf den Markt kommen könne.

Künftig könnte die „Multiproduktanlage“ der Krefelder Studierenden dazu beitragen, solche Notlagen zu vermeiden. Sie sei in der Lage, mindestens vier Wirkstoffe als Tablette oder Fiebersaft herzustellen, teilt die Hochschule mit. Geplant hat die Projektgruppe mit Aspirin, Diclofenac, Ibuprofen und Paracetamol. Die Produktion weiterer Wirkstoffe sei möglich. Nach Auskunft von Apothekern ist ausgerechnet fiebersenkender Paracetalmolsaft für Kinder und Babys seit Wochen kaum zu bekommen. Einige Apotheken stellen die Arznei inzwischen selbst her, was aufwendig und teuer ist.

Wirtschaftlich und konkurrenzfähig

Bislang funktioniert die Technik der Krefelder Chemiker nur in der Theorie. „Aber die Anlage ist bestellreif. Wir haben sie komplett durchgeplant“, erklärte Schultz dieser Redaktion. Von der Lagerung der Rohstoffe über die Qualitätssicherung, die chemischen Reaktionen, das Rühren und Reinigen der Stoffgemische, die Steuerung bis hin zum Abfüllen der Säfte umfasse die Maschinerie die komplette Fertigung. „Wir könnten sofort in die Bauphase übergehen“, versichert Schultz.

Dafür benötige die Hochschule indes einen finanzkräftigen Investor. „Wir wollten zeigen, dass es in Deutschland möglich ist, wirtschaftlich und konkurrenzfähig Arzneimittel herzustellen, auch wenn Produkte wie die üblichen Schmerzmittel eher niedrigpreisig sind und nur geringe Gewinnmargen versprechen. Dennoch sind sie lebenswichtig.“

Weniger Personal nötig

Ein weiterer Vorteil der komplexen Produktionsanlage sei ihr hohe Automatisierungsgrad, sie käme mit 20 Prozent weniger Personal aus, sagt Schultz. „Wir benötigen nur eine ganz schmale Produktionsmannschaft. Daher könnten wir auch mit Asien und den USA wirtschaftlich mithalten.“ Möglich werde dies durch moderne Messgeräte und Sensoren, die Abweichungen bei Temperatur, Druck oder Zusammensetzung der Rohstoffe während der laufenden Produktion erkennen und melden.

Die Stoffgemische werden ständig analysiert, was langwierige Transportwege zu den Laboren erspare. „Das gibt es so in dem geplanten Umfang noch nicht. Wir sammeln permanent Daten, können sie jederzeit abrufen und zur Optimierung des Prozesses nutzen“, erklärt der Chemie-Professor. Fehler könnten somit während der Produktion erkannt und verbessert werden. Das spare Energie und Rohstoffe.

Interesse von Investoren

Jedes Jahr lässt Schultz seine Studierenden in einem Seminar, das auf „problembasiertes Lernen“ setzt, eine Anlage konzipieren, die auch gebaut werden kann. Vor dem Hintergrund des akuten Medikamentenmangels mitten in der Grippewelle war in diesem Wintersemester die Vorgabe klar. „Unser Vorteil an der Hochschule ist, dass wir 20 talentierte Ingenieurinnen und Ingenieure ein halbes Jahr auf ein bestimmtes Thema ansetzen können.“ Diesmal sei dabei ein besonders innovatives Konzept mit vielen modernen Lösungen entstanden.

Schultz, der selbst viele Jahre in der Chemie-Industrie gearbeitet hat, ist zuversichtlich, mit dem baufertigen Konzept das Interesse der Branche geweckt zu haben. Die Machbarkeitsstudie sei eine gute Vorlage, eine solche Anlage tatsächlich zu bauen. „NRW ist das Chemie- und Pharmaland überhaupt. Es sollte mich wundern, wenn niemand anklopft.“

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