Missbrauchsfall

Unerfahrener Polizist sollte Beweise im Fall Lügde auswerten

Im Skandal um verschwundene Beweisstücke zum Kindesmissbrauchs in Lügde ist ein Sonderermittler im Einsatz. Mit Unterstützung durch LKA-Mitarbeiter soll er den Verbleib von 155 Datenträgern klären, die in der Kreispolizeibehörde Lippe verschwunden sind.

Im Skandal um verschwundene Beweisstücke zum Kindesmissbrauchs in Lügde ist ein Sonderermittler im Einsatz. Mit Unterstützung durch LKA-Mitarbeiter soll er den Verbleib von 155 Datenträgern klären, die in der Kreispolizeibehörde Lippe verschwunden sind.

Foto: Friso Gentsch

Düsseldorf.   Der Polizeiskandal um die Missbrauchsfällen in Lügde weitet sich aus. Ein Polizeianwärter war mit der Auswertung von sensiblen Beweisen betraut.

Im Polizeiskandal um verschwundenes Beweismaterial zu den Missbrauchsfällen von Lügde werden immer neue Pannen bekannt. Bei dem Polizisten, der das sensible Material in der Kreispolizeibehörde Lippe auswerten sollte, handelte es sich laut NRW-Innenministerium nur um einen Polizeianwärter. Außerdem gibt es aus Ermittler-Kreisen Hinweise darauf, dass die Polizeibeamten, die mit der Aufklärung der Missbrauchsfälle beauftragt worden waren, „nicht die fachlich Besten“ gewesen sein sollen.

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) präsentierte sich am Freitag im Landtag nicht nur als oberster Dienstherr der Polizei, sondern auch als Ankläger des „Polizeiversagens“ in Lügde. Er sieht sich als Chef-Aufklärer in der Pflicht und will auch Gerüchten nachgehen, Polizisten könnten mit den Tätern, die jahrelang Kinder auf einem Campingplatz in Ostwestfalen missbraucht hatten, gemeinsame Sache gemacht haben. „Das ist mein Projekt. Das wird aufgeklärt, soweit es geht. Hundert Prozent“, versprach er. Die Sonderermittler würden „jeden Stein umdrehen“.

Polizeigewerkschaft von Reuls Aussagen irritiert

Polizisten zeigten sich von der Haltung des Innenministers irritiert. „Es darf keine Vorverurteilungen geben, und daher ist es nicht in Ordnung, dass der Innenminister die ganze Polizeibehörde in Lippe an den Pranger stellt. Die Polizisten dort verdienen den Respekt des Ministers und sollten keinem Generalverdacht ausgesetzt sein“, sagte Michael Mertens, Chef der Gewerkschaft der Polizei in NRW, dieser Redaktion. Gerade in der Kreispolizeibehörde Lippe sei die Personalsituation sehr angespannt. Die Kollegen arbeiten im roten Bereich.

Zur Aufarbeitung des Falls gehöre auch die Frage, ob die Fehler bei der Aufklärung der Missbrauchsfälle zum Teil mit dem fehlenden Personal zu erklären sind. Auch der Chef des Bundes Deutscher Kriminalbeamter in NRW, Sebastian Fiedler, erinnerte daran, dass seine Kollegen in Lippe am Limit arbeiteten. „Wir reden hier nicht von einer Polizeibehörde, bei der alles in Ordnung wäre, sondern im Gegenteil“, sagte er dem WDR.

Innenminister Reul meinte, es liege ihm fern die 50.000 Polizisten in NRW zu kritisieren. Sie arbeiteten fleißig und hart. Die Belastung der Beamten sei ihm bewusst: „Ich weiß, dass wir wenig Personal bei der Polizei haben. Ich habe das verstanden, aber ich bin nicht schuld daran.“

>>> Info: Führender Polizeibeamter von Aufgaben entbunden

Im Skandal um verschwundenes Beweismaterial hat der Polizeichef des Kreises Lippe am Freitag einen führenden Beamten von seinen Aufgaben entbunden. Der Leiter der zuständigen „Direktion K“ habe ihn zu spät über die verschwundenen Beweismittel in dem Fall informiert, sagte der Behördenchef und Landrat Axel Lehmann (SPD).

NRW-Innenminister Herbert Reul hatte am Donnerstag über verschwundene Beweisstücke im Gebäude der Polizei in Detmold berichtet. Ende Januar war der Verlust aufgefallen, erst Tage später wurde die Behördenleitung informiert. „So geht es nicht“, kritisierte Lehmann. Er bezeichnete auch den Einsatz eines Polizeianwärters bei der Sichtung der Beweismittel als schweren handwerklichen Fehler. Zu der Frage, wie die Beweismittel verschwinden konnten, gab es keine neuen Informationen.

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