Kinderschutz

So helfen Experten den Ärzten, Kindesmissbrauch zu erkennen

Sie bringen das neue „Kompetenzzentrum für Kinderschutz“ an den Start: Tanja Brüning (li.), verantwortliche Ärztin der Kinderschutzambulanz an der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln, Sibylle Banaschak, die leitende Oberärztin des Instituts für Rechtsmedizin der Uniklinik Köln, und NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU).

Sie bringen das neue „Kompetenzzentrum für Kinderschutz“ an den Start: Tanja Brüning (li.), verantwortliche Ärztin der Kinderschutzambulanz an der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln, Sibylle Banaschak, die leitende Oberärztin des Instituts für Rechtsmedizin der Uniklinik Köln, und NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU).

Foto: Henning Kaiser/dpa

Düsseldorf.   Hämatome, Brüche, seelisches Leid – Oft sind sich Ärzte nicht sicher, ob brutale Gewalt die Ursache ist. Ein neues Zentrum klärt diese Fragen.

NRW gründet im Mai das erste landesweite Zentrum für Kinderschutz. Rechtsmediziner in Köln und Fachleute der Kinder- und Jugendklinik Datteln sollen Ärzte unterstützen, die bei der Behandlung eines jungen Patienten Spuren entdecken, die auf sexuellen Missbrauch oder Misshandlung hindeuten. Das Besondere an der Initiative: Die Ärzte können künftig bei Verdachtsfällen Kollegen konsultieren, ohne die Schweigepflicht zu brechen.

Gewalt gegen Kinder ist angesichts der schrecklichen Missbrauchs-Fälle von Lügde derzeit fast täglich ein Thema in NRW. Häufig sind Kinderärzte oder auch Pfleger und Therapeuten unsicher, ob die Verletzungen am Körper eines Kindes wirklich durch Schläge entstanden sind oder bei einem Unfall. Um solche Fragen besser zu klären, gründet NRW jetzt das erste landesweite „Kompetenzzentrum für Kinderschutz“.

Woher stammen die blauen Flecken?

Rechtsmediziner der Uniklinik Köln und Kinderschutz-Experten der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln stehen ab Ende Mai bereit, „Verdachtsfälle“ von Kindesmisshandlung online oder am Telefon zu klären. „Damit stärken wir den Kinderschutz in NRW deutlich“, sagte Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU).

Eine Mutter kommt mit ihrem Baby in eine Klinik, und die Mediziner stellen eine Schädelfraktur fest; der Arm eines Fünfjährigen ist übersät mit blauen Flecken; ein Kinderarzt erkennt auf einem Röntgenbild einen Knochenbruch. Der Untersuchende fragt sich: Wo kommen diese Verletzungen her? Ist das Kind beim Spielen unglücklich gestürzt, wie es die Eltern erzählen? Oder sind das Zeichen für Misshandlung?

Die Angst, Familien Schaden zuzufügen

Der Gang zur Polizei oder zum Jugendamt, also der Bruch der ärztlichen Schweigepflicht, könnte eine Kette von Ermittlungen in Gang setzen, die eine Familie womöglich zu Unrecht ins Zwielicht rücken. Das neue Zentrum für den Kinderschutz soll den zweifelnden Ärzten helfen. Bilder der Verletzungen können über ein geschütztes Portal hochgeladen und den Rechtsmedizinern in Köln anonym gezeigt werden.

Die Kinderklinik in Datteln widmet sich hingegen den Fällen von Vernachlässigung und seelischer Pein. Wenn ein Mädchen oder Junge auffällig kränklich ist, wenn ein Kind sich nicht richtig entwickelt (Gedeihstörung) oder Zeuge von häuslicher Gewalt ist, dann können sich Mediziner an Tanja Brüning und ihr Team wenden. Brüning leitet die Kinderschutzambulanz in Datteln. Die Zahl der Patienten dort sei stark gestiegen, erzählt die Ärztin. Von 125 im Jahr 2011 auf inzwischen etwa 1000 im Jahr.

„Missbrauch ist schwer zu erkennen.“

„Gerade sexueller Missbrauch ist schwer zu erkennen“, erklärte die Kölner Rechtsmedizinerin Sibylle Banaschak am Dienstag im Landtag. Die Dunkelziffer sei bei Missbrauch sehr hoch. Die Spuren von Schlägen und Tritten könnten hingegen besser analysiert werden. Bisher wendeten sich etwa 80 bis 100 Mediziner im Jahr an die Experten in Köln und melden Verdachtsfälle. Mit dem neuen Kompetenzzentrum, das das Land NRW in den kommenden drei Jahren mit zwei Millionen Euro fördert, soll die Zahl der Ratsuchenden deutlich steigen. In Köln und Datteln werden nicht nur die Gründe für Verletzungen an Körper und Seele ermittelt, sondern auch Hilfen angeboten: Wo und bei wem findet das Kind Unterstützung an seinem Wohnort?

Die Kombination aus rechtsmedizinischer und kindermedizinischer Beratung ist neu in NRW und in Deutschland. Kinderschutzzentren mit einer rechtsmedizinischen Beratung gibt es aber schon in Bayern, Niedersachsen und im Stadtstaat Hamburg.

Die Grenzen der ärztlichen Schweigepflicht

Immer wieder taucht die Frage der ärztlichen Schweigepflicht im Zusammenhang mit Kindesmisshandlungen auf. „Wenn Mediziner sicher sind, dass die Verletzungen, die sie sehen, nicht, wie von der Familie beschrieben, von einem Unfall stammen, wenn sie gar Lebensgefahr erkennen, dann dürfen sie die Schweigepflicht brechen und sich an Polizei und Staatsanwaltschaften wenden“, erklärte Sibylle Banaschak. Das Bundeskinderschutzgesetz lasse dies zu.

Im Zweifelsfall aber ist es gar nicht so leicht, andere Ärzte einzuschalten. Denn sie dürfen sich namentlich über ein Kind nur mit Einwilligung der Eltern austauschen. Hier setzt das Kompetenzzentrum Kinderschutz an. Denn die Patientendaten bleiben anonym.

Zweite Meinung erleichtert die Entscheidung

Der Rechtsmediziner, der sich die Bilder eines verletzten Kindes ansieht, weiß nicht, um welche Person es geht. Sind sich die Mediziner aber anschließend einig, fällt es gegebenenfalls leichter, die Behörden einzuschalten. „Der Bruch der Schweigepflicht ist eine Entscheidung, die man besser nicht alleine trifft“, findet Rechtsmedizinerin Banaschak.

Das Landesrecht ermöglicht eine Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht über die heutigen Grenzen hinaus nicht, und NRW-Gesundheitsminister Laumann hält auch nichts von solchen Eingriffen in Bewährtes. „Die Schweigepflicht ist ein hohes Gut und eine wesentliche Vertrauensgrundlage im Verhältnis zwischen Arzt und Patient“, sagte Laumann. Das „Kompetenzzentrum Kinderschutz“ nutze aber den Spielraum unterhalb der Schweigepflicht, um Kinder besser vor Gewalttätern zu schützen.

>>> Tausende Opfer in NRW

Laut Polizeilicher Kriminalstatistik wurden 2017 in NRW 2.872 Kinder und 6.365 Jugendliche Opfer einer Gewalttat. Nach Angaben des Statistischen Landesamtes IT.NRW haben die Jugendämter in knapp 39.500 Fällen eine Einschätzung bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung vorgenommen.

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