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Portal vergleicht NRW-Schulen - Massive Kritik an Kriterien

Das neue Vergleichsportal Schulen.de ist seit wenigen Tagen im Internet erreichbar. Bundesweit wurden dafür 3800 Schulen mit gymnasialer Oberstufe ausgewertet. 

Das neue Vergleichsportal Schulen.de ist seit wenigen Tagen im Internet erreichbar. Bundesweit wurden dafür 3800 Schulen mit gymnasialer Oberstufe ausgewertet. 

Foto: Getty

Essen.   Das Bewertungsportal Schulen.de listet „Top-Schulen“ in NRW auf. Eltern kritisieren die Ranglisten massiv: Kein Maß für die Qualität.

Geht es nach dem neuen Bewertungsportal Schulen.de, dann ist das Helmholtz-Gymnasium in Bonn das beste im Land. Fünf Sterne erhält es in dem neuen Online-Ranking. „Es hat das beste schulische Angebot in NRW“, urteilt das Portal. Was bei Hotels, Reiseanbietern oder Restaurants bereits üblich ist, könnte sich nach den Vorstellungen der Gründerinnen des Portals auch für die Schulen Deutschlands durchsetzen.

3800 Schulen mit gymnasialer Oberstufe haben sie unter die Lupe genommen. Dafür haben sie nicht nur das Gesamtangebot, sondern auch einzelne Kategorien beurteilt wie zum Beispiel das Angebot von Fremdsprachen, MINT, Sport, Musik oder Digitalisierung. Grundlage dafür waren in allen Fällen die Angaben der Schulen auf ihren Websites. Mit Hilfe eines speziellen Algorithmus wurden diese Daten am Ende in ein Bewertungsraster gegliedert. Einfließen können nach und nach auch Beurteilungen von Lehrern, Eltern und Schülern.

Nicht länger auf das „Bauchgefühl“ angewiesen

Ein Jahr habe ein 23-köpfiges Team die Websites der weiterführenden deutschen Schulen durchforstet, analysiert und die Informationen in eine Bewertungsmatrix eingefügt. Anschließend konnten die Schulen ihre Daten überprüfen und ergänzen. Endlich müssten sich Eltern und Schüler bei ihrer Schulwahl „nicht länger auf Hörensagen und Bauchgefühl verlassen, sondern können anhand von Fakten prüfen, welche Schule das beste Angebot macht“, so die Initiatorinnen des Portals.

Gegründet wurde das private Start-up von drei Schwestern aus Heidelberg, Marie, Annika und Clara Lehmann. Sie wollen mit dem neuen Portal nicht weniger als die deutsche Schullandschaft revolutionieren. „Es gab bisher noch keine Plattform, die alle wichtigen Informationen über Schulen übersichtlich erfasst und ihre Angebote sowie die Ausstattung bewertet und miteinander vergleicht“, sagt die 22-jährige BWL-Studentin Annika Lehmann. Die Schwestern hoffen, dass durch ihr Portal Wettbewerb zwischen den Schulen entsteht.

Einige Schulleiter drohten Klagen an

In der Vergangenheit haben Bewertungsportale wie Spickmich oder MeinProf.de mehrfach zu großem Unmut unter den Betroffenen geführt. Diffamierende und teils vulgäre Kommentare führten dazu, dass einige Portale nach kurzer Zeit wieder abgeschaltet wurden. Auch auf Schulen.de wollen manche Schulleiter ihre Einrichtung nicht gelistet sehen. „Die heftigen Reaktionen einiger Schulleiter haben uns ein wenig überrascht“, räumt die Juristin und Mit-Gründerin Clara Lehmann ein. „Vom Wunsch, die eigene Schule löschen zu lassen bis zur Androhung von Klagen war alles dabei.“

Maike Finnern, stellvertretende GEW-Landesvorsitzende in NRW, kann solche Reaktionen verstehen. „Aus Sicht der Schulen ist ein solches Ranking unmöglich“, sagte sie dieser Redaktion. Es sei fraglich, ob sich Angebot und Engagement einer Schule in ein Fünf-Sterne-Schema pressen ließen.

Elternvertreter lehnen Vergleichsportal ab

„Eine Vergleichbarkeit mit anderen Schulen ist zweifelhaft, eine Rangfolge zu erstellen, erst recht“, sagte sie. Denn Schulen seien unterschiedlich ausgestattet und hätten nicht die gleichen Voraussetzungen. Zudem seien die Kriterien hinter dem Auswahl-Algorithmus undurchsichtig, kritisiert Finnern. Grundsätzlich hegt sie Zweifel an der Aussagekraft von Online-Bewertungen. Die Urteile des Portals „gaukeln Objektivität vor, die nicht vorhanden ist“, lautet ihr Urteil.

Und auch die Eltern, auf deren Bedürfnisse der neue Service ja zugeschnitten sein soll, reagierten sehr kritisch. „Ein Bewertungsportal für Schulen lehnen wir ab“, sagte Jutta Löchner, Vorsitzende der Landeselternschaft der Gymnasien in NRW, dieser Redaktion. „Wir sind gegen jedes Ranking von Schulen, nicht nur der Gymnasien.“ Es führe nicht zu einer Verbesserung der Bildungschancen aller Kinder, sondern mache Bildung zu einem „anzupreisenden Wirtschaftsgut“. Die Qualität der Bildung könne nicht durch noch so ausgefeilte Algorithmen erfasst werden.

VBE: Eltern sollten sich Eindruck vor Ort verschaffen

Auch der Verband Bildung und Erziehung sieht das Projekt kritisch. Schulen.de bewerte ausschließlich die Angebote der Schule und nicht die Qualität des Unterrichts oder den Einsatz der Lehrer. „Ein Portal, das für sich den Anspruch erhebt, Deutschlands beste Schulen zu listen, kann doch nicht die Qualität und das Engagement der Lehrkräfte außer Acht lassen“, sagt VBE-Landesvorsitzender Stefan Behlau. „Das macht Schule aus.“

Behlau warnt vor „solchen Vereinfachungen“ und resümiert: „Wir lehnen solche Rankings ab.“ Besser sei es, wenn sich Eltern bei der Schulwahl einen persönlichen Eindruck verschaffen und die Tage der offenen Tür nutzten. Hinzu kommt, dass einige weiterführende Schulen in dem Ranking überhaupt nicht berücksichtigt wurden, bei anderen die Bewertung miserabel ausfällt, nur weil Angaben zu diversen Schulangeboten fehlten.

Das NRW-Schulministerium überlässt es explizit den Schulen selbst, ob sie sich an privaten Bildungsportalen beteiligen wollen. Allerdings mahnt Staatssekretär Matthias Richter: „Die Entscheidung über den richtigen Lernort für ihre Kinder können Eltern nicht ins Internet auslagern.“

Eine Ruhrgebiets-Schule in den Top-10

Von den Schulen im Ruhrgebiet schafft es mit Platz acht laut Schulen.de nur das Ruhr-Gymnasium in Witten unter die Top-10-Schulen in Nordrhein-Westfalen. In allen Kriterien punktet es mit vier bis fünf Sternchen. Bewertet wurden Angebote in Sprachen, MINT, Deutsch und Gesellschaftswissenschaft, Musik, Kunst, Sport, Digitale Schule und individuelle Förderung.

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