Forschung

Neue Tests sollen Krebs und Alzheimer vor Ausbruch erkennen

Die Labore und Geräte in dem neuen Forschungsbau auf dem Gesundheitscampus an der Ruhr-Uni Bochum sind bereits installiert. Hier arbeiten Wissenschaftler unter Leitung des Biophysikers Prof. Klaus Gerwert an Bluttest zur Früherkennung von Alzheimer und Krebs.

Die Labore und Geräte in dem neuen Forschungsbau auf dem Gesundheitscampus an der Ruhr-Uni Bochum sind bereits installiert. Hier arbeiten Wissenschaftler unter Leitung des Biophysikers Prof. Klaus Gerwert an Bluttest zur Früherkennung von Alzheimer und Krebs.

Foto: MATTHIAS GRABEN

Bochum.   An der Ruhr-Universität Bochum wird der neue Forschungsbau „ProDi“ für 50 Millionen Euro eröffnet. Neuartige Tests zur Früherkennung im Visier.

50 Millionen Euro haben Nordrhein-Westfalen und der Bund in einen neuen Forschungsbau für Proteinforschung an der Ruhr-Universität Bochum investiert. In den mit neuester Technik ausgestatteten Labors arbeiten rund 150 Wissenschaftler und Mediziner an neuen Verfahren zur Diagnose von Krebs und Alzheimer. Das Zentrum für Protein-Diagnostik (ProDi) wird am Montag feierlich eröffnet.

Im Fokus der Wissenschaftler stehen Testmethoden, die verschiedene Tumorarten sowie krankhafte Ablagerungen (Plaques) im Gehirn anzeigen können, noch bevor sich erste Krankheitssymptome bei den Patienten zeigen. Wichtigstes Ziel der Forschung ist es, die Erkenntnisse schneller zum Patienten zu bringen.

Alzheimer im Frühstadium erkennen

So haben die Wissenschaftler einen Alzheimer-Bluttest entwickelt und einen Biomarker für aggressiven Blasenkrebs entdeckt. „Mit einer verbesserten Diagnostik können heimtückische Erkrankungen im Frühstadium präziser erkannt und erfolgreicher behandelt werden,“ erklärt der Biophysiker und Gründungsdirektor Klaus Gerwert der WAZ. Dabei arbeiten die Forscher eng mit den Kliniken im Umfeld zusammen.

Gerwert hatte 2014 in einem bundesweiten Wettbewerb den Zuschlag für die Förderung des Baus erhalten. Zuvor hatte der Wissenschaftsrat dem Vorhaben eine „überragende Bedeutung für den Wissenschaftsstandort Deutschland“ bescheinigt.

Hell, groß, modern und mit Fensterreihen wie Sehschlitze, so präsentiert sich der neue Forschungsbau für Proteinforschung auf dem Gesundheits-Campus nahe der Bochumer Ruhr-Uni. Kurz vor der Eröffnung werkeln noch Bauarbeiter vor dem Gebäude, ein Bauzaun sperrt die große Freitreppe ab. Doch davon lässt sich der „Hausherr“ und Gründungsdirektor Prof. Klaus Gerwert die gute Laune nicht verderben. Persönlich öffnet er die schwere Eingangstür: „Willkommen bei ProDi“, strahlt er.

Land und Bund investierten 50 Millionen Euro

Dann eilt er durch die langen Gänge, zeigt im Vorbeigehen rechts und links in die zahlreichen High-Tech-Labore und führt stolz das neue Haus vor, dessen Gründung vor allem den erfolgreichen Forschungsarbeiten und seinem beharrlichen Engagement zu verdanken ist. 50 Millionen Euro investieren Land und Bund in den Forschungsbau, etwa zehn Millionen Euro fließen allein in Ausstattung und Geräte.

In dem Neubau wird medizinische Spitzenforschung betrieben. Ziel ist es, Krebs und Alzheimer noch vor Ausbruch der Krankheiten zu erkennen, um sie möglichst früh bekämpfen zu können. „In einer alternden Gesellschaft werden Krebs und neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer noch weiter zunehmen. Durch eine Verbesserung der Diagnostik, vor allem im Frühstadium, steigen die Heilungschancen enorm“, sagt Gerwert.

Mit Hilfe moderner Infrarotmikroskope haben sie ein neues Verfahren entwickelt, das Tumore in einer Gewebeprobe zuverlässig entdeckt. „Wir können heute schon mithilfe moderner bildgebender Verfahren sehr genau Veränderungen im Gewebe erkennen“, sagt Gerwert. Er bezeichnet die neue Methode als „digitale Pathologie“.

Erkenntnisse schnell in die Anwendung bringen

„Doch zwischen den Erkenntnissen der Grundlagenforschung und der Anwendung in der Klinik klafft noch ein tiefer Graben. Mit ProDi wollen wir diesen Graben überbrücken und unser Wissen in die klinische Anwendung bringen.“ So können die Wissenschaftler inzwischen nicht nur einen Krebs im Frühstadium erkennen, sondern auch, um welchen Typus es sich dabei handelt: aggressiv oder harmlos? Gerwert: „Das ist wichtig für den Chirurgen. Er muss wissen, ob er viel Gewebe heraustrennen muss oder kleinräumig schneiden kann.“

Doch den Forschern geht es um mehr: Sie wollen nicht nur am Gewebe selbst, sondern auf Ebene der Proteine die Anzeichen der Krankheit erkennen. Proteine steuern sämtliche Lebensprozesse, sie bestimmen auch Wachstum und Teilung von Zellen. Die Forscher suchen bestimmte Eiweißstrukturen, die als „Marker“ Hinweise auf unkontrolliertes Zellwachstum, also Krebs, geben können.

„Im Gewebe der Blase haben wir bereits einen Marker entdeckt, der einen aggressiven Krebs von einer harmlosen Entzündung unterscheiden kann.“ Auch bei Lungenkrebs wurden bereits Biomarker identifiziert. Wenn sich diese Marker auch im Urin oder im Blut entdecken ließen, wäre ein einfacher Bluttest zur Krebsfrüherkennung keine Zukunftsmusik mehr. Daran wird in ProDi intensiv geforscht. Dies würde die Krebstherapie revolutionieren, denn man könnte extrem früh eingreifen und so die Heilungschancen enorm verbessern.

Bluttest für Alzheimer-Erkrankung

Bei Alzheimer ist ihnen die Entwicklung eines Bluttests bereits gelungen. Gerwert und sein Team entwickelten ein Testverfahren, das Marker-Proteine für Alzheimer im Blut nachweisen kann. Bei Alzheimer-Erkrankungen lagern sich fehlgeformte Eiweißstrukturen im Gehirn an: Amyloid-beta Proteine, die aneinander haften und verklumpen, bilden die bekannten Ablagerungen im Gehirn, die Plaques. Sie zerstören die Nervenzellen. Die Fehlfaltung geschieht bereits mehr als 15 Jahre, bevor sich erste Symptome zeigen.

Dass sich diese im Rückenmark nachweisen lassen, ist bekannt. Doch die Bochumer Forscher suchten nach den fehlgefalteten Proteinen auch im Blut – und wurden fündig. Dies macht den Weg frei für einen schnellen und preiswerten Alzheimer-Test, noch bevor die Plaquebildung eingesetzt hat.

Das Rennen um das erste Medikament

Obwohl zuletzt die Zuverlässigkeit des Testverfahrens deutlich verbessert wurde, ist dieser Test noch nicht allgemein zugelassen, erklärt Gerwert. Zudem existiere bislang kein Medikament, das Alzheimer stoppen kann. „Aber wenn wir in Zukunft über ein Mittel verfügen wollen, das den weiteren Krankheits-Verlauf verlangsamen kann, benötigen wir dringend einen Bluttest, der die Erkrankung sehr früh erkennt.“ Die Pharmaindustrie zeige bereits großes Interesse an dem Bochumer Test.

So sind die Bochumer Teil eines internationalen Forschungsrennens um das erste Alzheimer-Medikament – ein Milliardenmarkt. Gerwert ist überzeugt: „Es wird in Zukunft ein Mittel gegen Alzheimer geben.“ Angesichts der dramatisch wachsenden Zahl von Betroffenen sagt er: „Es muss einfach!“

>>>Bochum bekommt fünf neue Forschungsbauten

ProDi ist einer von fünf neuen Forschungsbauten in Bochum:
ZEMOS (Zentrum für molekulare Spektroskopie und Simulation solvensgesteuerter Prozesse) beheimatet den Exzellenzcluster für Chemie und wurde 2016 eröffnet. Förderung: 44 Millionen Euro.
ZGH (Zentrum für Grenzflächendominierte Höchstleistungswerkstoffe) wird im Herbst eröffnen. Förderung: 40 Millionen Euro.

ZESS (Zentrum für das Engineering Smarter Produkt-Service Systeme) entsteht auf dem ehemaligen Opel-Gelände Mark 51/7. Baubeginn ist im Herbst. Förderung: 28 Millionen Euro.
THINK (Zentrum für Theoretische und Integrative Neuro- und Kognitionswissenschaft) ist noch in der Planung und wird voraussichtlich noch im Juni bewilligt. Das Zentrum schaffe einen Brückenschlag von der Neurobiologie über die Neurologie, Psychologie, Psychiatrie und computergestützte Modellierung bis hin zur Philosophie des Geistes, teilt die Ruhr-Uni mit. Förderung: noch offen.

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