Cyber-Kriminalität

Nach Lügde: NRW-Polizisten fordern mehr IT-Profis

Die NRW-Polizei sucht dringend IT-Profis, die bei der Auswertung riesiger Datenmengen im wachsenden Ermittlungsbereich der Cyber-Kriminalität helfen.

Die NRW-Polizei sucht dringend IT-Profis, die bei der Auswertung riesiger Datenmengen im wachsenden Ermittlungsbereich der Cyber-Kriminalität helfen.

Düsseldorf  Der Fall Lügde zeigt, wie schwer die Auswertung riesiger Datenmengen fällt. Die GdP legt nun ein Konzept zur "Bekämpfung Cybercrime" vor.

Als NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) zuletzt im Innenausschuss des Landtags den Ermittlungsstand zum massenhaften Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz im ostwestfälischen Lügde referierte, atmete der 66-jährige Polit-Profi hörbar schwer. „Das ist eine Baustelle, die ist unvorstellbar“, sagte Reul betroffen. Vor allem beschwere ihn, dass seine Polizei bei der Auswertung solch großer Datenmengen und bei komplexer Computer-Forensik an Grenzen stoße. „Wir müssen uns da richtig was einfallen lassen, das geht so nicht weiter.“

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) sieht es genauso und hat ein Forderungspapier „Bekämpfung Cybercrime“ ans Innenministerium geschickt, das unserer Redaktion vorliegt. Denn Probleme gibt es nicht nur bei der Strafverfolgung von Kindesmissbrauch, sondern im gesamten wachsenden Ermittlungsbereich „Cyberdelikte“. Der „Hacker-Angriff“ auf Dutzende Landtagsabgeordnete, die Wirtschaftskreisläufe hinter der Clan-Kriminalität oder die alltägliche Fahndung im Darknet – der Polizei fehlt es an dringend benötigten IT-Profis.

Mehr Anreize für IT-Quereinsteiger sollen her

Die GdP fordert deshalb als Sofortmaßnahme 75 zusätzliche Stellen für Quereinsteiger, die den Kriminalkommissaren unmittelbar weiterhelfen könnten. Informatik-Fachhochschüler mindestens mit Bachelor-Abschluss oder Computer-Experten, die Verschlüsselungstechnologien, Programmiersprachen und Datenbanksysteme beherrschen. „Die Cyberkriminalität stellt die Polizei vor immer größere Herausforderungen. Wir brauchen dringend mehr IT-Fachleute, die uns bei der Sicherung und Auswertung riesiger Datenmengen helfen“, sagt der Dortmunder Kommissariatsleiter Frank Schniedermeier, der das GdP-Forderungspapier mitverfasst hat.

Innenminister Reul hat den NRW-Polizeibehörden zwar bereits die Möglichkeit geschaffen, 500 Sachbearbeiter zur Unterstützung einzustellen. Allerdings findet sich für maximal Entgeltgruppe 11 (rund 3500 Euro brutto/Monat) vielleicht jemand, der den Radarwagen bei der Geschwindigkeitsmessung bedient. Aber kaum ein IT-Profi, der bei der Polizei anfangen will. „Die zusätzlichen 500 Regierungsbeschäftigten für die NRW-Polizei sind richtig und wichtig, aber wir werden qualifiziertes Personal für die Bearbeitung von Cyberdelikten nur an uns binden können, wenn wir ihnen Anreize wie eine bessere Bezahlung oder die unverzügliche Verbeamtung bieten“, so Schniedermeier.

Ob Reul zusätzliche Beamtenstellen oder ein neues Vergütungssystem für IT-Quereinsteiger schaffen kann, wird sich zeigen. Die 75 Stellen würde die GdP auf das Landeskriminalamt (LKA) und die Kriminalhauptstellen in ganz NRW verteilen. Alle Behörden müssten heute mit einer entsprechenden digitalen Schlagkraft versehen werden. Die Auswertung digitaler Spuren, die Aufklärung von Hacker-Angriffen etwa auf Firmennetzwerke oder die strukturierte Analyse großer Datenbestände seien längst auch in kleineren Polizeibehörden gefragte Kompetenzen.

Wie kurz die Personaldecke ist, muss Reul beim Fall Lügde erfahren. Im Polizeipräsidium Bielefeld wurde eine besondere Aufbauorganisation mit 51 Bediensteten gebildet. Es müssen 4 Terabytre Daten analysiert werden. Experten des LKA und der Präsidien Düsseldorf, Dortmund, Essen, Köln und Münster wurden zusammengezogen. Das Land musste sogar eilig eine Auswertesoftware anschaffen, die es bis dahin in NRW nicht einmal gab.

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