Schule

Lehrer kritisieren Missstände bei Islam-Unterricht in NRW

Archivbild. Der muslimische Religionsunterricht an Schulen muss in NRW neu geregelt werden.

Archivbild. Der muslimische Religionsunterricht an Schulen muss in NRW neu geregelt werden.

Foto: Oliver Berg / dpa

Düsseldorf.  Der islamische Religionsunterricht in NRW muss neu organisiert werden. Eine Übergangsregelung läuft in wenigen Wochen aus.

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In der Debatte um eine Neuordnung des Islamischen Religionsunterrichts (IRU) an Schulen in NRW haben Islamlehrer weitgehende Reformen verlangt. Bei Erteilung der Lehrerlaubnis für die islamischen Religionslehrer und bei der Genehmigung von Lehrbüchern habe es Fehler und Missstände geben, die nun korrigiert werden müssten. Das schreibt der Verband der Islamlehrer/innen (VdI) in einer Stellungnahme für eine Expertenanhörung am Dienstag im Düsseldorfer Landtag.

Beim Fachverband VdI seien zahlreiche Beschwerden von Lehrern eingegangen. Der Qualität des Islamischen Religionsunterrichts drohe Schaden. Das 2012 in NRW eingeführte reguläre Schulfach IRU muss neu gestaltet werden, weil eine Übergangslösung Ende Juli ausläuft. Das Schulministerium hatte klargestellt, dass der bekenntnisorientierte Unterricht fortgesetzt werden soll. Sachverständige legen nun dem Landesparlament ihre Empfehlungen vor.

Kritik an „Gesinnungstest“ für Lehr-Erlaubnis

Umsteuern müsse man besonders bei der Lehrerlaubnis, der sogenannten Idschaza, betonte der VdI-Vorsitzende Musa Bagrac. Die IRU-Lehrkräfte - in Deutschland ausgebildete Pädagogen - brauchen neben der staatlichen Unterrichtserlaubnis noch eine religiöse Bevollmächtigung. Diese Idschaza wird bisher von einem Beirat erteilt, in dem vier - allesamt konservative - Islamverbände vertreten sind.

Das dürfe so nicht bleiben, sagte Musa Bagrac, denn: „Die Idschaza-Vergabe gleicht mehr einem Gesinnungstest als einem religionspädagogischen Gespräch“. Es könne nicht sein, dass man zu Lebensweisen befragt werde oder eine Idschaza mit dem Hinweis verweigert werde, die Lehrkraft solle ihre Ansicht überdenken, dass eine muslimische Lehrerin einen Nichtmuslim heiraten dürfe. Unhaltbar sei auch, dass man eine Tätigkeit in einer Moscheegemeinde nachweisen solle für eine Lehrerlaubnis.

Islam-Unterricht erreicht nur Bruchteil muslimischer Schüler

Der Verband will zudem erreichen, dass die Genehmigung von Lehrbüchern für den IRU auf eine breitere Basis gestellt und transparenter gestaltet wird. Auch hier habe der bisherige Beirat nicht unabhängig agiert, kritisierte Bagrac. IRU sei ein Mangelfach. Islamlehrer würden gesucht, bisher gebe es für das noch neue Fach erst rund 240 Lehrkräfte. Zugleich beobachte der Verband, „dass sich die einst positive Stimmung unter muslimischen Lehrkräften ins Gegenteil verkehrt hat.“ Wer sich „herkunftspolitisch oder islamistisch“ betätige, dürfe beim IRU nichts zu sagen haben, verlangte der VdI-Chef. Bei der Gestaltung des künftigen IRU müssten die Islamlehrer als Experten eingebunden werden.

In NRW wird die Zahl der muslimischen Schüler auf rund 415.000 geschätzt, nur gut 20.000 Schüler an 250 Schulen nehmen aktuell am IRU teil. Der Bedarf ist größer und wächst. Bisher hatten der Zentralrat der Muslime (ZMD), der Islamrat, der Verband VIKZ und die umstrittene türkisch-islamische Union Ditib über den Beirat an der Gestaltung des IRU mitgewirkt. Die Ditib musste wegen ihrer großen Nähe zur türkischen Regierung vor gut zwei Jahren ihren Beiratssitz allerdings ruhen lassen.

Land NRW sucht „Ansprechpartner“ für Islam-Belange

Unterdessen kritisiert die Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft (AIWG) die Reformpläne für islamischen Religionsunterricht in NRW. „Die Kommissionslösung ist keine wirkliche Lösung, sondern eine Veränderung des Übergangsmodells“, sagte Akademie-Geschäftsführer Jan Felix Engelhardt der Zeitung Rheinischen Post vom Dienstag. Die Lösung schaffe „keinen echten Religionsunterricht, weil weiterhin ein Ansprechpartner als Religionsgemeinschaft fehlt.“

Die Zusammenarbeit der Landesregierung mit Muslimen konzentrierte sich bisher auf den Dialog mit großen Verbänden. Mit einer „Koordinierungsstelle Muslimisches Engagement in NRW“ will die NRW-Landesregierung ab dem 1. Juli den Dialog mit muslimischen Verbänden auf eine breitere Basis stellen.

Forscher kritisieren, dass auch Ditib an Reform mitwirken soll

Unter ihrem Dach sollen Moscheevereine, aber auch nicht religiös ausgerichtete islamische Ärzte- oder Frauenverbände und Jugendorganisationen ihre Interessen vertreten können. Auch der umstrittene Moscheeverband Ditib ist zu Mitarbeit eingeladen. Insgesamt sollen mehr als 80 muslimische Organisationen in NRW angesprochen werden.

„Wenn die vier großen Verbände in der Kommission dieselbe Stimme haben wie kleine, unbekannte Vereine, ist das demokratietheoretisch bedenklich“, gab Engelhardt zu Bedenken und warnte zudem davor, die Kommission als Mittel zu begreifen, „eine politisch gewünschte Liberalisierung des Islams“ zu forcieren. In NRW leben etwa 1,3 bis 1,5 Millionen Muslime und bilden damit die größte religiöse Minderheit.

Die an der Frankfurter Goethe-Universität angesiedelte Universitätsplattform AIWG wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und von der Stiftung Mercator gefördert. (dpa)

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