Klimawandel

Bis zu 30 Tropennächte pro Jahr im Ruhrgebiet möglich

Die freiwillige Feuerwehr rettete Bäume in Gladbeck: Hier Marvin Sönnichsen, Fabian Luckas und Rene Knobloch (v.l.).

Die freiwillige Feuerwehr rettete Bäume in Gladbeck: Hier Marvin Sönnichsen, Fabian Luckas und Rene Knobloch (v.l.).

Foto: Lutz von Staegmann

Ruhrgebiet.   Der tropische Sommer im Ruhrgebiet fühlt sich wie eine Ausnahme an. Berechnungen des Regionalverbandes Ruhr zeigen, warum das bald die Regel ist.

Tropische Nächte, heiße Tage: Hitzesommer wie in diesem Jahr sollen laut Klimaexperten bald zum Regelfall werden. Entsprechende Berechnungen des Regionalverbandes Ruhr (RVR) sagen voraus, dass der Hitzestress vor allem in den Innenstädten enorm ansteigt. Insbesondere „Tropennächte“ mit Temperaturen nicht unter 20 Grad werden als belastend empfunden. Im Mittel der Jahre 2021 bis 2050 soll es in den dicht bebauten Innenstädten des Ruhrgebiets bis zu 30 Tropennächte geben. Vor 1990 gab es nur maximal drei solche Nächte pro Jahr. Die Zahl der „heißen Tage“ mit über 30 Grad soll entsprechend auf bis zu 45 steigen – etwa eine Verdoppelung zum heutigen Stand.

Entscheidend sind die Bebauung und die Topografie. Zu den Stadträndern nimmt die Hitzebelastung ab, aber selbst im Freiland des Reviers sollen bis zu sieben Nächte im Jahr tropisch heiß werden. „Im westlichen Revier und entlang des Rheins ist die Hitzebelastung am höchsten“, sagt Astrid Snowdon-Mahnke, Klimaexpertin des RVR. Nach Daten des Landesumweltamtes leben in Duisburg, Oberhausen, Moers, Gladbeck und Gelsenkirchen fast zwei Drittel der Menschen in „thermisch ungünstiger“ Lage.

Der Klimawandel hat eine soziale Komponente

„Besonders ältere Menschen sind stark betroffen, aber auch Kleinkinder“, sagt Snowdon-Mahnke. Der RVR sehe „einen dringenden Anpassungsbedarf an die Folgen des Klimawandels“. Tatsächlich haben bereits die meisten Städte im Revier entsprechende Konzepte erarbeitet.

Der lange am Wuppertal Institut tätige Organisationswissenschaftler Rainer Lucas hält diese jedoch nicht für ausreichend und fordert ein Umdenken in den Rathäusern. Folgen von extremen Witterungen seien nicht länger ein Thema einzig für die Umwelt- und Bauämter. „Klimafragen müssen in alle Bereiche hineingreifen und besonders gehören sie in die Sozial- und Gesundheitsämter“, sagt Lucas. „Wir wissen von jedem Wald, welche Schäden er durch die Dürre erlitten hat, aber die Frage, in welchen Stadtvierteln welche Bewohner besonders unter dem Hitzesommer gelitten haben und wie gesundheitlichen Schäden vorgebeugt werden kann, ist auf der Strecke geblieben.“

Hitzetelefone könnten im Notfall helfen

Konkret sollten Städte Hitzetelefone einrichten und in Vierteln mit vielen Senioren oder Kleinkindern aktiv über Hitzeschutz aufklären. „Da haben wir ein großes Vorsorgedefizit.“

Doch wie kommen die Klimaexperten auf dieses Szenario? Wie wahrscheinlich ist es?

Die Berechnungen stammen vom Deutschen Wetterdienst (DWD). „Wir arbeiten mit verschiedenen Computermodellen, von denen wir jeweils viele Variationen durchrechnen“, erklärt Guido Halbig, Leiter der DWD-Zentrale in Essen. „Man hat am Ende ganz viele Möglichkeiten und jede Prognose hat die gleiche Wahrscheinlichkeit.“ Er sagt auch: „Wir werden die Natur nie exakt vorhersagen können.“ Aber es ergibt sich eine Spannbreite.

Demnach soll die Temperatur in NRW bis 2050 um 0,5 bis zwei Grad zunehmen. „Der höhere Wert gilt, wenn wir so viel Kohlendioxid erzeugen wie bisher“, sagt Halbig.

Nur eine Annäherung

Astrid Snowdon-Mahnke, Klimaexpertin des RVR, hat diese großräumigen Prognosen kombiniert mit den bisher in den Städten gemessenen Temperaturen, und sie hat Klimabereiche gebildet wie Innenstadt, Stadtrand oder Freiland, die unterschiedlich reagieren.

Die Expertin ist sich einiger Mankos bewusst: „Bei langen Hitzephasen gleichen sich zum Beispiel die Unterschiede zwischen Rand und Innenstadt an, das konnten wir nicht berücksichtigen.“ Das Ergebnis ist eine Annäherung.

Der Klimawandel bringt nicht nur höhere Temperaturen. Der Anstieg des Meeresspiegels ist ein indirektes Problem für NRW, da er Konflikte und Flüchtlingsströme auslösen kann. Einige Lebensmittel könnten knapp und teurer werden. Konkret ist jedoch die Gefahr durch Starkregen. Sie lässt sich nicht direkt vorhersagen, erklärt Halbig.

Die Computermodelle könnten aber die Wahrscheinlichkeit von Großwetterlagen berechnen. So werden wir häufiger dem Einfluss von Tiefs über Mitteleuropa und über den Britischen Inseln ausgesetzt sein, die Starkregen mit sich bringen können. Salopp: Bis 2050 sollen ein bis zwei Wochen Risiko-Wetter hinzukommen.

Die Winter in NRW werden nasser

Weitere Erkenntnisse: Die Winter in NRW werden nasser. Die Niederschläge nehmen um 20 bis 30 Prozent zu. Für die Sommer dagegen zeigen die Modelle keinen eindeutigen Trend: Die Regenwahrscheinlichkeit könnte um zehn Prozent sinken oder um 20 Prozent zunehmen.

Man kann das alles auch anschaulich ausdrücken wie Ralf Schüle, Stadtforscher am Wuppertal Institut. „Die Wetterlagen bewegen sich nach Norden.“ Essen könne bald Freiburger Verhältnisse haben. „Wir erleben einen schleichenden Wandel, empfinden aber einen Verlust von Normalität“, sagt Schüle. „Wir wissen nicht mehr, ob es ein heißer, ein normaler oder besonders verregneter Sommer war. Es ist auch eine dumpfe Erinnerung daran, dass wir die Natur nicht in den Griff bekommen.“

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