Nahverkehr Rhein-Ruhr

Gewalt gegen Zugpersonal nimmt drastisch zu

Zugbegleiter werden häufig bedroht oder sogar körperlich angegriffen.

Zugbegleiter werden häufig bedroht oder sogar körperlich angegriffen.

Foto: Ralf Rottmann

Düsseldorf.   Zuletzt gab es fast 3850 Übergriffe an Rhein und Ruhr. Gewerkschaft kritisiert: Farbe der Zugsitze bei Ausschreibungen wichtiger als Sicherheit.

Die Zahl der Übergriffe auf Zugbegleiter hat im Ruhrgebiet drastisch zugenommen. Im vergangenen Jahr zählte der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) 3848 Ereignisse, fünf Jahre zuvor waren es 771. Meist ging es um Beleidigungen (3287) und Bedrohungen (383), wie aus einer Antwort der Landesregierung auf eine AfD-Anfrage hervorgeht.

Die Regierung spricht von einer „stark überproportionalen“ Zunahme, die auch nicht damit zu erklären sei, dass in den vergangenen Jahren mehr Zugbegleiter eingesetzt wurden. 145 Zugbegleiter wurden 2018 im VRR-Raum körperlich angegriffen, außerdem 33 bei Angriffen verletzt.

Versuche mit Mini-Kameras und Sicherheitsteams

Daten aus anderen Landesteilen liegen nicht vor. Übergriffe auf Schaffner im VRR-Gebiet werden in einer „Ereignisdatenbank“ festgehalten, die zu einer landesweiten „Sicherheitsdatenbank“ ausgebaut werden soll. Um Zugbegleiter besser zu schützen, läuft im Nahverkehr Rheinland ein Pilotversuch mit Körperkameras (Bodycams). In Westfalen-Lippe wird mit „Sicherheitsteams“ experimentiert: Zwischen Hamm und Bielefeld fährt Begleitpersonal in allen Zügen mit.

Mit Sorge beobachtet die Deutsche Bahn (DB) die Entwicklung. Der Umgangston sei rauer geworden, Attacken kämen oft unvermittelt. Die DB schule ihre Mitarbeiter für schwierige Situationen mit Deeskalationstrainings und versuche, mehr Zugbegleiter an Bord zu bringen. „Das ist wichtig für das Sicherheitsgefühl unserer Mitarbeiter und unserer Fahrgäste“, sagte ein DB-Sprecher. Den Pilotversuch mit Bodycams begrüße man. Bereits die Ausstattung der DB-Sicherheitskräfte mit Mini-Kameras an großen Bahnhöfen wie Essen, Köln oder Düsseldorf sei auf positive Resonanz gestoßen. Dort wirkten sie nach Einschätzung der Mitarbeiter präventiv gegen Angriffe.

Sicherheitskrawatten lösen sich bei Angriffen

„Leider beobachten auch wir, dass Fahrgäste weniger Hemmungen im Umgangston oder auch im Verhalten gegenüber unserem Personal zeigen“, sagte eine Sprecherin von Keolis (Eurobahn). Deeskalationstrainings gehörten fest zur Ausbildung. Das Zugpersonal werde auch mit Sicherheitstüchern und -krawatten ausgestattet, die sich im Fall eines Angriffs lösten.

Die Gewerkschaft EVG fordert, dass der Einsatz von Sicherheitspersonal in die Ausschreibungsbedingungen aufgenommen werden und bei Auftraggebern wie dem VRR eine größere Rolle spielen müsse. „Es kann nicht sein, dass die Farbe der Sitze vorgegeben wird und die Sicherheit von Beschäftigten und Kunden keine Rolle spielt“, sagte ein EVG-Sprecher.

Gewerkschaften rufen nach mehr Personal

Die Gewerkschaft GDL betont, dass die Dunkelziffer bei den Übergriffen sehr hoch sei. Sie fordert die Verkehrsverbünde auf, mehr Zugpersonal einzusetzen, besonders in den späten Abendstunden an Wochenenden.

Aus der Sicht des Verkehrsverbundes VRR beruhen die Zahlen zu den Übergriffen „auf einer Momentaufnahme des jeweiligen Jahres“. Sie seien im Kontext der Rahmenbedingungen für die Erfassung zu sehen. „Die Zahlen, die in der Antwort der Landesregierung genannt werden, sind jeweils immer nur für das aktuelle Jahr zu betrachten. Insofern ist der Schluss, dass es von 2013 bis 2018 zu einer absoluten und tatsächlichen Steigerung von 771 auf 3.848 Ereignisse gekommen ist, daher nicht sachgerecht“, schreibt der VRR. Über den Zeitverlauf habe die Intensität der Eintragungen der Ereignisse durch das Zugbegleitpersonal zugenommen. Dies sei unter anderem durch Schulungen, Sensibilisierungen und zusätzliche Kräfte erreicht worden. Heißt: Die Zugbegleiter sind mehr als früher angehalten, die Übergriffe zu dokumentieren.

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