Exzellenz-Wettbewerb

Bekommt das Ruhrgebiet eine „Elite-Uni“?

In dem neuen ZEMOS-Forschungsbau der Ruhr-Uni erforschen Wissenschaftlerinnen chemische Reaktionen in Flüssigkeiten. Ziel ist die Verbesserung industrieller Prozesse, etwa für den Korrosionsschutz.

In dem neuen ZEMOS-Forschungsbau der Ruhr-Uni erforschen Wissenschaftlerinnen chemische Reaktionen in Flüssigkeiten. Ziel ist die Verbesserung industrieller Prozesse, etwa für den Korrosionsschutz.

Foto: Katja Marquard/RUB

Bochum.   Mit dem Motto „Wissen vernetzen“ geht die Bochumer Universität in die Endrunde des Exzellenz-Wettbewerbs. Die Chancen stehen so gut wie nie.

Zum dritten Mal steht die Ruhr-Universität Bochum (RUB) in der Endrunde des Exzellenz-Wettbewerbs zur Förderung der Spitzenforschung in Deutschland. 2006 und 2012 verfehlte die Revier-Uni den prestigeträchtigen Titel „Elite-Uni“ jeweils knapp. Die Vorarbeiten für die aktuelle dritte Runde sind nun abgeschlossen, der Antrag eingereicht.

Derzeit beugt sich die Exzellenzkommission über die Konzepte von 19 Bewerberunis aus ganz Deutschland, elf davon könnten am Ende übrig bleiben, heißt es. Ob auch die Ruhr-Uni in den erlesenen Kreis der besonders geförderten und forschungsstarken Hochschulen aufgenommen wird, entscheidet sich am 19. Juli. Fast noch wichtiger als eine mögliche Förderung in Millionenhöhe wäre dabei das internationale Renommee, das eine solche Auszeichnung mit sich bringt. Derzeit haben in NRW nur die RWTH Aachen und die Uni Köln den Exzellenz-Status.

Nachwuchsförderung und neue Forschungsbauten

Nach Ansicht der Bochumer Wissenschaftler stehen die Chancen für die RUB so gut wie nie zuvor. „Optimistisch und zuversichtlich“ sieht Rektor Axel Schölmerich daher der Entscheidung entgegen. „Seit der letzten Runde im Exzellenz-Wettbewerb haben wir uns enorm weiterentwickelt“, sagt Schölmerich.

Auf der Habenseite stehen neue Forschungsbauten und Labore für die Chemie- und Proteinforschung sowie für die Materialwissenschaften. Eine bundesweit beispielhafte Nachwuchsförderung wurde mit der „Research School“ etabliert. Und nahe der Uni wird sich überdies das neue Max-Planck-Institut für Cyber-Sicherheit ansiedeln – was das Bochumer Markenzeichen IT-Sicherheit und ­-forschung deutlich stärkt.

Erfolg mit zwei Forschungs-Clustern

Was Andreas Ostendorf, Prorektor für Forschung, zudem zuversichtlich stimmt: Bereits in der ersten Etappe der aktuellen Wettbewerbsrunde war die RUB außerordentlich erfolgreich. Im September erhielt sie den Zuschlag für die Förderung von zwei fächerübergreifenden Forschungsverbünden (Exzellenz-Cluster). „In den kommenden sieben Jahren fließen somit rund 80 Millionen an die Uni“. Dieser Erfolg war die Voraussetzung, überhaupt an der Endrunde zur Exzellenz-Universität teilnehmen zu können.

Gewonnen hat zum einen das Chemie-Cluster „Resolv“, das chemische Reaktionen in Flüssigkeiten erforscht. Rund 200 Chemiker, Biologen und Physiker erforschen neue Konzepte für die Industrie, etwa zur Energieumwandlung und -speicherung oder für die Arzneimittelforschung. Dieses Cluster wird gemeinsam mit der TU Dortmund betrieben und bindet auch Wissenschaftler der Uni Duisburg-Essen und weitere Partner ein.

Bochum knüpft Wissensnetzwerke

Das umreißt in etwa, was die RUB von anderen Bewerbern unterscheiden mag. Über Fächergrenzen und die Universität hinweg arbeiten Wissenschaftler zusammen, um neue Ansätze und einzigartige Lösungen zu finden. „Creating Knowledge Networks“, also die Schaffung von Wissensnetzwerken, lautet daher die Überschrift über den Antrag zur Exzellenz-Uni.

Das zweite Cluster „Casa“ befasst sich mit Problemen der IT-Sicherheit – aktueller kann Forschung kaum sein. „Casa“ ist zudem ein gutes Beispiel für die besonderen Bochumer „Wissensnetzwerke“, denn hier arbeiten Informatiker, Mathematiker und Verschlüsselungsexperten mit Psychologen zusammen. Prof. Christof Paar, Kryptologe und anerkannter Experte für Cyber-Sicherheit, und seinem Team geht es vor allem um Gegenmaßnahmen gegen mächtige Angreifer, etwa von Geheimdiensten oder staatlichen Institutionen, die langfristig, mit viel Geld und modernster Technik agieren.

Die Hacker verstehen lernen

„Was Casa einzigartig macht, ist die Berücksichtigung des Faktors Mensch“, erklärt Paar. „Wir wollen nicht nur die Technik sicherer machen, sondern versetzen uns auch in die Lage von Hackern. Wir schauen uns an, wie sie Systeme entschlüsseln und in sie eindringen. Unser neuartiger Ansatz ist: Wir wollen die Systeme so auslegen, dass sie für Angreifer nicht mehr zu durchschauen sind. Und hier kommen die Psychologen ins Spiel.“ Diese Methodik sei weltweit einzigartig, sagt Paar. Zunächst sei das eine „ziemlich wilde Idee“ gewesen – jetzt hält er darüber Vorträge in Harvard.

Die beiden Cluster skizzieren, was den Bochumer Forschergeist ausmacht: Wissenschaftler verschiedener Disziplinen an einen Tisch bringen, Fachkulturen überwinden, ein Problem von vielen Seiten beleuchten, Ideen entwickeln und daraus Projekte destillieren. Hilfreich ist dabei, dass die Ruhr-Uni nicht dem seit Jahren forcierten Dogma der Spezialisierung und Profilierung gefolgt ist, sondern die gesamte Breite der Wissenschaften abdeckt und dabei eine kluge Strategie verfolgt, diese zu bestimmten Fragestellungen zu verknüpfen – um Wissensnetzwerke zu bilden.

Signalwirkung für die gesamte Region

Mitte April nun kommt die Exzellenzkommission noch einmal für zwei Tage nach Bochum, um in einem geheimen und streng getakteten Verfahren die Arbeit der Bochumer zu begutachten.

Ein positives Ergebnis, davon sind alle Beteiligten überzeugt, würde nicht nur der Ruhr-Uni und den benachbarten Hochschulen einen gewaltigen Schub bringen, sondern dem gesamten Ruhrgebiet: Mitten in der ehemaligen Kohle- und Stahlregion stünde mit einer „Elite-Uni“ ein weithin sichtbarer Leuchtturm der Wissenschaft. Prof. Paar: „Dann wird sichtbar, dass wir international in der ersten Liga spielen.“ Aufbruchstimmung in Bochum, die offenbar auch die Studierenden erfasst hat, berichtet Schölmerich. „Sie sagten mir: Okay, jetzt holen wir das Ding!“

>>>>> Der Exzellenz-Wettbewerb

Mit der Exzellenzinitiative soll der Wissenschaftsstandort Deutschland gestärkt werden. Das Programm wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Wissenschaftsrat durchgeführt. Hochschulen, die in der Förderlinie Exzellenz-Cluster (Forschungsverbünde) besonders erfolgreich waren, konnten sich auf die zweite Förderline Exzellenz-Universität bewerben.

Das bis 2026 laufende Programm umfasst jährlich 533 Millionen Euro. Auf die Exzellenz-Unis entfallen davon jährlich 148 Millionen Euro. Die Mittel werden vom Bund und den jeweiligen Bundesländern im Verhältnis 75 zu 25 getragen. Die Entscheidung über die Exzellenz-Unis fällt am 19. Juli, Förderbeginn ist der 1. November.

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