Arzneien

Arzt klärt auf: Das sind die größten Antibiotika-Mythen

Immer mehr Bakterien entwickeln Antibiotika-Resistenzen. Rund 700 000 Menschen sterben deshalb jedes Jahr weltweit an Infektionen, gegen die keine Antibiotika mehr helfen.

Immer mehr Bakterien entwickeln Antibiotika-Resistenzen. Rund 700 000 Menschen sterben deshalb jedes Jahr weltweit an Infektionen, gegen die keine Antibiotika mehr helfen.

Foto: NIAID / dpa

Gelsenkirchen/Düsseldorf.  Eine NRW-weite Aktionswoche will über einen sorgsamen Umgang mit Antibiotika aufklären. Was jeder unbedingt beachten sollte.

Die aggressive Werbung der Pharmaindustrie, der millionenfache Einsatz in der Nutztierhaltung, fehlende Sensibilität in den Kliniken und Praxen: Für Hans-Albert Gehle, seit Ende 2019 neuer Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, gibt es viele Gründe, die zu einer unverhältnismäßigen Verschreibungspraxis bei Antibiotika geführt haben – und damit zu einer zunehmenden Häufigkeit von Bakterien, denen Antibiotika nichts mehr anhaben können.

Um mehr Rationalität beim Antibiotika-Einsatz zu erreichen, wurde in Gehles Klinik, dem Bergmannsheil und der Kinderklinik Buer in Gelsenkirchen, eine Antibiotika-Visite eingerichtet. Apotheker, Hygieniker und behandelnde Ärzte bewerten dort einmal wöchentlich gemeinsam die Patientenlage. „Oft geht es dabei um die Frage, ob eine frühzeitige Beendung der Antibiotika-Therapie möglich ist“, sagt Gehle.

Eine Packung muss nicht vollständig genommen werden

Für den Anästhesisten ist es einer der großen Mythen bei der Antibiotika-Nutzung: „Es ist ein großer Irrtum, dass eine verschriebene Packung, etwa für zehn Tage, komplett durchgenommen werden muss.“ Mit derartigen Falschbehauptungen aufzuräumen ist Kernziel der jetzt gestarteten einwöchigen Aktionswoche (10.-16. Februar) zur Kampagne „Rationale Antibiotikaversorgung in Nordrhein-Westfalen“, bei der Landesregierung, Krankassen, Ärzte, Apotheken und Krankenhausgesellschaft zusammenarbeiten und mit Broschüren, Aktionstelefonen, Bakterien-Malwettbewerben oder Webinaren über den richtigen Einsatz von Penizillin oder Fluorchinolonen aufklären wollen (Infos gibt es auf den Websites aller Teilnehmer).

Um den richtigen Zeitpunkt für die Absetzung eines Antibiotikums zu erkennen, bedarf es allerdings ärztliche Rücksprache – und genau das sieht Gehle ein großes Mentalitätsproblem in der Bevölkerung. „Die heutige Anspruchshaltung vieler Menschen ist, alles möglichst schnell regeln zu wollen“, so der Bochumer. Ein zweiter Praxisbesuch für die Arztkontrolle? „Dafür wollen sich viele keine Zeit nehmen.“

Antibiotika helfen nicht bei jeder bakteriellen Infektion

Hinzu kommen die Ansprüche der Leistungsgesellschaft: „Niemand will sich mehr leisten, zehn Tage zu fehlen.“ Aus diesem Grund würden viele Patienten hartnäckig ein Antibiotikum verlangen. „Viele Leute denken: Wenn ich einen Infekt habe, nehme ich ein Antibiotikum - dann geht es mir gut“, so Gehle. Was viele dabei häufig ignorieren würden – oder gar nicht wüssten: „Antibiotika können bei viralen Infektionen überhaupt gar nicht helfen.“ Dass ein Antibiotikum bei einer bakteriellen Infektion dagegen immerzu helfe, sei genauso falsch. „Es kommt auf den Erreger an.“

„Rationale Antibiotikaversorgung in Nordrhein-Westfalen“ ist nicht die erste Kampagne zum verantwortungsvollen Umgang mit den Arzneien in NRW, das Land hat das Thema laut eigener Aussage verstärkt seit 2011 auf der Agenda. Allerdings ist die erste Kampagne die erste, bei der alle Akteure des Gesundheitswesens zusammenarbeiten. Gehle sieht genau hier eine große Chance: „Es ist wichtig, dass wir bei dem Thema alle mit ins Boot holen.“ Einen ähnlichen Zusammenschluss wünscht er sich als nächsten Schritt auch für die Notwendigkeit von Impfungen.

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