Rettungsdienst

Kommerzielle Anbieter bedrängen Hilfsorganisationen in NRW

Das Deutsche Rote Kreuz gehört zu den „anerkannten Hilfsorganisationen“. Auch private Anbieter drängen in NRW auf den Markt.

Das Deutsche Rote Kreuz gehört zu den „anerkannten Hilfsorganisationen“. Auch private Anbieter drängen in NRW auf den Markt.

Foto: Hendrik Schulz

Düsseldorf.   Private Rettungsdienste machen Hilfsorganisationen wie dem Deutschen Roten Kreuz Konkurrenz. Der EU-Gerichtshof überprüft die Landes-Regeln.

Bei „Rettungsdienst“ denken die meisten Bürger wohl zuerst ans Deutsche Rote Kreuz (DRK), an Johanniter, Malteser und Arbeiter-Samariter-Bund. Aber neben diesen „großen Vier“ bieten in NRW auch diverse Privatfirmen Kranken- und Rettungsfahrten an. Es sind nur eine Handvoll, aber aus Sicht des DRK sind diese Wenigen schon zu viele. DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt wehrt sich gegen die Konkurrenz auf dem hart umkämpften Markt und rät den Städten und Kreisen in NRW, nur noch auf die Dienste der „anerkannten Hilfsorganisationen“ zurückzugreifen.

„Wir sehen mit Sorge, dass eine Reihe von Landkreisen und Städten in NRW zurzeit noch nicht von der so genannten Bereichsausnahme Gebrauch machen“, sagte Hasselfeldt dieser Redaktion. Sie meint damit eine Direktvergabe der Rettungsdienste an gemeinnützige Hilfsorganisationen, unter Ausschluss der Privaten. Das Rettungsgesetz in NRW lässt dies zu. Aber das heißt nicht, dass sich die Kommunen auch daran halten müssen. Ausschreibungen für den Rettungsdienst sind vielerorts auch für die Privaten offen. Für reine Krankentransporte reicht in der Regel eine Genehmigung der Kreisordnungsbehörde.

30 private Rettungsdienste in NRW

Das Rote Kreuz und die anderen „klassischen“ Hilfsorganisationen erinnern an ihre Sonderstellung. Sie leisteten viel mehr als die Privaten. Der Rettungsdienst, sagen sie, ist nur ein Teil ihrer Aufgaben. Ihre vielen Ehrenamtlichen und Mitarbeiter sind darüber hinaus auch für den Katastrophenschutz zuständig. „Sie helfen zum Beispiel bei großen Zugunglücken“, erklärt Hasselfeldt. „Deshalb ist es wichtig, dass wir Helfer mit Rettungsdienst-Erfahrung haben.“ Wenn mehr und mehr Private zum Zuge kommen, so die Befürchtung, fehle diese Expertise womöglich im Katastrophenfall. Das DRK und die anderen großen Organisationen sollten daher „nicht dem Wettbewerb mit kommerziellen Anbietern ausgesetzt werden“, fordert Hasselfeldt.

Das NRW-Gesundheitsministerium hat keinen Überblick darüber, wie viele private Rettungsdienste es im Land gibt und wo sie arbeiten. Das entscheiden die Städte und Landkreise selbst, heißt es im Ministerium. Ziel sei immer die „bedarfsgerechte und flächendeckende“ Versorgung der Bevölkerung. „Es sind etwa 30 Firmen in ganz NRW“, vermutet Udo Pokowietz, Vize-Vorsitzender des Bundesverbandes eigenständiger Rettungsdienste und Katastrophenschutz. In ganz Deutschland dürften es etwa 250 sein. Pokowietz leitet das Unternehmen Sani-Car in Bochum mit rund 50 Mitarbeitern. Er bietet Rettungs- und Krankenfahrten an sowie Rollstuhltransporte. Kunden findet diese Firma über „Werbung“ und Weiterempfehlung. „Das DRK und die anderen träumen doch nur von einem Monopol“, sagt Pokowietz. Der Wettbewerb komme am Ende den Kunden zugute, findet er.

„Bei uns fahren nur Hauptamtliche im Rettungsdienst, keine Ehrenamtler“, betont Christoph Lippey, Sprecher des Unternehmens Falck, einer der größten privaten Player auf diesem Markt in Deutschland und weltweit aktiv. Er will damit sagen, dass sein Unternehmen einen mindestens so guten, vielleicht sogar besseren Service biete als die großen Hilfsorganisationen. Und dass die „Großen“ mit dem Einsatz von Ehrenamtlern Kosten sparen könnten. Falck zieht im Kampf gegen die „Bereichsausnahme“ sogar vor den EU-Gerichtshof. Die Entscheidung steht noch aus. In zehn NRW-Städten leistet Falck Notfallrettungs- und Krankentransportdienste, darunter Bochum, Duisburg, Hattingen, Herne und Herten. In Gelsenkirchen verlor die Firma zuletzt einen Rettungsauftrag. Auch in Dortmund, Essen mischen Private mit.

Kritik an „Rosinenpickerei“ Privater

Niemand wirft den privaten Rettern fehlende Professionalität vor. Aber hinter vorgehaltener Hand ist Kritik zu hören. „Die schöpfen doch nur die Sahne ab. Das ist ein Riesengeschäft für die“, erzählt ein Mitarbeiter einer Feuerwehr im Ruhrgebiet. Während das Rote Kreuz und die anderen Hilfsorganisationen praktisch rund um die Uhr bereit stehen müssten, machten die Privaten nachmittags Feierabend. Rosinenpickerei sei das.

DRK-Chefin Gerda Hasselfeldt glaubt an die Unterstützung der Landesregierung bei ihrem Einsatz gegen die Privaten. „Wir freuen uns, dass Ministerpräsident Armin Laschet kürzlich seine Unterstützung in Sachen Rettungsdienst zum Ausdruck gebracht hat und die Landesregierung die Kommunen ermuntern will, die Bereichsausnahme zu nutzen.“

>>> ERSTE FRAU AN DER SPITZE DES DRK

Gerda Hasselfeldt (68) war unter anderem Bundesgesundheitsministerin und Chefin der CSU-Landesgruppe im Bundestag. Seit Dezember steht sie als erste Frau an der Spitze des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). 2017 stieg die Zahl der Freiwilligen im DRK um 11 000 auf 425 000. In NRW engagieren sich fast 37000 Ehrenamtliche.

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