Südostasien

Klimawandel in Vietnam – Wo das Meer zum Feind wird

Die Vinh Dai Grundschule im Mekong-Delta in der Provinz Long An.

Die Vinh Dai Grundschule im Mekong-Delta in der Provinz Long An.

Foto: dpa Picture-Alliance / Bui Giang / picture alliance/ANN

Vam Ray.  Das Mekong-Delta in Vietnam ist stark vom Klimawandel betroffen – Taifune und Bodenerosion bedrohen die fruchtbarste Region des Landes.

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Zu Bui Thi Hoa führt ein abenteuerlicher Weg, eine Viertelstunde mit dem Mofa über einen schmalen Damm, entlang tief grüner Wäldchen und Reisfelder. Sie lebt weit draußen, aber natürlich hat sie vom Klimawandel gehört. Im Staatsfernsehen wird immer wieder darüber berichtet, und deswegen blickt Frau Bui sorgenvoll in die Zukunft. Hier in Vam Ray leben die Menschen mit dem Meer, und das Meer wird zum Feind.

Es steigt höher, Jahr für Jahr, und bedroht die Lebensgrundlagen der Bewohner von Vam Ray. Frau Bui sitzt auf einem roten Plastikstuhl in der wellblechgedeckten Dorfgaststätte, umgeben von anderen Dorfbewohnern, und sagt: „Es wäre besser, wenn unser Deich höher wäre.“ Und dann erzählt sie, wie sie hier die Mangrovenwälder aufforsten, um das Land zurückzugewinnen, das ihnen das Meer in den vergangenen Jahren genommen hat.

Das Mekong-Delta im Süden Vietnams ist Heimat für mehr als 17 Millionen Menschen und ungemein fruchtbar. Der Reis von hier ernährt die Hälfte der Bevölkerung des Landes und ist ein wichtiger Devisenbringer – bis zu fünf Millionen Tonnen werden Jahr für Jahr exportiert. 70 Prozent der Früchte, die von den 95 Millionen Vietnamesen konsumiert werden, stammen aus dem Mekong. Die Frage ist: Wie lange noch?

GIZ unterstützt Menschen in Vietnam

Die Region ist durch die Folgen des Klimawandels in ihrer Existenz bedroht. Der Meeresspiegel ist in den vergangenen 50 Jahren um 20 Zentimeter gestiegen. Und wenn das Meer kommt, kommt das Salzwasser. Reis oder Mangos vertragen kein Salzwasser. Und das Meer nagt am Land. Bis zu 30 Meter gehen pro Jahr verloren. Vietnam gilt als eines der zehn Länder, die weltweit am stärksten vom Klimawandel betroffen sind.

Frau Bui ist jetzt 52, sie baut mit ihrem Mann Mangos und Äpfel an und züchtet Karpfen. In den vergangenen Jahren hat sich vieles verändert. „Es gibt immer mehr Stürme – und sie werden stärker“, erzählt sie. Die Taifune treffen eigentlich vor allem in Zentralvietnam auf Land, aber immer häufiger suchen sie auch den Süden heim. Zuletzt mussten 2017 Hunderttausende Menschen aus dem Mekong-Delta in Sicherheit gebracht werden.

„Wir haben zum Glück ein etwas stabileres Haus als unsere Nachbarn“, sagt Frau Bui. Und zum ersten Mal lächelt sie. Die Regierung schicke Vorwarnungen über das Fernsehen und mittels Lautsprecherdurchsagen. Und sie zahle Entschädigungen bei Ernteausfällen. Die Regierung stellt den Bewohnern von Vam Ray auch kleine Bäume zur Verfügung, damit sie die Mangrovenwälder wieder aufforsten können.

Unterstützt werden die Menschen hier von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die mit einheimischen Partnern Programme für den Küstenschutz umsetzt, konkret: Wellenbrecherzäune baut. Stehen die Zäune, können die Mangroven angepflanzt werden. Bei Vam Ray ist so ein 200 Meter tiefes Wäldchen entstanden, das das Dorf und seine Umgebung schützt. „Durch die Aufforstung werden die Wellen gebrochen“, erklärt Frau Bui. Es klingt auswendig gelernt. Im Hintergrund lauschen die Männer aufmerksam. Und als die Bäuerin die Regierung einmal schlecht aussehen lässt, interveniert einer von ihnen.

Treibhaus-Emissionen steigen rasant an

Vietnams Einparteienregierung nennt sich sozialistisch und geht zunehmend hart gegen Kritiker vor, berichten Menschen, die im Land leben. Zugleich setzt Hanoi auf ein rasantes Wirtschaftswachstum. 6,6 Prozent ging es 2018 aufwärts.

Der Energiehunger steigt enorm, mehrere neue Kohlekraftwerke sind in Planung. Wenn ein Entwicklungsland zum Schwellenland wird, zeigt sich das auch im Pro-Kopf-Ausstoß von CO2. In Vietnam hat er sich seit 1980 verzehnfacht, er liegt aber immer noch lediglich bei einem Drittel des deutschen.

In den kommenden zehn, elf Jahren könnten die Treibhausgasemissionen Vietnams um gewaltige 300 Prozent zunehmen. In den UN-Klimaverhandlungen hat sich die Regierung dazu durchgerungen, diese prognostizierte Steigerung um acht Prozent zu senken. 25 Prozent könnten es sein, wenn noch mehr internationale Unterstützung kommt, heißt es aus dem Umweltministerium in Hanoi. Immerhin: Bis 2030 soll der Anteil der Erneuerbaren im Energiemix auch mit deutscher Hilfe auf über zehn Prozent steigen.

Bei einem Flug über das Mekong-Delta zeigt sich, dass der Klimawandel nicht das einzige Problem für die Region ist: Von oben ähnelt die Landschaft einer Computerplatine, so künstlich sieht sie aus, so massiv hat der Mensch die Natur verändert. Kerzengerade Kanäle durchziehen die Ackerflächen, 12.000 Kilometer sind es insgesamt, nahezu jeder Quadratmeter scheint kultiviert zu sein.

Im Wasserinstitut in Ho-Chi-Minh-Stadt, dem früheren Saigon, macht Direktor Do Duc Dung die Herausforderungen für die Reiskammer des Landes deutlich: Für den Landraub ist nicht allein der Anstieg des Meeresspiegels verantwortlich.

Ob das Mekong-Delta eine Zukunft hat, ist ungewiss

Dutzende Staudämme oberhalb des Deltas in China, Myanmar, Thailand, Laos und Kambodscha hindern den Mekong daran, Sedimente in den Süden Vietnams zu spülen. Was ankommt, wird häufig für Baumaßnahmen ausgebaggert. Das Grundwasser wird entnommen, um die Felder zu bewässern. Wurde früher im Mekong-Delta zumeist nur ein oder zwei Mal im Jahr Reis geerntet, sind drei Ernten jetzt die Regel.

Auf die exzessive Nutzung des Bodens wollen sie aber nicht verzichten: „Die strategische Achse wird verändert“, sagt Herr Do. Anstatt Reis soll in der Zukunft im Mekong-Delta vor allem Fisch produziert werden. In ihrer „Resolution 120“ hat sich die Regierung das optimistische Ziel gesetzt, die Region bis 2050 zu einer der am besten entwickelten im Land zu gestalten, obwohl die Folgen des Klimawandels stärker seien als vorhergesagt. Aber auch Salzwasser könne schließlich zu einer Quelle wirtschaftlichen Einkommens werden. Statt Reis also Shrimps.

Ob das Delta aber überhaupt eine Zukunft hat, ist ungewiss. Ende Oktober haben Klimaexperten von Climate Central Berechnungen vorgestellt, wonach bis 2050 das Mekong-Delta komplett unter Wasser stehen könnte.

Die bislang düsterste Prognose für die Region. Im Umweltministerium in Hanoi ist man darüber nicht sonderlich erfreut. „Da ist nicht mit akkuraten Daten gearbeitet worden. Sie sollten die Daten der Regierung verwenden“, so ein Sprecher. Der totale Untergang des Mekong-Deltas sei „etwas übertrieben. Das führt nur zur Besorgnis in der Bevölkerung“.

In Vam Ray sieht Bäuerin Bui Thi Hoa die Lage ziemlich pragmatisch. „Wenn wir Unterstützung bekämen, wäre das sehr gut. Wenn nicht, müssen wir damit leben.“ Die Jüngeren, sagt Frau Bui, verließen ohnehin die ländlichen Regionen, um in den Städten eine Zukunft zu finden.

Mehr zum Thema Klimawandel: Lesen Sie einen Kommentar zum aktuellen Klimapolitik der Bundesregierung: 5 nach 12 – Warum Greta und Mitstreiter weiter nerven müssen. Eine bisher unbekannte Folge des Klimawandels könnte auch sein, dass Schwangerschaften bei Hitze kürzer werden.

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