Interview

Journalist Hans Leyendecker bereitet nächsten Kirchentag vor

Hans Leyendecker ist Präsident des 37. Deutschen Evangelischen Kirchentages, der 2019 in Dortmund stattfindet.

Hans Leyendecker ist Präsident des 37. Deutschen Evangelischen Kirchentages, der 2019 in Dortmund stattfindet.

Foto: MATTHIAS GRABEN

Dortmund.   Hans Leyendecker organisiert in diesem Jahr als Kirchentagspräsident den Evangelischen Kirchentag in Dortmund. Die AfD will er nicht einladen.

Er ist einer der bekanntesten Journalisten Deutschlands. Hans Leyendecker deckte Helmut Kohls Spendenaffäre auf und enthüllte mit einem Team in den „Panama-Papers“ ein internationales Finanzgeflecht. Seit der 69-Jährige zum Präsidenten des Evangelischen Kirchentags in Dortmund gewählt wurde, bereitet er das große Glaubensfest vor, zum dem im Juni 2019 Zehntausende Besucher in der Ruhr-Metropole erwartet werden. Ein zentrales Thema wird die „gespaltene Mitte“ der Gesellschaft sein. Im Gespräch mit Christopher Onkelbach erläutert Leyendecker, warum er dazu keine AfD-Politiker einladen wird.

Was reizte Sie an der Aufgabe, einen Kirchentag zu leiten?

Leyendecker: Seit 1975 habe ich jeden Kirchentag besucht. Allerdings nie in offizieller Funktion. Als mich das Präsidium anrief und fragte, ob ich die Aufgabe übernehmen möchte, dachte ich zuerst: Das ist mir eine Nummer zu groß, das traue ich mir nicht zu. Heute weiß ich, es ist eine großartige Aufgabe. Wann bekommt man eine solche Chance in meinem Alter?

Welchen Sinn kann ein Kirchentag in einer gespalteten Gesellschaft haben?

Genau dort liegt eine Aufgabe. Wir wollen Brücken bauen. Es gibt in der Gesellschaft tiefe Gräben, die Leute schreien sich an, es gibt viel Wut und Hass. Ein Kirchentag kann als Glaubensfest Verständigung erreichen. Jeder Kirchentag hat eigene Aufgaben. Dieser hat in einer gespaltenen Gesellschaft den Auftrag, zu vermitteln. Aber auch, auf das Trennende hinzuweisen und womöglich heftig zu streiten.

Besonders im Ruhrgebiet erleben wir die soziale Spaltung deutlich. Welches Signal kann vom Kirchentag für das Ruhrgebiet ausgehen?

Ich glaube, es geht auch umgekehrt von dieser Region ein Signal aus. Nämlich dass man mit großen Schwierigkeiten fertig werden kann. Dortmund hatte mal Brauereien, Stahl und Kohle. Und wie dann trotz aller Probleme der Umbau gelungen ist zu einer ganz anderen Stadt zeigt, dass man von den Erfahrungen dieser Region lernen kann. Wir werden viele Veranstaltungen im Norden der Stadt machen, dort, wo Leute aus hundert Ländern leben. Ich habe in den 70er-Jahren in Dortmund gelebt. Was ich mitgenommen habe ist die Stärke der Menschen, die nicht in Resignation flüchten.

Was bedeutet Christsein für Sie in der aktuellen politischen Debatte zwischen Flüchtlingskrise, Braunkohlestreit und Populismus?

Christsein bedeutet für mich, dass ich Hoffnung lebe. Dass die Welt barmherziger wird und wir mit der Klimakrise anders umgehen. Ich glaube nicht, dass man mit der Bibel Parteipolitik machen sollte. Es gibt keine Kirche für Grüne, Sozialdemokraten oder Christsoziale. Kirche darf nie Anhängsel einer Partei sein, dann versagt sie. Wir haben einen Glaubensauftrag. Ich halte es mit Jesus von Nazareth, weil er für die Schwachen und Erniedrigten da war, weil er gesagt hat, Geld ist nicht alles.

Wieso schließen Sie AfD-Politiker von Podien und Diskussionsveranstaltungen aus?

Weil sich die AfD in Teilen zu einer rechtsextremen Partei entwickelt hat. Wir haben 2016 beschlossen, keine Hetzer, Rassisten und Leute, die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit zeigen, einzuladen. Der Kirchentag wurde 1949 gegründet wegen der Verbrechen der Nazizeit und dem Versagen der Kirche. Der Auftrag lautet: Nie wieder! Wenn Sie heute Björn Höcke hören, glauben Sie manchmal, dass Josef Goebbels redet. Da kann man nicht sagen: Höcke, wir diskutieren mit dir. Das würde den Kirchentag sprengen.

Ist es nicht ein Widerspruch, einerseits die gespaltene Gesellschaft zu beklagen und andererseits AfD-Politiker auszuschließen?

Arbeiter-Samariter-Bund sagt Erste-Hilfe-Kurs mit AfD ab Das sehe ich nicht so. Wir laden ja AfD-Sympathisanten und -Wähler ausdrücklich ein. Wir wollen über die Themen, die diese Menschen bewegen, mit ihnen reden. Wir möchten auch AfD-Wähler auf dem Podium haben, aber nicht die Repräsentanten der Partei. Das ist ein wichtiger Unterschied. Denn den Menschen, die AfD wählen, muss man zuhören, ihre Ängste verstehen.

Bestärken Sie damit nicht erneut den Opfermythos der AfD?

Die AfD versucht, die Opferrolle zu spielen und begeht gleichzeitig den nächsten Tabubruch. Das muss man nicht mitmachen. Wer sagt, die Nazizeit war ein Fliegenschiss in der deutschen Geschichte und wir sollten zur Not an der Grenze auf Flüchtlinge schießen, diese Leute kann ich nicht auf dem Podium haben.

Wieso interessieren sich junge Menschen weniger für die Kirche?

Aber vielleicht interessieren sie sich für Hoffnung und Halt. Das findet man nicht bei Greenpeace, das findet man in der Bibel. Was uns trägt ist Haltung und Hoffnung. Das kann ich jungen Menschen sagen.

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