Lehrermangel

Immer mehr Studenten in NRW arbeiten als Aushilfslehrer

Ein anspruchsvoller Job: Für den Lehrerberuf ist nicht jeder geeignet. In NRW testen immer mehr Lehramtsstudenten schon während des Studiums, wie es ist, mit Kindern zu arbeiten.  Foto:

Ein anspruchsvoller Job: Für den Lehrerberuf ist nicht jeder geeignet. In NRW testen immer mehr Lehramtsstudenten schon während des Studiums, wie es ist, mit Kindern zu arbeiten. Foto:

Foto: Patrick Pleul / dpa

Düsseldorf.  Sie haben noch keinen Abschluss, aber sie unterrichten schon: Aufgrund des Lehrermangels in NRW geben immer mehr Lehramtsstudenten Unterricht.

Der Lehrermangel in NRW treibt kuriose Blüten. Immer mehr Lehramtsstudenten erteilen schon regulären Unterricht, obwohl sie noch weit von einem regulären Abschluss entfernt sind. Weder das Schulministerium noch die Bezirksregierungen verfügen über genaue Zahlen für dieses Phänomen, Wibke Poth, stellvertretende Landesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) sagt aber, dass „hunderte Studierende in NRW als Aushilfslehrer arbeiten“. Seit etwa vier Jahren gebe es diesen Trend. „Diese Arbeitsmöglichkeit spricht sich herum. Es ist wie eine Lawine“, so Poth.

Es sei zwar nicht grundsätzlich schlecht, dass Studierende schon als Lehrkräfte arbeiten, so die Gewerkschaft. „Wir geben aber zu bedenken, dass dann in vielen Fällen keine Zeit mehr für das Studium bleibt. Diese unerfahrenen Lehrkräfte benötigen viel Zeit für die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts“, erklärte Poth. Der VBE befürchtet auch, dass viele der Aushilfslehrer auf den regulären Studienabschluss verzichten. Damit verzichten sie aber auch auf Aufstiegschancen und eine bessere Bezahlung. Die Vertretungstätigkeit in einer Schule ersetze keine Ausbildung.

Alarm in Duisburg

Vor allem Schulen in den sozial schwierigen Vierteln haben große Probleme, ihre freien Stellen mit Nachwuchskräften zu besetzen. In Duisburg schlagen die Schulleiter bereits Alarm. Über 250 Lehrerstellen seien derzeit unbesetzt. Das ergebe einen Unterrichtsausfall von über 6000 Unterrichtsstunden – pro Woche. Elternverbände fordern, das bisherige „schulscharfe“ Bewerbungsverfahren auszusetzen und Lehrkräfte den Schulen mit besonderem Bedarf zuzuweisen. „Ebenso wie zum Beispiel für Polizeibeamte muss auch für Lehrkräfte gelten, dass sie dort hinzugehen bereit sind, wo die Not groß ist“, fordert die Landeselternschaft der Gymnasien in NRW. Mit dem Lehrermangel beschäftigt sich auch die Ruhrkonferenz.

Während die Gymnasien nur wenige freie Stellen melden, haben vor allem Grund- und Förderschulen Schwierigkeiten, Lehrer zu finden. Landesweit konnten laut Schulministerium über alle Schulformen hinweg 2876 von insgesamt 4333 offenen Stellen besetzt werden (Stand Mai). Das entspricht einer Besetzungsquote von 66,4 Prozent. Zum Vergleich: In Duisburg betrug die Quote 40 Prozent. Das bedeutet: Von 175 freien Stellen konnten bis Mai nur 70 besetzt werden. In Gelsenkirchen betrug die Quote 44,6, in Mülheim 46, in Oberhausen 52 und in Essen 55 Prozent. Bochum kam auf 55,9, Herne auf 63,6 und Dortmund auf 69,6 Prozent. In Düsseldorf hingegen lag die Besetzungsquote bei 73 Prozent, teilen die zuständigen Bezirksregierungen mit.

Auf einmal allein vor der Klasse

Der erste Tag vor einer Klasse war „wie ein Sprung ins kalte Wasser“, erinnert sich Sabine (Name geändert). „Ich stand vor den Kindern und wusste: Jetzt muss ich das hier alleine machen.“ Die 23-Jährige schreibt gerade an ihrer Bachelorarbeit fürs Grundschul-Lehramt. Aber sie unterrichtet schon in einer Grundschule im Bergischen Land. Nicht nur so nebenbei, sondern auf einer halben Stelle. Und das bedeutet – inklusive Vor- und Nachbereitung – mindestens 20 Stunden Arbeit in der Woche.

Vor gut einem Jahr warf Sabine einen Blick auf das Internet-Portal „Verena“, in dem offene Stellen für Vertretungslehrer in NRW ausgeschrieben werden. Ihre Zweifel, ob sie Chancen hätte, hier Arbeit zu finden, vergingen schnell. Schon nach der dritten Bewerbung kam eine Zusage für eine Vertretungsstelle, sogar in ihrer Heimatregion. Sie erteilt jetzt Mathe-Förderunterricht und leitet eine Arbeitsgruppe. Noten vergibt Sabine nicht, nimmt aber an Zeugniskonferenzen teil.

In Berlin gilt: „Unterrichten statt Kellnern“

Studenten als Lehrer, das ist nicht nur in NRW ein Thema. In Berlin wirbt der Stadtstaat schon länger gezielt Lehramtsstudenten an. Sie sollen neben dem Masterstudium auf einer halben Lehrer-Stelle regulär arbeiten. Motto: „Unterrichten statt Kellnern“. „Finanziell lohnt sich das“, bestätigt Sabine. „Ich verdiene netto rund 1000 Euro im Monat, für mich ist das viel Geld.“ Die Studentin sagt, sie sei „froh, dass ich diese Erfahrung in einer Schule machen kann. Auch den Stress lerne ich schon weit vor dem Referendariat kennen.“, Das helfe bei der Einschätzung, ob man für den Job geeignet sei. Denn nicht alle Kinder sind nett zu einem Neuling. „Da gab es Viertklässler, die meine Unsicherheit ausnutzten und testeten, wie weit sie gehen können“, erzählt Sabine.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) in NRW glaubt, dass diese Vertretungslehrer wichtige Erfahrungen sammeln können, warnt aber vor der hohen zeitlichen Belastung, die zu Lasten des Studiums gehen könne. Außerdem seien die Neulinge meist auf sich allein gestellt. Und noch etwas bereitet Wibke Poth, der stellvertretende VBE-Landeschefin, Sorgen: Viele der Aushilfen könnten womöglich auf den Studienabschluss verzichten, weil sie ja auch so als Lehrer arbeiten dürfen.„Eine Vertretungslehrkraft hat die gleichen Rechte und Pflichten wie eine reguläre Lehrkraft, allerdings durch den nicht vorhandenen Abschluss einen geringeren Verdienst und einen befristeten Vertrag.“ Nach sieben Jahren könne der Vertrag entfristet werden, die Aushilfskräfte würden dann als Lehrkraft geführt, ohne dass das Studium abgeschlossen werden müsse. Poth: „Was zuerst attraktiv anmutet, ist eine Sackgasse. Ohne die entsprechende Ausbildung gibt es keine weiteren Aufstiegsmöglichkeiten.“

Mehr Praxis im Studium

Warum plötzlich immer mehr Studenten als Aushilfslehrer arbeiten, erschließt sich nicht sofort. „Nichterfüller“, also Personen, die ohne Lehramts-Qualifikation auf befristeten Stellen arbeiten, gibt es schon lange. Nun aber entdecken Studenten dieses Angebot. „Vielleicht hängt das mit den erhöhten Praxis-Anteilen zusammen. Das Praxissemester zu Beginn des Masterstudiums erleichtert den Kontakt zu den Schulen“, sagt Wibke Poth.

Den Schulleitungen könne man dafür, dass sie Studenten in die Klassen schicken, keinen Vorwurf machen, findet Poth: „Sie haben Probleme, Stellen zu besetzen und suchen motivierte Mitarbeiter, die ihnen aus der Not helfen. Das Problem ist, dass die Politik die Schulen im Stich lässt und nicht dafür sorgt, dass genügend ausgebildete Bewerber in die Schulen kommen.“

NRW-Schulministerium lobt die Leistung der Vertretungslehrer

Das NRW-Schulministerium sagte, „Vertretungslehrer leisten einen wichtigen Beitrag dazu, dass Unterricht auch dann stattfindet, wenn eine Lehrkraft krankheitsbedingt ausfällt. Die Schulen entscheiden in eigener Verantwortung, wen sie zeitlich befristet auf einer Vertretungsstelle einstellen. Das können auch Studierende sein, die auf Lehramt studieren und so erste Praxiserfahrungen sammeln können.“ Diese Studenten zeigten „eine hohe Neigung zum Lehrerberuf“. Sie sollten aber ihren Studienabschluss konsequent weiterverfolgen. Die Schulen benötigten in den kommenden Jahren eine Vielzahl an grundständig ausgebildeten Lehrkräften.

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