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Zu wenig Kita-Plätze: Immer mehr Eltern gründen eigene Kita 

Kitas in Eigeninitiative der Eltern werden immer beliebter.

Kitas in Eigeninitiative der Eltern werden immer beliebter.

Foto: Getty Images

Essen.   Immer mehr Eltern gründen ihre eigene Kita. Ein Grund dafür ist der Mangel an Kita-Plätzen. Auch der Wunsch nach Mitsprache spielt eine Rolle.

Zwei Bauwagen mitten im Grünen, frische Luft den ganzen Tag, bunte Gummistiefel im Matsch und in den Kinderhänden Kastanien und Laubblätter: So hatten sich Lukas Schmülling und 23 andere Väter und Mütter ihren Naturkindergarten im Essener Stadtwald vorgestellt, als sie 2016 die Initiative „Waldbienen“ starteten. Schließlich war Tochter Hedda (4) bereits auf der Welt und Sohn Enno (3) im Anmarsch. „Wir wollten das Angebot erweitern“, sagt der heute 32-Jährige. „In Essen gibt es nur einen einzigen Wald-Kindergarten. In dem sind die Plätze rar.“

Per Flyer, über Facebook und auf Info-Veranstaltungen lernten sie Eltern kennen, denen es genauso ging. „Da waren viele dabei, die verzweifelt auf der Suche waren“, erzählt der Essener Vater. „Die hätten fast alles getan, um einen Platz für ihr Kind zu bekommen.“

Derzeit fehlen in NRW rund 70.600 Kita-Plätze, obwohl Eltern seit 2013 einen Rechtsanspruch auf Betreuung für ihr Kind haben. Immer mehr Eltern machen aus der Not eine Tugend und gründen selbst. 2013 gab es in NRW noch 1136 Kitas, die von einer Elterninitiative geleitet wurden, im Laufe der vergangenen fünf Jahre stieg die Zahl auf 1201. Nach der Einschätzung von Experten sind sowohl der Wunsch nach Mitsprache als auch der Mangel an Betreuungsangeboten in den städtischen Kitas die Gründe dafür.

„Viele Eltern wollen heute spezielle pädagogische und kulturelle Angebote wie etwa Waldkindergärten, multilinguale oder Montessori-Kitas“, sagt etwa Christian Woltering, Landesgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands NRW. Der Verband ist mit 850 Elterninitiativen der größte Träger selbstverwalteter Kitas im Land. „Oft ist es aber auch schlicht dem Mangel an Kitaplätzen geschuldet, dass Eltern selbst aktiv werden“, so Woltering. „Ohne dieses Bürgerengagement gäbe es in vielen Kommunen nicht annähernd genug Betreuungsplätze.“

Bei Lukas Schmülling kamen beide Gründe zusammen: Bei den „Waldbienen“ sollte den Kleinsten die Natur nach dem Montessori-Konzept nahe gebracht und gleichzeitig ein Betreuungsangebot für insgesamt 20 Kinder geschaffen werden. Der Ort mit den zwei Bauwagen im Grünen sei auch deshalb eine gute Lösung, weil es unglaublich schwierig sei, geeignete Räumlichkeiten im Stadtgebiet zu finden, sagt Schmülling. Diese müssen nämlich bestimmten Standards entsprechen, um eine Betriebserlaubnis zu erhalten.

Auch Ulrich Engelen, Fachbereichsleiter im Jugendamt Essen, weiß, dass das keine leichte Angelegenheit ist. Zu den Bauanträgen, Umbaumaßnahmen und Nutzungsänderungen, die die Eltern organisieren müssen, um die Raumanforderungen zu erfüllen, kommen die Beantragung von Fördergeldern, die Suche nach qualifiziertem Personal und die Rolle als Arbeitgeber, die die Eltern fortan einnehmen müssen. Engelen und sein Team stehen beratend zur Seite, doch „alles in allem ist da ein hohes persönliches Engagement gefragt“, sagt er.

Den Essener Vater Lukas Schmülling schreckte das nicht ab. Für die „Waldbienen“ erledigte er Behördengänge, beantragte Fördergelder, organisierte Bauwagen und die Nutzung von Sanitäranlagen, schließlich zog er mit der Initiative sogar vor Gericht und entschied den Streit, bei dem dem Verein rein wirtschaftliche Absichten vorgeworfen wurden, für sich. Doch dann: ein erneuter Rückschlag. Das städtische Amt Grün und Gruga verlangte ein Baumgutachten von dem Verein. „Da war es vorbei. Das hätten wir uns nicht leisten können“, so der Essener Vater. Nach knapp drei Jahren kräftezehrendem Engagements kapitulierte die Initiative, der Verein löste sich auf und die „Waldbienen“ blieben eine schöne Idee.

Tochter Hedda und Sohn Enno gehen heute in eine andere Kita. Auch sie ist aus einer Elterninitiative entstanden. Auch hier nimmt der Einsatz der Eltern einen hohen Stellenwert ein. „Es gibt Elternstunden, die abgeleistet werden müssen. Bei uns sind das 50 Stunden im Kita-Jahr“, erzählt Schmülling. So müsse etwa die Instandhaltung der Gebäude und der Spielgeräte selbst gewährleistet werden.

Kritisch sieht das die Landesvorsitzende des Deutschen Familienverbands in NRW, Petra Windeck: „Die Zusammenarbeit mit Eltern ist unheimlich wichtig und wir schätzen ihr Engagement prinzipiell sehr“, sagt die Expertin. „Es kann jedoch nicht sein, dass die Arbeit an den Eltern hängen bleibt, weil der Staat nicht in die Hufe kommt.“ Ein qualitativ hochwertiges Betreuungsangebot sei Aufgabe des Landes. Eine Kita müsse Familien entlasten, statt sie zusätzlich zu belasten.

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