Politik

Im NRW-Landtag sind Babys willkommen, Wickeln ist unmöglich

Verena Schäffer (Grüne) brachte 2016 ihr Baby mit in den Landtag und die Plenarsitzung. Sie war damit Pionierin. Ihre Fraktion hatte außerdem als erste ein Spielzimmer im Landtagsgebäude.

Verena Schäffer (Grüne) brachte 2016 ihr Baby mit in den Landtag und die Plenarsitzung. Sie war damit Pionierin. Ihre Fraktion hatte außerdem als erste ein Spielzimmer im Landtagsgebäude.

Foto: Kai Kitschenberg / Funke Foto Services

Düsseldorf.  Der NRW-Landtag bietet kaum Möglichkeiten, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bekommen. Engagierte Abgeordnete wollen das jetzt ändern.

Die jüngste Teilnehmerin der SPD-Fraktionssitzung im NRW-Landtag heißt Ida und hat einen Großteil der Sitzung verschlafen. Es war einfach zu gemütlich im Tragetuch von Mama Lisa Kapteinat, stellvertretende Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion.

Obwohl die Abgeordnete ganz selbstverständlich mit ihrer sieben Monate alten Tochter über die Flure des Landtagsgebäudes läuft, ist es für sie eine Herausforderung, Politik und Familie unter einen Hut zu bekommen. „Viele Termine sind abends und am Wochenende“, sagt sie. Wenn ihr Mann nicht einspringen könnte, würde es da oft eng werden mit der Betreuung. Dazu kommt, dass der Landtag kaum auf Kleinkinder vorbereitet ist: „Es fängt damit an, dass es hier keine Wickeltische gibt“, sagt Kapteinat.

Sitzungen bis in die Nacht gehören dazu

„Nicht zeitgemäß“, findet das der FDP-Abgeordnete und dreifache Vater Jörn Freynick. Der Vater von drei Kindern ärgert sich, dass der Landtag keinerlei Angebote für Eltern macht, weder für Abgeordnete noch für deren Mitarbeiter und die Verwaltungskräfte. Und das, obwohl viele dort sehr Arbeitstage: „Wenn Plenarsitzungen sind, dauern die schon mal bis ein Uhr in der Nacht. Da muss man sehr flexibel sein.“ Und benötigt eine ebensolche Kinderbetreuung.

Die neue Arbeitsgruppe „Familienfreundliche Politik“, die sich am Dienstag zum ersten Mal trifft, will sich unter anderem dieser Problematik annehmen. „Wir werden uns mit der Frage befassen, wie es mit einer Kita aussieht. Auch flexible Betreuungsangebote werden ein Thema sein“, kündigt die CDU-Abgeordnete Angela Erwin, seit 2018 Mutter eines Sohnes, an. Freynick ergänzt weitere Ideen: Eine Mikrowelle, um Fläschchen aufzuwärmen, Kinderwagenparkplätze im Haus, eine Waschmaschine, ein Spielplatz vor dem Gebäude – „ich freue mich, dass wir uns auf den Weg machen“.

Kollegen reagieren verständnisvoll auf Elternsorgen

Die Mitglieder der Arbeitsgruppe sind sich sicher, mit ihren Anregungen auf offene Ohren zu stoßen. „Es ist toll, wie positiv es hier aufgenommen wird, wenn jemand Mutter oder Vater wird“, sagt Erwin. Dass Lisa Kapteinat ihre Tochter jeden Dienstag mitnimmt, sei kein Problem, „alle reagieren sehr nett“. Und selbst, dass Jörn Freynicks jüngste Tochter ausgerechnet in einer Sitzungswoche zur Welt kommen sollte, er also unter Umständen wichtige Abstimmungen verpasst hätte, sei für die Fraktion völlig in Ordnung gewesen: „Ich hatte sofort den Zuspruch von allen.“

Keine Selbstverständlichkeit, wie ein Gegenbeispiel aus dem Thüringer Landtag zeigt. Im vergangenen Jahr hatte Landtagspräsident Christian Carius (CDU) die Grünen-Abgeordnete Madeleine Henfling des Plenarsaals verwiesen, weil sie mit ihrem wenige Wochen alten Sohn erschienen war. Das sei in Düsseldorf anders, betont Erwin: „Wenn jemand sein Baby zum ersten Mal mitnimmt, wird es vom Präsidenten begrüßt.“

Ein steckdosensicheres Büro

Schon vor dem Start der Arbeitsgruppe gab es erste Initiativen. So haben Grüne und CDU Büros zu Kinderzimmern umgestaltet. Seit April gibt es Mutter-Kind-Parkplätze im Parkhaus. Das sei ein Anfang, loben die Abgeordneten. Auch einen Eltern-Kind-Raum gibt es bereits. Der wird allerdings wenig genutzt und sei mehr Büro als Spielzimmer, merkt Freynick an.

Lisa Kapteinat deshalb hat ihre eigene Zwischenlösung geschaffen. Damit Tochter Ida mit ins Büro kommen kann, bis sie in die Kita geht, hat die umdekoriert. Ein rot-weiß-gestreiftes Sofa, davor ein grüner Spielteppich und eine bunte Rassel verraten: Hier arbeitet eine Mutter mit Kind. „Letztens haben wir alle Steckdosen gesichert, weil sie anfängt zu krabbeln.“ Da Abgeordnete sich ihr Büro allerdings für gewöhnlich mit ihren Mitarbeitern teilen, sei das sicher nicht für jeden eine Option, vor allem nicht für Stillende, gibt sie zu bedenken.

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