Schleuserei

Hat er am Elend der Anderen verdient?

Was wusste Michael T.?

Was wusste Michael T.?

Foto: Matthias Graben/Funke Foto Services

Düsseldorf.   Er kam selbst durch Schleuser nach Deutschland. Aber jetzt ist er angeklagt: Michael T. soll mit dem Elend seiner Landsleute Geld verdient haben.

Der Mann aus Eritrea zieht die Augenbrauen nach unten und schüttelt entschieden den Kopf: „Nein, so ein Mensch bin ich nicht“, ruft er in seiner Muttersprache in den Gerichtssaal, und der Dolmetscher übersetzt. So ein Mensch, der am Schicksal von Flüchtlingen aus seiner Heimat mitverdient, der Schleuser bei ihren finsteren Geschäften unterstützt. Genau das aber wirft die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft dem 26-Jährigen vor: Michael T., der seit zwei Jahren in Krefeld lebt, soll für eine Bande in Nordafrika der Mittelsmann in Deutschland gewesen sein.

Anklage: erpresserischer Menschenraub

Auf erpresserischen Menschenraub lautet die Anklage, Staatsanwalt Murat Ayilmaz liest acht Fälle aus den Jahren 2013/-14/-15 vor. Acht Tragödien von Flüchtlingen aus Eritrea, die in Sammelunterkünften an der libanesisch-sudanesischen Grenze misshandelt und ihrer Wertgegenstände beraubt wurden.

Ihnen allen gemein: Verwandte, die es bereits nach Deutschland geschafft hatten und die sich unter Druck setzen ließen. Eine Ehefrau, der ein Anrufer versicherte, man werde ihren Mann enthaupten, wenn sie für seine Überfahrt nach Europa nicht 1000 Euro zahlen werde. Eine Tante, ein Bruder, eine Schwester, Summen von 1000 bis 3000 Euro flossen. So sagten Betroffene es bei der Polizei aus, nachdem ein Opfer Michael T. schließlich 2017 angezeigt hatte.

Das Geld landete auf seinem Konto

Das Geld landete auf dem Konto des Angeklagten, nachdem die Angerufenen ihn kontaktiert hatten – das bestreitet er auch im Gerichtssaal an diesem Dienstagmorgen nicht. Männer, die ein entfernter Verwandter geschickt habe, hätten es dann mitgenommen, erzählt der schmächtige, dunkelhäutige Mann mit dem Oberlippenbärtchen und den kurz geschnittenen Haaren. Der Verwandte habe ihm eine Provision bezahlt: fünf Prozent.

Der Staatsanwalt glaubt ihm nicht

Er sei nur gebeten worden, bei Geldtransaktionen zu helfen, damit Menschen ihren Verwandten daheim etwas überweisen können, beteuert Michael T. mehrfach. Für medizinische Versorgung, für ein Auto oder eine Hochzeit, habe ihm sein Verwandter erzählt. Er habe nicht geahnt, was auf dem Spiel stehe, wofür das Geld wirklich benötigt wurde, er habe Betroffene nie gefragt. Er wolle sich entschuldigen, wenn er etwas getan habe, was das Gesetz verletze. Er spricht schneller und lauter, legt immer wieder die Hand aufs Herz: „Wenn ich gewusst hätte, dass Menschen in Gefahr sind, hätte ich das Geld nie in Empfang genommen.“

„Und das glaube ich Ihnen nicht“, ruft der Staatsanwalt knapp und scharf zur Anklagebank herüber.

Er kam selbst durch Schleuser nach Deutschland

Michael T. kam 2011 selbst durch Schleuser über Italien nach Deutschland; als er seine Lebensgeschichte und die Flucht auf einem Schlepperboot über das Mittelmeer erzählt, bricht die Stimme immer wieder. Eine Stunde lang hört ihm die 4. Strafkammer zu. Tagelöhner auf dem Bau sei er in der Heimat gewesen, sechs Geschwister habe er, der Vater starb, als er sieben war, die Mutter führte einen kleinen Bauernhof. In Libyen, „wo du wie ein Tier behandelt wirst“, saß er im Gefängnis, schließlich bezahlte seine Mutter 2000 Dollar für seine Überfahrt nach Europa. Warum er aus Eritrea fliehen musste, wird nicht ganz klar.

Seit 2016 ist er als Flüchtling anerkannt

2016 wird er als Flüchtling offiziell anerkannt, er macht den Führerschein, eine Ausbildung in der Lager-Logistik und findet bei einem Online-Versandhandel einen festen Job. Bis er verhaftet wird. Im Saal sitzt seine Ehefrau, die zweijährige Tochter kräht fröhlich und ahnungslos zwischen den Stühlen herum. „Vielleicht habe ich jetzt eine Zukunft“, sagt Michael T..

Wie die aussieht, weiß er wohl Mitte November. Dann fällt das Gericht sein Urteil.

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