Lehrermangel

NRW sucht Rezepte gegen Lehrermangel - Berlin als Vorbild?

Knapp 3700 offene Lehrerstellen blieben zum Schulstart in NRW unbesetzt. Vor allem die Grundschulen leiden unter dem Mangel: Hier blieb jede zweite offene Stelle frei. Foto:Ulrich Baumgarten/dpa

Knapp 3700 offene Lehrerstellen blieben zum Schulstart in NRW unbesetzt. Vor allem die Grundschulen leiden unter dem Mangel: Hier blieb jede zweite offene Stelle frei. Foto:Ulrich Baumgarten/dpa

Essen.   156 000 Erstklässler starten in Zeiten des Lehrermangels ihre Schullaufbahn. Berlin bekämpft die Krise mit ungewöhnlichen Methoden.

156 000 Kinder starten jetzt ihre Schullaufbahn. Die nächsten Jahre wird sie ein Problem zuverlässig begleiten: der Lehrermangel. Nordrhein-Westfalen steuert auf eine dramatische Personallücke zu. In den kommenden zehn Jahren werden nach Berechnungen der Landesregierung rund 15 000 Pädagogen und Sonderpädagogen an Grund-, Haupt-, Sekundar- und Gesamtschulen sowie an Berufskollegs fehlen. Dagegen wird an den Gymnasien und der Sekundarstufe 2 an Gesamtschulen ein „Überhang“ von etwa 16 000 Bewerbern erwartet. Zum Beginn des Schuljahres blieben knapp 3700 Stellen offen.

Der Deutsche Lehreverband bezweifelte, dass überall ein geordneter Schulbetrieb beginnen könne. Mit zahlreichen Maßnahmen will NRW die Lücken schließen. Dabei gebe es „keine Denkverbote“, betonte Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP).

Berlin lockt Studenten mit der Aktion „ Unterrichten statt Kellnern“ in die Schulen

Interessant könnte deshalb für die Düsseldorfer Regierungszentrale ein Blick nach Berlin sein, wo unkonventionelle Wege bei der Bekämpfung des Lehrermangels ergriffen werden. Da dort die Möglichkeit, über Seiteneinsteiger offene Stellen zu besetzen weitgehend ausgereizt sind, wirbt der Stadtstaat nun gezielt Lehramtsstudenten an. Sie sollen neben dem Masterstudium auf einer halben Stelle als reguläre Lehrkraft arbeiten. „Unterrichten statt Kellnern“ lautet die Devise.

Zudem sollen Lehramtsdozenten von den Hochschulen zurück an die Schulen beordert werden. Allerdings sorgt die Initiative an Berliner Universitäten bereits für Unruhe. Die Rektoren befürchten neben drohenden Personalengpässen, dass die Studenten durch den Nebenjob mehr Zeit für ihr Studium benötigen werden. So würde der Lehrermangel auf Dauer eher verschärft statt behoben.

Auch in NRW dürfen Lehramtsstudenten als Vertretungslehrer arbeiten

Ist die Berliner Notmaßnahme ein Vorbild für NRW? „Selbstverständlich schauen wir uns die Maßnahmen, die in anderen Bundesländern ergriffen werden an und prüfen, welche Möglichkeiten sich hier für NRW ergeben könnten“, sagte ein Sprecher des Düsseldorfer Schulministeriums. Auch in NRW sei es bereits möglich, dass Lehramtsstudenten nebenher als Vertretungslehrer arbeiten, so der Sprecher, und zwar als Angestellte mit einem befristeten Vertrag.

„Es liegt in der Verantwortung des jeweiligen Schulleiters, ob er Studenten als Vertretungskräfte anstellt.“ Es gebe allerdings keine offiziellen Zahlen, in welchem Umfang dies bereits geschieht. „In der gezielten Anwerbung von Studenten sehen wir aber keine dauerhafte Lösung zur Bekämpfung des Lehrermangels. Wir wollen vor allem, dass die Studenten zügig ihr Studium absolvieren und dann als voll ausgebildete Lehrkräfte eingestellt werden können“, so das Ministerium.

Türkischer Lehrerverband machte der NRW-Schulministerin ein Angebot

Auch auf einen zweiten Vorschlag reagiert Gebauers Ministerium zurückhaltend. Der Verband der „LehrerInnen aus der Türkei in NRW“ (TÖB) wies Ministerin Gebauer in einem Brief auf die Möglichkeit hin, kurzfristig türkische Lehrkräfte, die seit Jahren herkunftssprachlichen Unterricht (HSU) geben, zu qualifizieren und in Mangelfächern einzusetzen.

TÖB-Vorsitzender Zülfü Gürbüz sagte: „Es gibt in NRW rund 900 HSU-Lehrkräfte. Sie bringen viel Unterrichtserfahrung mit. Zudem sind viele ausländische Lehrer mit einer abgeschlossenen Lehramtsbefähigung arbeitslos. Das wäre eine Option zur Linderung des Lehrermangels.“

Ministerium sieht keine Grundlage für ein Qualifikationsprogramm

Das Schulministerium verweist darauf, dass ausländische Lehramtsabschlüsse nur anerkannt werden, „wenn sie den hiesigen Abschlüssen gleichwertig sind“. Möglich sei indes ein ergänzendes Lehramtsstudium sowie der Einsatz über den Seiteneinstieg mit einer je nach Vorbildung berufsbegleitenden Maßnahme oder einer pädagogischen Zusatzausbildung.

„Es muss immer im Einzelfall geprüft werden, ob eine im Ausland erworbene Qualifikation für das Lehramt in Deutschland befähigt“, teilt das Schulministerium mit. Für ein übergreifendes Qualifikationsprogramm speziell für erfahrene HSU-Kräfte gebe es „derzeit leider keine Grundlage“, antwortete das Ministerium auf den Vorschlag des Verbands türkischer Lehrer in NRW.

Land setzt auf Seiteneinsteiger, Sek-2-Lehrkräfte und Pensionäre

Statt dessen setzt das Land auf bewährte Instrumente. So wurde etwa die Zahl der Seiteneinsteiger von 130 im Jahr 2014 auf knapp 800 deutlich erhöht. Künftig soll auch Absolventen eines Fachhochschul-Studiums der Seiteneinstieg offen stehen. Zudem wurden mehr Studienplätze für Sonderpädagogen und Grundschullehrer geschaffen.

Seit Ende 2017 können Lehrkräfte mit einem Abschluss für die Sekundarstufe 2, die keine passende Stelle gefunden haben, zwei Jahre an einer Grundschule unterrichten. Sie erhalten die Garantie, dann an eine weiterführende Schule versetzt zu werden. Zudem sollen Pensionäre Lücken schließen und Lehrer, die kurz vor dem Ruhestand stehen, für eine längere Dienstzeit gewonnen werden.

Die Grünen schlagen vor, mit besserer Besoldung und Zeitkonten Engpässe an Grundschulen zu lindern. Jetzt geleistete Mehrstunden könnten bei gleichem Gehalt später abgebaut werden.

Ob dies alles reicht, um die Lücken in den Klassen zu schließen, ist unklar. Lohnt also doch ein Blick nach Berlin? Aus dem Schulministerium heißt es: „Wir sind offen für gute Vorschläge.“

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