„Zehn nach Zehn“ hat gut getan

Feste wie „Zehn nach Zehn“ sind gut fürs Selbstvertrauen

Das Ruhr Museum am Samstag, 11.Januar 2020 auf dem Gelände des Weltkulturerbes Zeche Zollverein in Essen.

Das Ruhr Museum am Samstag, 11.Januar 2020 auf dem Gelände des Weltkulturerbes Zeche Zollverein in Essen.

Foto: Olaf Fuhrmann / FFs

Muss das eigentlich sein? Ein Fest zum Zehnjährigen der Kulturhauptstadt, obwohl zehn Jahre noch nicht einmal ein richtiges Jubiläum sind?

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Das Ruhrgebiet kennt sich selbst immer noch nicht ganz. Deshalb staunt es so gern – über sich. Wer hätte gedacht, dass sich zum Feiern des zehnten Jahrestags der Kulturhauptstadt-Eröffnung an einem so usseligen Januarwochenende Menschenmassen auf dem Zollverein-Gelände einstellen würden. Dessen Reiz besteht ja nicht zuletzt im wohligen Schauder über die Verwandlung eines dreckschleudernden, menschenfressenden, erdausweidenden Giganten in einen Geschichtspark.

Zum gemeinsamen Staunen kommt das einstige Revier immer noch freudig zusammen, gern auch in großer Zahl. Wie schön das ist, nicht nur viele, sondern auch eins zu sein, wie stolz wir sein können auf die große Verschiedenheit, die zu etwas Unvergleichlichem gewachsen ist, hat im Kulturhauptstadt-Jahr das „Stillleben“ auf der A40 gezeigt. Es ist unwiederholbar, schon wegen des heute noch größeren Sicherheitsaufwands, der dafür getrieben werden müsste.

Die Love Parade und die großen Bilder

Schließlich brachte das Jahr der Kulturhauptstadt auch die Katastrophe der Love Parade, die zwar nicht zum Programm von Ruhr.2010 gehörte, aber ohne sie kaum stattgefunden hätte. Bei allem wohligen Zurückdenken an die „Schachtzeichen“ (sicherlich die sinnvollste, im wahrsten Sinne tiefgründigste Aktion des großen Budenzaubers für Europa) gehört auch die Erinnerung an die Selbstüberschätzung, an den fast fanatischen Willen zu großen, bunten, gut gelaunten Bildern, der in Duisburg das Gegenteil bewirkte, mit zu einem lernenden, empathischen Rückblick auf 2010.

Mit der „Extraschicht“ nicht nur Geschichte feiern, sondern auch Gegenwart und Zukunft

Aber Anlässe der Selbsterfahrung einer Region, das Bewusstmachen ihrer Geschichte und das Ausmessen, wie weit sich die Gegenwart von ihr schon entfernt hat, sind immer wieder wichtig. Nur aus solcher Selbsterfahrung erwächst echtes Selbstvertrauen. Deshalb sollte bei der „Extraschicht“, der alljährlichen „Nacht der Industriekultur“ nicht nur der Strukturwandel von Montan zu Kreativ gefeiert werden, sondern auch die Gegenwart und die Zukunft der Region. Das würde bedeuten, nicht nur in alten Schiffshebewerken, Kraftzentralen und Hochofenanlagen zu feiern, sondern auch in den fast zwei Dutzend Hochschulen zwischen Hamm und Kamp-Lintfort. Die rationalisierte Wissensproduktion ist schließlich auch eine Art von Industrie. Und die können wir heute noch besser als Kohle und Stahl.

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