Finanzen

Vorsicht vor Wucherzinsen bei Restschuldversicherungen

Für sehr viele Versicherte sind teure Restschuldversicherungen völlig wertlos, wenn es um die Vorsorge für Todesfall, Arbeitslosigkeit oder Krankheit geht

Für sehr viele Versicherte sind teure Restschuldversicherungen völlig wertlos, wenn es um die Vorsorge für Todesfall, Arbeitslosigkeit oder Krankheit geht

Foto: Jens Wolf / dpa

Berlin   Kredite werden von Banken gerne im Paket mit Versicherungen verkauft. Dabei kommt es oft zu horrenden Kosten, wie die FDP kritisiert.

In der Finanzwelt gibt es für Verbraucher unverändert absurd teure Geschäfte, von denen man annahm, sie seien spätestens seit der Bankenkrise vor zehn Jahren von der Politik eingedämmt worden. Dazu zählen sogenannte Restschuldversicherungen.

Mit diesem sperrigen Begriff kommt in Berührung, wer sich zum Beispiel für den Kauf eines neuen Autos oder eines schicken Sofas das nötige Geld über einen Konsumentenkredit besorgt. Die verlangten Zinsen erscheinen auf den ersten Blick erträglich. Doch die Berater von Finanzdienstleistern wissen, was die Kundschaft um den Schlaf bringt: Wer zahlt den Kredit ab, wenn ich sterbe, meinen Job verliere oder dauerhaft krank bin?

In diesen Fällen soll die Versicherung einspringen. Für Banken ist das in Deutschland ein Milliardenmarkt – für die Kunden in Hunderttausenden Fällen aber ein sinnloses und sehr teures Geschäft.

Schäffler: „Die Praxis des Verkaufs ist ein Ärgernis.“

Frank Schäffler hat sich die Szene genauer angeschaut – und alarmierende Zahlen und Fakten zusammengetragen. Der FDP-Bundestagsabgeordnete und Finanzexperte aus dem ostwestfälischen Bünde saß vor ein paar Jahren in vielen Talkshows, weil er als Anführer einer „Rebellengruppe“ letztlich erfolglos die Unterstützung der damaligen Parteispitze für die Euro-Rettungspakete stoppen wollte.

Vor seinem Politikerleben war Schäffler für den Finanzdienstleister MLP aktiv. Er kennt die Branche also bestens von innen. Nun hat er die Bundesregierung in einer Anfrage dazu genötigt, Farbe zu bekennen. „Die Praxis des Verkaufs von Restschuldversicherungen ist ein wirkliches Ärgernis und grenzt an Sittenwidrigkeit“, kritisiert Schäffler.


Reden wir von einem Nischenpro­blem?

Ganz und gar nicht. Wie eine unserer Redaktion vorliegende Antwort des Bundesfinanzministeriums auf Fragen von Schäffler zeigt, waren 2017 rund 1,57 Millionen Restschuldverträge bekannt, die gemeinsam mit dem eigentlichen Kredit abgeschlossen wurden.

Die Versicherungssumme allein in Form dieser Kollektivversicherungen betrug stolze 11,254 Milliarden Euro. Tatsächlich dürfte es weit mehr Verträge geben, weil auch Einzelverträge verkauft werden. „Für Letztere liegen keine konkreten Zahlen vor“, räumt die Bankenaufsicht Bafin ein. Auch „vielfältige Zusatzversicherungen“ sowie Angebote ausländischer Banken werden überhaupt nicht erfasst.

Zahlt sich so eine Versicherung denn aus?

Aus Verbrauchersicht kommt jetzt eine erschreckend niedrige Zahl. Im Jahr 2017 wurden nach Angaben der Bundesregierung nur bei 2350 Versicherungsfällen Leistungen ausgezahlt – das waren 0,2 Prozent. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) weist allerdings daraufhin, dass diese Leistungsquote etwa bei einer fünfjährigen Laufzeit auf 1,0 Prozent steige - was immer noch äußerst dürftig ist.

Für 99 Prozent der Versicherten sind teure Restschuldversicherungen also völlig wertlos, zumindest was die Vorsorge für den Todesfall angeht. Trotzdem werden 32 Prozent aller Konsum- und Kfz-Kredite mit einer Restschuldversicherung versehen. Nach GDV-Angaben greift aber bei Arbeitsunfähigkeit und Arbeitslosigkeit der Versicherungsschutz in der Praxis deutlich häufiger.

Wie teuer sind die Versicherungen?

Schäffler sitzt für die FDP im Beirat „Marktwächter Finanzen“ des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv). Dort sei in einer Sitzung kürzlich von einem Fall aus Sachsen berichtet worden. Ein Bürger habe einen Konsumentenkredit in Höhe von 35.000 Euro (auf 5 Jahre) abgeschlossen, bei dem eine Restschuldversicherung mit einer Prämienhöhe von 21.000 Euro verkauft wurde.

Der Verbraucher muss also nicht 35.000 Euro, sondern sage und schreibe 56.000 Euro abstottern. Das ist kein Einzelfall. Dorothea Mohn, Leiterin des Finanzmarktteams beim vzbv in Berlin, spricht von „Exzessen“, die sich einige Banken auf diesem Feld leisteten: „Restschuldversicherungen sind für die Banken wahre Gelddruckmaschinen. Wir reden von einem überteuerten Produkt, was sehr viele Verbraucher gar nicht brauchen.“ Mit Provisionen von teils 50 bis 90 Prozent peppten Banken ihre Zinskalkulation gewaltig auf – zulasten der Kunden.

Wer sind die großen Anbieter in diesem Geschäft?

Nach Brancheninformationen mischen unter anderen die Banken Targo und Santander stark bei Restschuldversicherungen mit. Aber auch Volksbanken und Sparkassen bieten diese Art der Kreditabsicherung an. Das ist nicht per se anrüchig, da diese Finanzgeschäfte legal sind.

Was Verbraucherschützer aber massiv kritisieren ist, dass sehr viele Kunden diesen Schutz gar nicht bräuchten, er ihnen ohne gesonderte Beratung aufgeschwatzt werde und die Kosten im Effektivzins des Kredits nicht ausgewiesen werden müssen und so das böse Erwachen später folgt.

Kennt die Politik das Problem?

Ja. Das für Banken äußerst lukrative Geschäft ist kein Geheimnis. FDP-Mann Schäffler sagt, spätestens seit 2014 hätten auch in Deutschland die Alarmglocken schrillen müssen. In Großbritannien setzten betroffene Kläger vor Gericht durch, dass im großen Stil viele Restschuldversicherungen rückabgewickelt wurden.

Nach Schätzung der britischen Aufsichtsbehörden erhielten Verbraucher seit 2011 mehr als 30 Milliarden Euro zurückgezahlt. Verbraucherschützer, die freudig überrascht sind, dass ausgerechnet die FDP an ihrer Seite für mehr Kundenrechte gegenüber Banken streitet, fordern seit Langem, dass die deutsche Finanzaufsicht aktiv wird.

Was sagt Finanzminister Olaf Scholz zu den Wucherzinsen?

Aktuell will sich das Ministerium des SPD-Vizekanzlers nicht äußern, wann und wie exorbitant hohen Provisionen ein Riegel vorgeschoben werden könnte. Immerhin ist das Thema auf dem Radar von Scholz’ Fachleuten: „Die Bundesregierung prüft derzeit, ob und in welchem Umfang eine Deckelung von Abschlussprovisionen auch bei Restschuldversicherungen in Betracht kommt.“

Was schlagen Experten vor?

Nach Ansicht von Verbraucherschützerin Mohn besteht „akuter Handlungsbedarf“. Sie fordert, die Unterschriften unter Kredit und Versicherung zeitlich zu trennen, etwa um sieben Tage. Der Kunde bekäme Bedenkzeit, zugleich fiele der künstlich aufgebaute Druck weg, den Ratenkredit gebe es nur mit dem teuren Versicherungsextra.

Auch sollten Provisionen nicht mehr auf einen Schlag zum Start auf die Kreditsumme geschlagen werden, sondern gestaffelt über die ganze Vertragslaufzeit – mit gesonderter Abrechnung der Kosten.

Was können Betroffene tun?

Wer eine teure Restschuldpolice abschließt, hat meist bis zu 30 Tage Zeit für einen Widerruf. Ältere Verträge kann man Verbraucherschützern vorlegen. Fehler im „Kleingedruckten“ (viele Verträge enthalten mangelhafte Widerrufsbelehrungen und Ausschlusskriterien) könnten dabei helfen, einen nachträglichen Widerruf erfolgreich durchzusetzen.

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