Europawahl

Nico Semsrott geht nach Brüssel – Erfolg für Die Partei

Heimliche Sieger: "Die Partei" ist drittstärkste Kraft bei den Erstwählern

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Berlin  Nach der Europawahl zieht der Komiker Nico Semsrott für Die Partei ins Parlament ein. Warum ist Satire in der Politik so erfolgreich?

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Die Partei hat bei der Europawahl 2019 drei Stimmen holen können. Für die Partei ist das ein voller Erfolg und eine Vervierfachung des Wahlergebnisses von 2014. Vor allem bei den Erstwählern konnte die Partei punkten. Insgesamt holte die Partei von Martin Sonneborn 2,4 Prozent, was insgesamt drei Sitze im Europaparlament bedeuten würde.

Besonders interessant: In Berlin überholte die Partei mit einem Ergebnis von 4,8 Prozent sogar die FDP, die lediglich 4,7 Prozent holen konnte.

Damit bekommt Martin Sonneborn Zuwachs im Europäischen Parlament. Bisher saß er dort nämlich alleine. Nun soll er von Satiriker Nico Semsrott verstärkt werden. „Ich freue mich sehr, dass Nico jetzt mit nach Brüssel kommt – einfach aus dem Grund, dass ich mich zur Ruhe setzen kann in den nächsten fünf Jahren. Nico ist 20 Jahre jünger, er hat versprochen, die Arbeit zu machen“, sagte Sonneborn am Sonntag in einem auf Twitter veröffentlichten Video.

Die Partei überholt die FDP in Berlin

Der Satiriker Nico Semsrott kommentiert seinen Erfolg so: Er hätte im Herbst 2007 auch nicht gedacht, dass er zwölf Jahre später in dasselbe Parlament wie der italienische Ex-Premier und Medienmogul Silvio Berlusconi gewählt würde.

2007 stand Semsrott nach eigenen Angaben noch auf einer Bühne „in einem verrauchten Keller auf St. Pauli“ und nahm dort an einem Poetry-Slam teil. So begann zunächst der Aufstieg eines Komikers, der zuletzt häufig soziale und politische Debatten für die bekannte „Heute Show“ im ZDF kommentierte – meist ironisch bis lakonisch, immer mit einer Portion Satire.

„Die Partei“ zieht ins Europa-Parlament ein

Jetzt zieht Semsrott in das EU-Parlament in Brüssel ein – für die Satire-Truppe Die Partei. Die „Anarcho-Gruppe“ (Semsrott) konnte die Stimmen laut dem vorläufigen Endergebnis im Vergleich zur Europa-Wahl 2014 vervierfachen. Von 0,6 Prozent auf 2,4 Prozent. Semsrott stand auf Listenplatz zwei, direkt hinter Partei-Frontmann und Ex-Titanic-Chefredakteur Martin Sonneborn. Die Partei hatten vorher mit Nazi-Namen wie Göbbels, Hitler, Speer und Heß zur Europawahl aufgerufen und damit Aufmerksamkeit erzeugt.


Und wie eine Satire-Zeitschrift betreibt Die Partei bisher auch Politik. Mit Ironie und Sarkasmus – und offenbar mit (zumindest relativem) Erfolg. Vor allem bei den jungen Wählern schnitt die Partei gut ab, bei Erstwählern wurde sie sogar drittstärkste Kraft hinter den Grünen und der Union, aber noch vor der FDP, den Sozialdemokraten und der Linken.

In einem Interview mit der „FAZ“ hatte der 33 Jahre alte Komiker Semsrott sein Wahlziel so erklärt: „Europa stärken, Deutschland schwächen.“ Ein Wahlprogramm habe seine Partei nicht: „Weil ‚Die Partei‘ eine Anarcho-Gruppe ist und aus 35.000 Flügeln besteht. Da kann jeder machen, was er will.“ Über sich selbst sagt Semsrott: „Mit mir können sich Wähler identifizieren. Ich bin ein ganzer normaler Mensch mit Selbstzweifeln, Selbsthass, und ich fühle eine große Einsamkeit.“

Das Wahlprogramm von Die Partei

Ernsthafter äußerte sich zuletzt Spitzenkandidat Sonneborn zu dem Programm und den Zielen seiner Partei. Zum Wählerpotenzial von „Die Partei“ hatte er vor der Wahl erklärt, sein Zusammenschluss sei „eine Partei für intelligente Protestwähler“.

Die Zielgruppe: Vor allem Menschen, „die eigentlich die SPD wählen würden, wenn diese noch sozialdemokratische Inhalte vertreten würde“. Oder Unterstützer der Grünen, „wenn sie noch Ideale hätten und nicht zu einer zu gut gelaunten Partei der Besserverdienenden geworden wären“.

Endergebnisse zur Europawahl in unserer interaktiven Grafik:

Vor der Wahl hatte Die Partei mit einem Werbespot zur Rettung von Flüchtlingen und Migranten im Mittelmeer für Aufmerksamkeit gesorgt. Gestaltet wurde der Spot von den Seenotrettern von „Sea Watch“ – und zeigt einen kleinen Jungen mit rotem Pullover, der langsam im Mittelmeer ertrinkt. Der Junge kämpft ums Überleben, doch dann sinkt er in die Tiefe.

Weit mehr als 10.000 Menschen sind in den vergangenen Jahren auf der Flucht über das Mittelmeer in Richtung Europa ertrunken. Der Wahlwerbespot war ebenfalls eine ernsthafte Botschaft der sonst vor allem als Spaß-Partei bekannten Sonneborn-Truppe.

„Ossi-Quote in Führungspositionen“

Für eine abschließende Bilanz ist noch Vorsicht geboten, genaue Analysen für die Motive zur Wahl fehlen noch, vor allem für kleinere Parteien wie Die Partei. Doch vergleichbar mit dem Erfolg der Grünen dürfte der Stimmenzuwachs für Die Partei auch eine Art „Denkzettel von links“ an Union und SPD gewesen sein. Wofür stehen die kleinen Parteien eigentlich?

Ironisch sagte Sonneborn auf „watson.de“, der Stimmenzuwachs seiner Partei liege vor allem an der Mitarbeit der anderen Parteien. „Danke, dass die alle für uns Wahlkampf gemacht haben.“ Er kommentierte weiter: „Die Grünen werden die neue SPD. Und wir werden die neuen Grünen.“

• Auch interessant: Jung und urban – warum die Grünen so erfolgreich sind.

Die Kleinstpartei wolle sich im EU-Parlament in Brüssel künftig etwa für eine „Ossi-Quote in Führungspositionen“ oder „Artenschutz für die SPD“ einsetzen, so die Spitzenkandidaten. Sonneborn selbst hat nach Jahren als einziger Vertreter seiner Spaß-Partei im Europaparlament nun den Komiker Nico Semsrott neben sich auf den Plätzen der Abgeordneten.

„Ich freue mich sehr, dass Nico jetzt mit nach Brüssel kommt – einfach aus dem Grund, dass ich mich zur Ruhe setzen kann in den nächsten fünf Jahren. Nico ist 20 Jahre jünger, er hat versprochen, die Arbeit zu machen“, bilanzierte Sonneborn den Wahlerfolg in einem Video auf Twitter. (cu/dpa/fmg)

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