Hochschule

Eine Milliarde für mehr Professoren

Viele Studierende, wenige Professoren – in NRW ist die sogenannte Betreuungsquote besonders schlecht. Foto:MATTHIAS GRABEN

Foto: Matthias Graben / Funke Foto Services

Viele Studierende, wenige Professoren – in NRW ist die sogenannte Betreuungsquote besonders schlecht. Foto:MATTHIAS GRABEN Foto: Matthias Graben / Funke Foto Services

Essen.   Bund will 1000 zusätzliche Dauerstellen für Nachwuchsforscher schaffen. Auch die Universitäten im Ruhrgebiet profitieren kräftig – dennoch reicht das bei weitem nicht.

Eine Karriere an der Hochschule gleicht immer noch einem Roulette-Spiel. Zu langwierig, zu unsicher, zu aufwendig und zudem noch schlecht bezahlt – so stellt sich die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses dar. Über 80 Prozent von ihnen sind befristet beschäftigt, ergab der jüngste Bericht der Bundesregierung zur Lage des Wissenschaftlichen Nachwuchses. Zudem verfügten Promovierende im Schnitt über ein knappes Nettoeinkommen von 1260 Euro.

„Immer mehr Zeitverträge, lange und steinige Karrierewege, fehlende Vereinbarkeit von Arbeit und Familie – so kann es nicht weitergehen“, kommentiert die Bildungsgewerkschaft GEW den Bericht. Experten warnen seit langem vor der Abwanderung talentierter aber frustrierter Jungforscher.

Sechs Jahre bis zur Festanstellung

Als ein möglicher Ausweg aus der Misere gelten sogenannte Tenure-Track-Professuren. Dabei handelt es sich um „Junior-Professuren“, die nach einer sechsjährigen Bewährungszeit in eine Festanstellung münden. Sinn der Sache: Sichere und planbare Karrierewege für Nachwuchsforscher bis zur Lebenszeitprofessur – wenn die Leistungen stimmen.

Mit insgesamt einer Milliarde Euro wollen Bund und Länder bundesweit 1000 solcher Stellen schaffen, um die Lage des akademischen Nachwuchses zu entschärfen. Sechs Hochschulen in NRW waren mit ihren Bewerbungskonzepten in dem Programm erfolgreich und erhalten in den kommenden Jahren rund 100 Millionen Euro, um 104 zusätzliche Tenure-Track-Professuren einzurichten.

Unis im Ruhrgebiet jubeln über 54 neue Professoren

Allein die drei Unis im Ruhrgebiet – Duisburg-Essen, Bochum und Dortmund – konnten 54 Professuren einwerben. „Das ist ein herausragender Erfolg für den Wissensstandort Ruhrgebiet“, jubeln die in der Universitäts-Allianz Ruhr (UA Ruhr) verbundenen Unis. So kann sich die TU Dortmund über 15, die Ruhr-Uni Bochum über 18 und die Uni Duisburg-Essen sogar über 21 neue Professoren freuen. Die Förderung beginnt am 1. Dezember 2017.

„Das ist ganz schön viel Personal, damit können wir unser Forschungsprofil weiter schärfen. Und auch die Studierenden haben etwas davon“, sagt Prof. Isabell van Ackeren, Prorektorin für Studium und Lehre der Uni Duisburg-Essen. Dadurch können junge Wissenschaftler nun direkt nach der Promotion ihren Karriere- und Lebensweg planen. Und die Hochschulen können mit dem zusätzlichen Personal Forschungsziele verfolgen, die sonst nicht möglich wären. So würden an der Uni Duisburg-Essen vier Professuren im Bereich „Bildung in der digitalen Welt“ angesiedelt, fünf weitere im Schwerpunkt Migrations- und Integrationsforschung. Weitere Stellen gehen in die gefragten Ingenieur- und Naturwissenschaften.

Zeitverträge, Jobwechsel, miese Bezahlung

„Wir müssen diesen jungen, engagierten Menschen etwas bieten“, sagt van Ackeren. Der übliche Weg über eine Habilitation dauere oft zu lange, im Schnitt ist der Kandidat dann 41 Jahre alt, hat zahlreiche Zeitverträge gesammelt und etliche Ortswechsel hinter sich. „Das halten viele nicht durch, gehen ins Ausland oder in die Wirtschaft.“

Bei aller Freude über die neuen Stellen – angesichts von landesweit gut 5000 Universitäts-Professoren dürften sie zwar hilfreich sein, aber die Personalnot nicht wirklich lindern. Nirgendwo in Deutschland muss ein Professor so viele Studierende betreuen wie in NRW. „Ja, die Betreuungsrelation treibt uns um“, sagt van Ackeren. Das sei vor allem im Ruhrgebiet ein drängendes Thema. Manche Fächer stöhnten zuletzt über eine Auslastung von bis zu 200 Prozent.

GEW: Viel mehr Stellen wären nötig

Das Tenure-Track-Programm könne daher nur ein Anfang sein, meint der stellvertretende GEW-Vorsitzende Andreas Keller. Das Programm müsse aufgestockt und um eine Entfristungsoffensive ergänzt werden. „Wir brauchen allein an den Universitäten bundesweit 5000 zusätzliche Tenure-Track-Professuren und 40 000 zusätzliche Dauerstellen“, so Keller. Nur so könne die Betreuungsrelation zwischen Studierenden und Professoren verbessert werden.

Zur Ankündigung von Ministerpräsident Armin Laschet, NRW bundesweit vom letzten auf den ersten Platz bei der Betreuungsrelation hieven zu wollen, sagt Isabell van Ackeren: „Das Ziel ist zwar attraktiv, aber ist es auch realistisch?“ Jedenfalls würde es sehr viel Geld kosten.

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